Otay: Onii - Love Is In The Shit


Art Pop • Experimental Post Rock • 
(32:29; Vinyl, CD, Digital; Pelagic Records; 08.05.2026)
Ganz spannendes Terrain diese Chinesin, die aktuell ihren Lebensbereich in Berlin hat. Bekannt durch u. a. das Roadburn Festival, als Komponistin, kreative Performerin, beteiligt an der Opern-Produktion „SANCTA“ und viel beachtet in Sachen Global Music Awards, hat sie sich bereits einen Namen innerhalb der kreativ-experimentellen Kunstwelt geschaffen.

„Love Is In the Shit“ (was ein Titel!) kennt absolut keine Grenzen, gibt der Stimme der Künstlerin jede Art von Freiraum für Kreativität, Pop, Avantgarde, Freigeistigkeit und grenzbrechender Musikalität.

Inhaltlich greift die Künstlerin in nahezu alle psychischen Randbereiche – Panikattacken, Krach, Wut, Schmerz, schwarzer Humor – und verarbeitet die Kunst bzw. Beherrschung, bei all dem Wahnsinn da draußen nicht den Verstand zu verlieren und mit einer gehörigen Portion Ironie den kranken Irrsinn einfach wegzulächeln. Somit wird Katharsis innerhalb der Musik zum Ausdruck gebracht.

In knapp 33 Minuten ist die Stimme das leitende Medium, ergänzt um Piano, synthetische Experimente, Klangcollagen, Industrial, wilde Pop-Abfahrten und trippige Verrücktheiten. Lässt man sich auf die Klänge ein, findet sich der Zugang zu diesem Kaleidoskop abgefahrener Stilistika.

Ob Björk, Anna von Hausswolff oder all die wundervollen verrückten Nischen-Chanteusen da draußen – Otay:Onii passt mit ihrem wilden Sound-Mix gut in diese Mitte, darf umarmt werden ob ihrer Andersartigkeit, ihrer latenten Verzweiflung und ihres Wahnwitzes. Ob orchestrale Soundflächen, Kakophonie oder liebliche Pop-Melodik – nichts bleibt unberührt und fügt sich am Ende auf unerklärliche Weise zu einem stimmigen Mosaik zusammen.

Jeder Song ist sein ganz eigenes Kapitel, immer wieder blitzt eine strange Eingängigkeit, ein spezielles Pop-Verständnis durch, das natürlich mit kaputten, latent experimentellen Noise-/Industrial-Einschüben seine brutale Erdung erfährt. Klingt schlimmer, als es tatsächlich ist – es braucht nur eine gewisse Offenheit als Hörer, um in diesem Panoptikum ein Licht am Ende des Tunnels zu erkennen.

Mir gefällt dieses sehr persönliche, gar intime Album, spielt es doch mit eigenem Ausdruck, vorsichtiger Verzweiflung und krankem Humor. Es verbindet Schräges mit unverblümter Melodik, und Freunde des avantgardistischen Female Pop, der postigen Nische, experimenteller Strukturen und asiatischer Eigenwilligkeiten werden hoffentlich ebenfalls ihren Spaß an diesem Potpourri des nackten poetischen Wahnsinns haben.
Bewertung: 11/15 Punkten


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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Pelagic Records zur Verfügung gestellt.