Irmin Schmidt - Requiem

Musique Concrète • Avantgarde • Klangkunst
(41:03; Vinyl, CD, Digital; Mute/Future Days Music (Spoon)/[PIAS]; 24.04.2026)
Es gibt Alben, die hört man. Es gibt Alben, die erlebt man. Und dann gibt es „Requiem“ von Irmin Schmidt – ein Werk, das sich irgendwo zwischen Klanginstallation, Naturdokumentation und latentem Nervenzusammenbruch einnistet.
Der Mann hinter Can, einst geschult bei Karlheinz Stockhausen und György Ligeti, liefert hier – wenig überraschend – kein Album im klassischen Sinne, sondern eine Studie über das Verhältnis von Mensch und Umwelt. Oder, wie es die Presseinfo eleganter formuliert: eine Balance zwischen menschengemachten und natürlichen Klängen, ein Dialog zwischen präpariertem Klavier und Field Recordings aus seinem südfranzösischen Garten. In der Praxis klingt dieser „Dialog“ allerdings eher wie ein Streitgespräch, bei dem die Natur irgendwann die Geduld verliert.
‚Part 1‘: Vogelgezwitscher, Wasserplätschern, Insekten – akustische Idylle, die sich langsam selbst unterwandert. Ein mechanisches Geräusch schiebt sich ins Bild, wächst, nervt, übernimmt. Die vielbeschworene Balance kippt dabei so elegant wie ein Bagger im Blumenbeet. Vom Klavier hört man kaum etwas – vielleicht, weil es sich selbst nicht sicher ist, ob es hier überhaupt erwünscht ist.
‚Part 2‘: Endlich Piano. Allerdings kein Trost, sondern eher ein verstörend disharmonisches Herumtasten, das mehr nach Konzept als nach Komposition klingt. Dazu Regen, erst atmosphärisch, dann bedrohlich, schließlich erdrückend. Als würde jemand ein Klavier im Unwetter stehen lassen und beschließen, genau DAS sei jetzt die künstlerische Aussage. Und dann dieser Moment – dieser eine, komplett übergriffige akustische Schock, der sich durch Mark und Bein fräst und dich kurz überlegen lässt, ob dein Herz noch im Takt ist. Selten hat ein Album so effizient den Fluchtreflex aktiviert.
Inhaltlich geht es – natürlich – um Erinnerung, Verlust und Gedenken. Ein „liminaler Raum“, in dem sich Natur und Instrument begegnen, sich überlagern, ineinander auflösen. Das ist konzeptuell schlüssig, keine Frage. Aber es ist eben auch genau die Art von Konzept, die man eher versteht als genießt.
Lyrics? Fehlanzeige. Muss man auch nicht vermissen – Worte wären hier nur ein weiterer Störfaktor in einem ohnehin schon fragilen Gleichgewicht aus Geräusch, Idee und Irritation.
Und ja: Das hier ist kein Album für das heimische Sofa. „Requiem“ ist ein Museumsraum. Einer von diesen dunklen, leicht muffigen Installationsräumen, in denen man ehrfürchtig stehen bleibt, kurz so tut, als würde man alles erfassen – und dann doch erleichtert weiterzieht.
Unterm Strich bleibt ein Werk, das zweifellos tief gedacht, kunstvoll konstruiert und wahrscheinlich auch zutiefst „bedeutend“ ist – aber eben auch eines, das sein Publikum eher prüft als belohnt. Oder anders: selten klang Kontemplation so sehr nach subtiler Bedrohung.
Bewertung: 6/15 Punkten

Besetzung:
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von [PIAS] zur Verfügung gestellt.