Tom Lardat - Récits de l'Ombre

Tom Lardat - Récits De L'ombre (artwork by VEX)Zeitgenössische Klassik • Alternativ • Solo Piano
(20:42; Digital; Eigenveröffentlichung; 12.03.2026)
Ist das nicht spannend, wenn der Hörer miterleben darf, wenn ein noch junger Pianist neue Wege beschreitet? Es geht um Tom Lardat, einen in der Schweiz lebenden französischen Pianisten mit allen notwendigen Auszeichnungen, um auf großen Bühnen zu spielen, der – ja, noch recht vorsichtig – der seinen musikalischen Horizont progressiv erweitert.

Ich empfehle, zur Lektüre dieses Textes seine EP „Récits de l’Ombre“ aufzulegen, denn diese 20 Minuten fassen sehr schön zusammen, was ich in einem Interview von ihm erfahren habe.

Toms Ausbildung zum Pianist startete in Versailles, wo er die ersten Etappen seiner Pianistenkarriere mit Bravour absolvierte. Anschließend bewarb er sich um einen der sehr raren Plätze für ein weiterführendes Studium in Frankreich (es gibt nur zwei Musikhochschulen für ganz Frankreich – Paris und Lyon – und eine Ratio von >10:1 an Bewerbern je Platz), entschied sich jedoch in Anbetracht der Chancen auf einen Studienplatz nach dem Besuch einer Masterclass in der Schweiz, dort sein Studium fortzusetzen.

Im Interview habe ich Tom als einen reflektierten, ruhigen Gesprächspartner erlebt, wie er davon berichtet, zwischen den Welten Progmetal und klassischer Musik zu pendeln und was das mit ihm machte. Als Randnotiz erwähne ich, dass ich eben jene Zerrissenheit sehr gut nachvollziehen kann, da auch ich – allerdings in Deutschland- eine klassische Klavierausbildung genossen habe und sehr gut weiß wie es sich anfühlt, zwei Seelen in einer Brust zu haben. Tom jedenfalls hatte in all den Jahren seiner Ausbildung Dream Theater, Symphony X und Adagio im Ohr, wenn er mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, verbrachte jedoch jede freie Minute mit Chopin, Rachmaninov, Bach oder Schubert. Auf einer Klaviatur etwas anderes zu spielen als eben jene Meister, das grenzte an Blasphemie und Verschwendung von Zeit, war doch jede Minute kostbar, um ein klassisches Stück noch weiter zu perfektionieren und sich an die Spitze zu spielen.

Auch heute noch fährt er Zug und Bus und auch heute noch hat er seine alten Progmetal Bands im Ohr, dazu gesellen sich mittlerweile Haken, Opeth und Leprous, aber auch Gojira und Spiritbox.
Aber heute wagt er es, diese beiden Welten zusammen zu bringen in seinen Kompositionen. Natürlich fußen seine Kompositionen auf klassischen Elementen und Methoden: So beginnt zum Beispiel jede EP mit einer Ouverture, die laut eigener Aussage die Form einer französischen Ouverture hat und die den Hörer sogleich in eine barocke Gemütswelt entführt. Dann jedoch schiebt sich auf einmal eine kontrapunktische Basslinie in das Spiel und das Stück, das klassisch ruhig begann, bekommt ein Eigenleben. Es ist hochinteressant, diese Annäherung zu hören, denn hier ist kein Jazzmusiker am Werk, sondern hier sind progressive Elemente, die in klassische Kompositionen eingeflochten werden, aber noch immer wie Klassik klingen. Ich höre nichts, was nicht klassisch wäre und doch kann seine Musik progressiv genannt werden. Das ist das Besondere an Tom Lardats Kompositionen.

Auf der EP höre ich förmlich, wie Tom sich löst, sich freimacht von den erlernten klassischen Regeln und Strukturen und seiner Musik seinen eigenen Charakter gibt. Er verschiebt Grenzen, vor allem seine tiefsitzenden, persönlichen Grenzen, jedoch noch immer innerhalb des Regelwerks der klassischen Komposition. Die EP erreicht mit jedem der vier Stücke neue Höhen und gipfelt in dem Stück ‚Regrets‘, das ich jedem interessierten Hörer ans Herz lege.

Heute lebt Tom mit seiner Familie in der Schweiz, unterrichtet an einer Musikschule im Kanton Bern, komponiert, gibt Konzerte und ist noch immer dabei, seine musikalischen Grenzen auszuloten und zu verschieben. Ich bin sehr gespannt, wo sich selbige auf seinem nächsten Album finden, das bereits in Arbeit ist und auf dem mehr rhythmische Elemente zu hören sein sollen.

Tom Lardat - photo by Conrad von Schubert
Bewertung: 13/15 Punkten


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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Bad Dog Promotions zur Verfügung gestellt.