IOTUNN, In Vain, Nephylim, 15.04.26, Colmar (FR), Le Grillen
Progressive Metal der härteren Gangart
Drei Bands, die sich so recht in keine Schublade pressen lassen, aber irgendwie das gleiche Publikum ansprechen, sorgen für einen gelungenen Abend zwischen Prog, Death, Melodic, Black, Doom, Heavy und ein bisschen Jazz…
Das Le Grillen am Rande von Colmar befindet sich – wie so viele kleine Konzerthallen – in einem ehemaligen Fabrikgebäude, in dem außerdem noch das gleichnamige Brauhaus untergebracht ist. Neben dem beliebten Flair des alten Industriegebäudes gibt es also auch sehr gutes „Blonde“ sowie ein absolut empfehlenswertes IPA. Der Konzertsaal ist überschaubar, sodass man auch an der Theke nur wenige Meter von der Bühne entfernt steht.
Der Abend begann mit drei ausgiebigen Interviews mit extrem netten Musikern in der untergehenden Sonne neben der Halle – dazu an anderer Stelle mehr.
Nephylim

Hier besteht Verwechslungsgefahr: Nephylim bestellen keine Felder und haben auch nicht schon in den 90ern Gothic Rock gemacht. Es handelt sich um eine junge Band aus den Niederlanden, die ihre Musik selbst als Melodic Death bezeichnet, diesen aber erstaunlich langsam spielt, was ihm eine ungewöhnliche Tiefe verleiht. Bei genauem Hinhören gibt es noch einige weitere Facetten, die jedoch in der kleinen Halle akustisch etwas untergehen.
Für eine Band, die nach eigenen Angaben noch nicht viel Tour-Erfahrung hat, betreten sie die Bühne unerwartet souverän. Vor allem Sänger Tijn, der der Band erst seit dem aktuellen Album „Circuition“ angehört, gibt von Anfang an alles. Sowohl stimmlich als auch in seiner Gestik weckt er Erinnerungen an Tomi Joutsen von Amorphis.
Wie in diesem Genre leider gängig, haben auch Nephylim keinen festen Keyboarder und auch keinen Gastmusiker dabei. Glücklicherweise verzichten sie auf die üblichen Einspielungen aus der Konserve, und es ist nur das zu hören, was auch tatsächlich live auf der Bühne gespielt wird. Das nimmt der Musik zwar an mancher Stelle die Atmosphäre, macht sie aber dafür umso lebendiger und authentischer.
Die Jungs wirken wie ein gut eingespieltes Team, das auf der Bühne sichtlich Spaß hat – und dieser färbt schnell auf das Publikum ab.
Als kleines Highlight verkaufen Nephylim am Merchstand neben den üblichen Shirts und Tonträgern auch Socken – das hat Stil!
In Vain
Mit In Vain wird es deutlich düsterer: der Bass rückt in den Vordergrund, die Tonart wechselt in Moll und die Bühnenbeleuchtung steht auf Kniehöhe.
Die fünf Norweger spielen eine vielschichtige Mischung aus Black, Death und Doom Metal mit teilweise epischen und melodischen Anklängen. Sänger Andreas Fringstad grunzt hierzu aus den Tiefen seines Brustkorbes wie der junge Corpsegrinder, hält ständigen Blickkontakt zum Publikum und scheint auch den einen oder anderen Zuschauer gezielt zu fixieren, während er sich tief ins Bühnenholz kniet. Die klaren Gesangsparts überlässt er größtenteils den beiden Gitarristen Kjetil Pedersen und Johnar Haaland, übernimmt sie aber auch mal selbst. Zwischenzeitlich singen sie sogar alle vier im Kanon wie seinerzeit Savatage auf dem Höhepunkt ihres Schaffens – nur härter und düsterer.
Wer In Vain von Platte, CD oder Streaming kennt, vermisst hier natürlich das Cello und das Saxophon, die aus organisatorischen Gründen leider fehlen müssen. Auch In Vain verzichten glücklicherweise auf Einspielungen aus der Konserve. Wer nicht weiß, dass hier etwas fehlt, vermisst es vermutlich auch nicht.
Der Auftritt verläuft so abwechslungsreich wie das aktuelle Album: Wer meint, jetzt den Stil erkannt zu haben, wird spätestens beim nächsten Song wieder von einem anderen Genre überrascht. Diese Band hat enormes Potenzial – hoffentlich bekommen sie Gelegenheit, es vor größerem Publikum auszuspielen.
