Kristoffer Gildenlöw - Humanised


Progressive Metal • New Artrock • Atmospheric Rock •
(45:27; Vinyl, CD, Digital; Dutch Music; 29.05.2026)
Der Schwede macht ja seit vielen Jahren – gerade mit seiner Solo-Arbeit – fast alles richtig. Waren die letzten Werke eher introvertierter, schwermütiger Natur, so wird sich hoffentlich manch Alt-Fan des Künstlers freuen, dass es mit „Humanised“ doch um einiges rockiger, metallischer, kantiger zugeht.

Top produziert, mit wesentlich mehr Abwechslung und dynamischen Strukturen weiß der begnadete Musiker positiv zu überraschen. Ob Tool, King’s X, Melodic Hard Rock, hier kommen einige frische Stilistiken auf die Tanzfläche und ich muss gestehen, da war ich schnell von angefasst.

Grooves, Intensität, Melodien, Seven-String Gitarre, Melancholie – mal etwas progressiv verschachtelt – alles an Trademarks ist drin, aber mit der doch höheren Energie und frischen Power aktuell ergibt dies ein wilderes, wesentlich abwechslungsreicheres Szenario.

Das instrumentale Opening ‚Rendering‘ türmt sich innerhalb seiner wehmütigen Melodik schön in die Vollen, ‚Nothing Lasts Forever‘ ist dann Widescreen-Prog Metal at its best. Kraftvoller Beginn, melancholische Strophe, sensitive Vocals, progressiv auftürmendes Riffing schieben mehrere Wellen ineinander, erzeugen ordentlich Druck und wenn sehnsüchtig-mehrstimmige Vocals nach dem unsichtbaren Mehr greifen, wird es richtig leidenschaftlich.

Der Sound-Teppich ist ne Wucht, jedes Detail – jede Feinheit im sanften, aber auch zupackenden Moment – darf man sich auf der Zunge zergehen lassen. Dramatik gab es auch auf den Vorgängern, aber die war meist in schwere Melancholie gebettet, oft langsam und elegisch. „Humanised“ fordert den Hörer da wesentlich energischer, was ich absolut begrüße. Tool-und Opeth-Referenzen in ‚Landfill‘, aber auch traditionelle Metal-Stilistika fließen regelmäßig mit in den Gesamtsound ein. Ein Füllhorn frischer Ideen – Gildenlöw weiß als Regisseur einfach, was wo hingehört und akzentuiert dies mit passenden Phrasierungen im Gesang auf perfekte erzählerische Weise.

Phasenweise düster, theatralisch, aber auch immer wieder mit massig Energie nach vorn passiert die ganze Zeit was und dies macht die rockige Rille maximal schmissig und kurzweilig. ‚The Almosts‘ als Vorab-Single ist so typisch für den Schweden, verbindet die düster-melancholische mit der hymnisch-rockigen Seite und lässt mit eingängiger Melodik schon im ersten Anlauf nen Gänsehaut-Ohrwurm zu. Die Drums sind dramaturgisch der Volltreffer, pushen mit sattem Groove, vielen Verschiebungen in der Dynamik-Kurve, ohne ansatzweise dramaturgische Lücken entstehen zu lassen.

‚Intermezzo‘ setzt instrumental den kurzen zentralen Mittelpunkt, ‚Nothing Stays The Same‘ spielt mit elektronischen Effekten, schwer schleifenden Riffs, die mich sogar an jüngere Katatonia erinnern. Die immer etwas geisterhaft gehauchten Vocals weiß man nicht erst mit diesem Album zu schätzen, da ist Gildenlöw eh einer der charismatischsten Vertreter seiner Zunft. Ob schwebend, theatralisch, so dürfen auch Einflüsse des nordischen Artrock nicht fehlen.

Mit anfänglich satter Grunge Metal-Optik agiert das Riff-Monster ‚The Fields‘. Lange braucht es nicht, da brechen melancholische, angenehm weiche Pink Floyd Aphorismen die Härte auf, schwingt sich der Song zwischen hart und zart ein, wobei die wunderschön elegischen Parts einfach nur grandios sind und jeden Fan zwischen David Gilmour und Tiamat’s „Wildhoney“ ein paar Freudentränen abringen dürfte.

Proggy und freaky groovt ‚Before I Fall Asleep‘, ist mit Abstand der schrägste Entwurf der Platte, wobei auch hier innerhalb der Strophen harmonische, gar sphärische Vokal-Parts einen feinen Kontrast generieren. Alles ist im Flow, zeugt von Kreativität und ‚Binary‘ ist dann der perfekte Abschluss eines wirklich intensiven, sehr abwechslungsreichen Albums, bei dem Gildenlöw mit wesentlich mehr Riffs, Elektronik, Ecken und Kanten operiert.
Bewertung: 13/15 Punkten

Besetzung:
Kristoffer Gildenlöw – Vocals, Various Instruments

Gastmusiker:
Leo Margarit – Drums (Pain of Salvation, For All We Know)
Daniel Magdič – Guitar Solo on the Track ‚Landfill‘.
Thijmen van der Meer – an emerging Talent from the Netherlands, who features with a Guitar Solo on ‚The Fields‘

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Abbildungen: Kristoffer Gildenlöw