Scopitone - Camera Obscura

Cinematic Artrock • Instrumental • Noir Pop
(38:38; Vinyl, Digital; Protomaterial; 13.03.2026)
Dieses belgische instrumentale Trip-Rock-Projekt um Vincent Roose weiß allein dank des Albumtitels Bilder zu evozieren, aber wichtiger ist: Sie werden der nächtlich-intimen Atmosphäre durchgehend mehr als gerecht.
Ein feines Album – gespickt mit subtilem Artrock, ambient-elektronischen Spielereien, einer vorsichtigen Melancholie, Noir Pop in Töne gegossen. Viele harmonische, teils experimentelle Abschnitte halten den Spannungsbogen über die knapp 39 Minuten hinweg durchgehend bebildert.
Ich fühlte mich mit der nächtlichen Stimmung und dem eher intimen Klang des Albums schnell auf Du. Angenehm räumlich hallt das Schlagzeug im Opener ‚Panopticon‘ – geisterhafte Synths und ein wohltuender Hauch trippiger Rhythmik ziehen mich unkompliziert hinein in die dunklen Gefilde des Albums.
Irgendwo, zwar unkonkret, erinnert mich dieser Flow, dieses stets leicht nach Einsamkeit Klingende, an die frühen Chroma-Key-Songs, die ebenfalls immer etwas verloren nachts um zwei aus dem Fenster zu starren scheinen. ‚The Light Of A Man-Made Star‘ rockt sanft – feine, schwebende Melancholie-Fäden umarmen den Hörer vorsichtig, und die Dynamik hintenraus, erst rockiger, dann mit fast Twin-Peaks-artigem Outro, ist Isolation pur.
‚Portrait‘ ist ein kurzes Stück voller trister Akkorde, definitiv näher am grauen, verregneten Postrock-Œuvre. In jedem Fall sehr statisch – spooky Synths rufen die stillen Seiten von Bands wie Nosound, Anekdoten oder die wundervollen Landberk ins Bild.
‚The Phantom Carriage‘ hat surreale Soundtrack-Schattierungen, ein zerbrechlich klimperndes Piano, und Freunde von Major Parkinson oder Bakelit erkennen hier bestimmt die düsteren Seiten eben dieser Projekte im Sound wieder. Immer wieder stelle ich mir beim Hören die Frage: Wo wäre die Reise mit einer charismatischen Stimme hingegangen? Nicht, dass dieses tolle Album das zwingend benötigt, aber die Strukturen und Spannungsbögen zeigen so viele Optionen.
Roose stellt sich mit dem Album die Frage, was wäre, wenn wir den alten Technologien eine neue Sprache verliehen, das Licht vergangener Epochen einfingen und in die Gegenwart übersetzten. Luftig, fast poppig, mit subtil verwendeten Sprachsamples spaziert das leichtfüßige ‚Silver Screen‘ im friedlichen Midtempo und nutzt die feierlich warmen Gitarren des Post Rock.
Ich finde die umarmende Intimität, das Warme an „Camera Obscura“, einfach beruhigend – Atmosphäre, Einsamkeit und ein wehmütiger Blick in die unendliche Nacht gibt es zuhauf, und es empfiehlt sich, die Platte im Dunkeln zu erleben – da atmet sie noch einmal deutlich mehr Tiefgang.
Mit fast neun Minuten wird es in ‚Karelian Dream‘ noch einmal richtig schön schwermütig, traurig und reflektiert. Postige Akkorde, Angelo–Badalamenti-Noir-Synths, ein stoisches Schlagwerk und viel Raum und Weite rufen erneut spätnächtliche Bilder vors Auge, und ja, diese Platte hätte in einem anderen Leben wohl als Soundtrack für einen sehr melancholisch-traumartigen Kurzfilm gedient.
Es gab einmal eine spanische Band namens Arca, die in den frühen Jahren des neuen Jahrtausends ähnlich triste und graue Abfahrten zwischen Post Rock, Trip Rock, Ambient und progressiven Strukturen zu wunderschönen kleinen Kunstwerken zusammenführten. Eine ganz klare Empfehlung für Freunde der Nische mit Hang zum Melancholischen.
Bewertung: 13/15 Punkten
Besetzung:
Vincent Roose – guitars, keyboards, bass, drums, and digital processing
Surftipps:
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Abbildungen: Scopitone/Bandcamp