Blindead 23 - Deuterium

Sludge • Post Metal • Death Doom • Progressive Metal
(53:52; Vinyl (2LP), CD, Digital; Peaceville/Tonpool; 22.05.2026)
Wenn ein Album fast eine Stunde lang versucht, zwischen Untergang und Aufbruch gleichzeitig zu leben, dann ist das meistens ein gutes Zeichen – oder jemand hat zu viele Ideen und zu wenig Filter. Blindead 23 sind dabei kein Zufallsprodukt, sondern das bewusst weiterentwickelte Nachfolgeprojekt von Blindead, das die alte Death-Doom-Sludge-Schwere nicht abschüttelt, sondern in eine deutlich größere, proggigere Struktur überführt.
Schon die Besetzung wirkt wie ein europäisches Spannungsfeld aus Szene-Herkünften: Mateusz „Havoc“ Śmierzchalski (ex-Behemoth, ex-Blindead), Patryk Zwoliński (ex-Blindead) sowie ein erweitertes Line-up mit Paweł Jaroszewicz (ex-Vader, ex-Decapitated) und Roger Öjersson (Kamchatka, ex-Katatonia, ex-Tiamat, ex-Pain-Of-Salvation). Gerade Öjersson ist hier der eigentliche Verschieberegler: Seine Gitarrenarbeit zieht das Ganze konsequent in Richtung Prog, vor allem aber seine cleanen Vocals, die immer wieder wie ein fremder, fast klassisch-proggiger Körper im Blindead-Kosmos wirken.
Damit entfernt sich „Deuterium“ hörbar vom früheren Blindead-Doom-Schlamm und entwickelt sich zu einem hybriden Prog-Metal-Entwurf, der Sludge und Post-Metal eher als Atmosphäre denn als Fundament nutzt.
Die Doppel-Eröffnung ‚Immersion I’/’Immersion II‘ setzt sofort den Ton: kein reines Genre-Statement, sondern ein ausladender Strukturraum, der Sludge und Death Metal nur noch als Textur mitführt. Der cleane Chorus im Opener wirkt dabei fast provokant klassisch progressiv – weniger moderne Post-Metal-Schule à la DVNE oder The Ocean, sondern eher ein Rückgriff auf eine direktere, hymnischere Prog-Tradition. Dazu Gitarrenlinien, die nicht nur Stimmung erzeugen, sondern komplette melodische Räume aufziehen – inklusive Soli, die keinerlei Zurückhaltung kennen.
‚Wither‘ bricht das alles bewusst herunter: kurz, reduziert, beinahe entkleidet. Kaum noch metallischer Druck, stattdessen ein erstaunlich verletzlicher Clean-Gesang von Havoc, sodass das Stück insgesamt mehr an spätneunziger Anathema erinnert als an alles, was mit Sludge oder Death zu tun hat.
‚Worst Laid Plans‘ dehnt das Konzept auf fast elf Minuten aus und zeigt die ganze Spannweite des Albums: frühe Paradise-Lost-Schwere trifft auf Death-Ausbrüche, proggige Dramaturgie und permanente Wechsel zwischen Growls und Clean-Vocals. Wenn dann Roger Öjersson übernimmt, kippt das Stück immer wieder in fast schwebende Melodik, bevor es wieder in dunklere Regionen zurückfällt.
Der Titeltrack ‚Deuterium‘ wirkt im Vergleich fast fokussiert – Sludge-Death als Einstieg, dann atmosphärische Weite irgendwo zwischen ruhigen The-Ocean-Momenten, wieder Growls, wieder melodische Gegenpole. Klassisches Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip, nur deutlich proggiger organisiert.
‚Towards The Dark‘ öffnet eine andere Tür: eine Kreuzung aus Katatonia und Dan Swanös Nightingale – melancholisch, schwebend, mehr Zustand als Riff.
Überhaupt bleibt Doom und Death als DNA spürbar, was auch erklärt, warum Blindead 23 so gut zum Peaceville-Label passen – diese Traditionslinie von My Dying Bride, Paradise Lost und frühen Anathema-Phasen klingt immer wieder durch, nur eben modernisiert und erweitert.
Mit ‚You Are The Universe‘ findet das Album schließlich zu einer beeindruckenden Balance aus Schwere und Schönheit. Trotz seiner schwebenden Atmosphäre bleibt der Song emotional drückend und heavy – nur eben mehr über Stimmung als über Härte. Der abschließende Piano-Part wirkt dabei wie ein bewusst gesetztes Ausatmen nach all den Spannungen zuvor: ruhig, beinahe tröstend und tatsächlich wunderschön, ohne kitschig zu werden.
Unterm Strich ist „Deuterium“ ein permanent in Bewegung befindlicher Grenzgänger zwischen Prog, Sludge, Post-Metal und Doom-/Death-DNA. Gerade weil Blindead 23 dabei nie den einfachen Weg wählen und selbst ihre schönsten Momente noch mit Schwere und Dissonanz unterfüttern, entwickelt das Album eine Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann.
Bewertung: 13/15 Punkten

Besetzung:
• Patryk Zwoliński – vocals
• Mateusz Śmierzchalski – guitars, synths, piano & soundcapes
• Roger Öjersson – guitars, keys & vocals
• Paweł Jaroszewicz – drums
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von cmm zur Verfügung gestellt.