IOTUNN
Der Grund, warum wir heute Abend hier sind: IOTUNN. Spätestens seit der gemeinsamen Tour mit Soen und Dark Tranquillity entwickelt sich die Band aus dem ganz hohen Norden, von den Färöer-Inseln, vom Geheimtipp zum Must-Have-Seen. Gerade weil das aktuelle Live-Album „Waves Over Copenhell“ die unglaubliche Stimmung eines IOTUNN-Konzertes nicht wirklich wiedergeben konnte, lohnt sich der Besuch umso mehr, auch wenn mal etwas weiter anreisen muss.
Zum Einstieg wählen IOTUNN mit ‚Twilight‘ gleich mal einen der sperrigeren Songs des aktuellen Albums „Kinship“. Das Intro muss mangels Keyboarder aus der Konserve kommen, doch dann legen alle fünf mit voller Wucht los. Gerade dieser Song bietet Sänger Jón Aldará die Möglichkeit, die verschiedenen Modulationen seines Gesangs voll auszuleben: vom Erzählen über klaren Gesang und tiefes Grunzen bis zum ekstatischen Schrei ist hier alles dabei.
Ohnehin ist es auch bei IOTUNN wie bei vielen Bands der Sänger, der die Show beherrscht – allerdings auf seine ganz eigene Art, die man einfach gesehen haben muss. In seinem grauen Mantel, der sein halbes Gesicht mit aufgemalten Blutstropfen verdeckt, den schwarzen Filzstiefeln und mit dem beleuchteten Mikrofonständer, der an ein Modell von Saurons Festung Barad-dûr erinnert, hat er eine unglaublich mystische Ausstrahlung. Allerdings hätte er seinen Bart, den er bei der Ulima Ratio Tour noch getragen hatte, nicht abrasieren sollen, der hatte seine Ausstrahlung noch vertieft, weil man eigentlich gar kein Gesicht mehr von ihm sehen konnte.
Die Gebrüder Gräs an den beiden Gitarren liefern dazu fast schon zu routiniert und souverän die Melodien, während Bassist Eskil Rask sich mit einem permanenten Lächeln im Hintergrund auf den Lippen souverän im Hintergrund hält.. Von Schlagzeuger Björn Wind Andersen sieht man außer Armen und Haaren nicht viel, aber man hört ihn.
Genau da kommen wir zum einzigen zum einzigen Wehmutstropfen des Abends: So schön es ist, in einer kleinen Halle ohne Bühnengraben direkt vor den Musikern zu stehen, so schlecht ist der Sound direkt vor der Bühne. Wer neben dem Schlagzeug – das hier vorne etwas nach Schuhkartons klingt – auch die übrigen Instrumente und den oben erwähnten genialen Gesang genießen möchte, tritt besser ein paar Meter von der Bühne zurück. Zum Beispiel an die Theke, wo es oben erwähnte Bier, vernünftigen Sound und perfekten Blick zur Bühne gibt.
Die Setlist ist perfekt arrangiert: Nach den beiden düster-atmosphärischen Songs ‚Twilight‘ und ‚Mistland‘ wird mit ‚Safe Across The Endless Night‘ zunächst deutlich an Tempo hinzugelegt, bevor mit der Ballade ‚I Feel the Night‘ auf das melancholische Epos ‚Kinship Elegiac‘ vorbereitet wird. Mit ‚Earth To Sky‘ wird das Publikum sofort aus seiner Depression zurückgeholt, bevor mit ‚The Anguished Eternal‘ und ‚The Tower Of Cosmic Nihility‘ zwei besonders facettenreiche Songs den nächsten Höhepunkt bieten. Den krönenden Abschluss bildet das sperrige ‚Laihem’s Golden Pits‘. Sich zu einer ohnehin geplanten Zugabe vom Publikum auffordern zu lassen, kommt ja so langsam aus der Mode, und auch IOTUNN verzichten darauf.
Wer ein Faible für die härteren Töne im Prog Rock oder die progressiveren Töne im Metal hat, sollte sich diese Band auf keinen Fall entgehen lassenn, wenn sie wieder auf Tour kommt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn die Hallen beim nächsten Mal größer würden.
Live-Fotos: Axel Schneider
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