Naria - Lyra-La

Alternative Prog • Indie • Progressive Rock
(51:07; Vinyl, Digital; Eigenveröffnetlichung; 03.04.2026)
„Indie Pop goes Prog“ – klingt erstmal wie ein Unfall im Pressetext-Baukasten. „Lyra-La“ von der Karlsruher Band Naria macht daraus überraschend etwas wie ein funktionierendes Konzept.hat.
Der Einstieg hat es direkt in sich: ‚They Can See Nothing But Sea‘ und ‚Dreams, Candles And Batteries For Breakfast‘ sind echte Ohrwürmer. Alternative-Prog-Ohrwürmer, zwischen Indie, frühen Genesis-Akustikmomenten, Haken-Affinität und angenehm verkopfter Eingängigkeit – plus dezent eingestreuten Post-Hardcore-Schlenkern à la Dredg – nicht dominant, aber als Reibungspunkt immer präsent.
Der Gesang: eine Indie-/Emo-Variante von Ross Jennings, weniger geschniegelt, mehr Kante. Passt.
Generell ist das hier ein Album, das sich weigert, sich festnageln zu lassen. Indie, Prog, Folk, Bubblegum-Punk, Emo – alles da, aber nichts davon als reine Schublade. Der Titeltrack ‚Lyra-La‘ bildet den ruhigen Kern: irgendwo zwischen Bon Iver, Steven Wilson und den softeren Momenten von The Mars Volta.
‚Adrenaline Drip And Outer Walls‘ kippt das Ganze Richtung Math Rock und Post-Hardcore, während ‚On Waves From Below‘ fast komplett in Richtung Indie-Folk abdriftet. ‚Eucaryota‘ wirkt wie ein bewusstes Stil-Collage-Experiment zwischen Indie, Punk und latentem King-Crimson-Geist.
Zwischen diesen Polen sitzen auch die beiden Interludes ‚Epiphany Of A Drowning Man‘ und ‚Archaeon‘: kurze, atmosphärische Übergangsmomente, die eher Zustand als Song sind – aber genau deshalb die Struktur des Albums stabilisieren, ohne sich wichtig zu machen.
Und dann kommt ‚Three Kelvin‘ und macht endgültig sein eigenes Ding: Offbeat, Balkan-/lKezmer-/Was-auch-immer-Anleihen, strukturelle Eskalation – irgendwo zwischen Gazpacho, Between The Buried And Me und einem kurzen Besuch von Mike Patton im Kontrollverlust-Modus.
Nicht alles ist gleich stark. ‚Wax Phobia I‘ verliert sich etwas in seiner eigenen Ausdehnung, während Teil II deutlich fokussierter wirkt.
Textlich bleibt alles im Wasser-/Traum-/Erinnerungsraum hängen: fragmentierte Bilder, Kontrollverlust, Realität als etwas Durchlässiges. Kein klarer Faden, eher bewusstes Treibenlassen.
Unterm Strich: kein glattes Album, aber genau deshalb spannend. Für mich eine der interessantesten Alt-Prog-Veröffentlichungen der letzten Jahre – weil es sich ständig erlaubt, nicht zu wissen, was es eigentlich sein will.
Bewertung: 12/15 Punkten
Besetzung:
Marc Eisele – Gesang, Gitarre, Produktion, Komposition
Tobias Süsser – Gitarre
Christian Vinne – Schlagzeug
Michael Vinne – Bass
Rouven Sadler – Bass, zusätzliche Vocals (‚On Waves From Below‘)
Gastmusiker:
Simon Miko – zusätzliche Akustikgitarre (‚On Waves From Below‘)
Stefan Kallenberg – zusätzliche Gitarre (‚They Can See Nothing But Sea‘)
Christoph Obert – Akkordeon (‚Three Kelvin‘)
Silke Schöninger – Klarinette (‚Three Kelvin‘)
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Naria zur Verfügung gestellt.