Einar Solberg - Vox Occulta

Cinematic Rock • Progressive Rock
(55:03; Vinyl (2LP), CD, Digital; InsideOut Music/Sony Music; 24.04.2026)
Es gibt ja diesen roten Faden im Schaffen von Einar Solberg: egal ob mit Leprous oder solo – am Ende geht es um maximale Emotion bei maximaler Kontrolle. Und wenn das nicht reicht, kommt eben noch ein Orchester obendrauf.
„Vox Occulta“ ist deshalb weniger Überraschung als konsequente Eskalation. Während Leprous zuletzt auf „Melodies Of Atonement“ demonstrativ die orchestrale Ebene zurückgefahren haben, zieht Solberg hier genau die Gegenbewegung durch: mehr Stimmen, mehr Schichten, mehr Drama.
Wie schon „16“ ist „Vox Occulta“ kein Solberg-Solo im luftleeren Raum. Mit dabei: Jed Lingat (Childish Japes ) am Bass, Ben Levin (ex-Bent-Knee), Pierre Danel (Novelists) und John Browne (Monuments) an den Gitarren, Keli Guðjónsson (Agent Fresco) am Schlagzeug sowie Chris Baum (Bent Knee) an der Violine – darüber gelegt das Norwegian Radio Orchestra als orchestrale Großwetterlage.
Das Ergebnis ist kein klassisches Soloalbum mehr, sondern ein bewusst überfrachtetes Kollektivwerk.
Wer Solbergs Solo-Phase seit „16“ verfolgt hat – inklusive dieser intensiv verdichteten Live-Momente etwa beim Prognosis Festival oder Euroblast Festival – weiß: Studio ist bei ihm oft nur die halbe Wahrheit. „Vox Occulta“versucht genau diese Live-Energie einzufangen und gleichzeitig zu überhöhen. Ergebnis: permanente Spannung zwischen Intimität und Überwältigung.
Musikalisch bleibt das erwartbar hochklassig. Große Arrangements, dynamische Spannungsbögen, gezielt eingesetzte Härte. Die Growls sind zurück – und zwar nicht als Alibi, sondern als dramaturgisches Stilmittel, wie zuletzt auf „The Congregation“. Dass dabei immer wieder vertraute Melodiebögen durchschimmern und Songs gefährlich nah an Leprous-Stücken entlangschrammen – wie etwa ‚Stella Mortua‘ an ‚From The Flame‘ – überrascht dann auch nicht mehr wirklich.
Die Gitarren arbeiten dabei eher textur- als rifforientiert, Bass und Drums halten das Ganze beweglich statt stabil – mit Ausnahme des metallischen und sehr Riff-betonten ‚Medulla‘ – während Violine und Orchester konsequent in Richtung Kino schieben. Alles greift ineinander, nichts bleibt stehen.
Und genau da liegt der Punkt: Das ist kein „Soloalbum mit Band“, sondern ein bewusst orchestrierter Kontrollüberschuss.
Ich möchte als der cineastische Mensch im Prog gesehen werden. Ich möchte das vollständig für mich beanspruchen. Dies ist ein sehr cineastisches Album, und genau das war mein Ziel.
Das ist mal eine Ansage, die ziemlich klar zeigt, wohin die Reise hier geht. Und wenn man Einar Solbergs Stimme kennt, weiß man ohnehin, dass er genau solche Höhen problemlos tragen kann – dieser permanente Wechsel zwischen Zerbrechlichkeit und Überwältigung ist ja längst sein Markenzeichen. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass er seinen Anspruch auch einlöst. Wobei man vielleicht trotzdem noch abwarten muss, was Devin Townsend mit seinem nächsten Großprojekt „The Moth“ noch in diese cineastische Oberliga schiebt, bevor man hier endgültig Ranglisten bastelt.
Inhaltlich bleibt Solberg bei seinem Kern: Selbstzweifel, Identität, innere Stimmen, Kontrolle. „Vox Occulta‘ ist sein bislang direktestes Selbstporträt – nicht als Tagebuch, sondern als Verdichtungsraum. Alles ist größer, dringlicher, unmittelbarer.
Das führt zu Momenten, in denen sich alles bündelt und kippt. Besonders ‚Stella Mortua‘ steht exemplarisch dafür: emotional aufgeladen, melodisch vertraut und doch ständig am Rand der Übersteuerung.
Und genau das ist der Punkt: Dieses Album will nicht „funktionieren“ im klassischen Sinn. Es will wirken. Es will zu viel. Und es will das bewusst.
Natürlich hat das Konsequenzen. „Vox Occulta“ ist opulent, lässt oft kaum Luft, kaum Pausen, kaum echte Reduktion zu. Ausnahme sind hier das sich sanft steigernde ‚Serenitas‘, mit seinem wundervollen Gitarrensolo, und einzelnen Orchesterpassagen im fast zwölfminütigen ‚Grex‘. Jeder Song bedeutet Steigerung, fast jeder Moment führt zur Verdichtung. Nebenbei hören? Keine Chance.
Aber genau deshalb funktioniert es in seiner eigenen Logik erstaunlich gut. Weil hier niemand bremst – und weil das gesamte Ensemble genau dieses Übermaß trägt, statt es zu glätten.
Am Ende bleibt ein Album, das weniger erzählt als überrollt: technisch brillant, emotional maximal aufgeladen, strukturell bewusst am Limit gebaut.
Oder einfacher gesagt:
Wenn Leprous gerade Raum lassen lernen, dann ist „Vox Occulta“ der Moment, in dem jemand den Raum komplett flutet.
Bewertung: 13/15 Punkten

Besetzung:
• Einar Solberg – Gesang, Keys, Piano
• Jed Lingat – Bass
• Ben Levin – Gitarre
• Pierre Danel – Gitarre
• John Browne – Gitarre
• Keli Guðjónsson – Schlagzeug
• Chris Baum – Violine
• The Norwegian Radio Orchestra – Orchester
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Oktober Promotion zur Verfügung gestellt.