The Dear Hunter - Sunya

The Dear Hunter - Sunya (Cave And Canary Goods, 20.03.2026)
Progressive Rock • Fusion • Funk • , Jazz • Synth Rock • Konzeptalbum
(42:56; Vinyl, CD, Digital; Cave & Canary Goods (Eigenveröffentlichung); 20.03.2026)
Vier Jahre ist es mittlerweile her, seit „Antimai“ erschienen ist – jenes erste vollwertige Kapitel in der Geschichte um „The Indigo Child“, das bereits 2021 im gleichnamigen Soundtrack-Album vorgestellt worden war. Vier Jahre mögen sich zunächst nach einer beachtlichen Wartezeit anfühlen, gerade wenn man wissen will, wie es mit dieser dystopischen Welt weitergeht. Doch gemessen an anderen popkulturellen Geduldsproben – man denke nur an George R. R. Martins „A Song of Ice and Fire“ – relativiert sich das schnell. Und ganz so entbehrungsreich war die Zwischenzeit ohnehin nicht, wurde sie doch immerhin durch die „North American EP“ überbrückt.

Gerade mit Blick auf die bisherigen Veröffentlichungen dieses Zyklus wirkt „Sunya“ dabei fast wie eine bewusste Gegenbewegung. War die „The Indigo Child“-EP seinerzeit noch eine – vorsichtig formuliert – irritierende Mischung aus Score und zwei nur bedingt überzeugenden Songs, und „Antimai“ ein vergleichsweise klar konturiertes, wenn auch bewusst gleichförmig gehaltenes Einstiegsalbum in diese neue Welt, so entzieht sich das dritte Kapitel nun weitgehend jeder unmittelbaren Greifbarkeit. Und selbst die angenehm unprätentiöse Wärme der „North American EP“, die zeigte, wie gut The Dear Hunter auch ohne erzählerischen Überbau funktionieren können, scheint hier nur noch als ferne Erinnerung durch.

Denn „Sunya“ öffnet die zuvor so hermetische Welt erstmals wirklich nach außen – und verliert sich dabei ganz bewusst im Ungewissen. Im Zentrum steht ein Wissenschaftler, der sich mit einem gekaperten Transporter aus Antimai hinauswagt, auf der Suche nach der sagenumwobenen heiligen Stadt und dem Indigo Child. Was folgt, ist weniger eine stringente Handlung als eine Abfolge von Zuständen: das lebensfeindliche Ödland, die brutalen Marauders, die merkwürdig zwischen Zuflucht und Umschlagplatz oszillierende Bazaareteria.

Und genau hier beginnt auch musikalisch das eigentliche Wagnis dieses Albums. Der Opener ‚The Wasteland‘ ist dabei fast schon programmatisch: ein Stück, das sich ausbreitet, mäandert, sich Zeit nimmt – vielleicht sogar zu viel Zeit. Es wirkt streckenweise ausgewalzt, schwer zu greifen, beinahe überlang. Doch gerade in dieser Überdehnung liegt seine Qualität. Denn die Leere, die Ödnis, die Lebensfeindlichkeit der Welt außerhalb Antimais wird hier nicht nur beschrieben, sondern spürbar gemacht. Man irrt gewissermaßen gemeinsam mit dem Protagonisten durch eine Klanglandschaft, die kaum Halt bietet.

Dass The Dear Hunter das aber auch ganz anders können, zeigt die Single ‚Marauders‘. Infectious, upbeat, nahezu mitreißend in ihrer Energie, mit eingestreuten Post-Hardcore-Shouts, entwickelt sich der Song zu einem der klarsten Highlights der Platte. Die Musik spiegelt dabei unmittelbar den Inhalt: die brutalen Plünderer der Ödnis, die jagen, töten und fressen, was ihnen begegnet – roh, direkt und mit einer fast beunruhigenden Eingängigkeit.

Einen ganz anderen Ton schlägt hingegen ‚The Bazaareteria‘ an. Als Marktplatz mit angeschlossener Cafeteria fungiert dieser Ort als Zwischenstation, als temporäre Zuflucht für den Protagonisten, bevor er weiter in Richtung Sunya aufbricht. Und genau dieses geschäftige, leicht chaotische Treiben übersetzt der Song erstaunlich plastisch: quirlig, in ständiger Bewegung, fast schon wuselig. Besonders reizvoll ist dabei der Kontrast aus funkigem Bassspiel und einer entspannten, beinahe jazzigen Atmosphäre – als würden Handel, Hektik und kurzer Moment des Durchatmens gleichzeitig stattfinden.

Mit der dreiteiligen ‚Glass Desert‘-Suite erreicht die Reise schließlich einen weiteren Höhepunkt – und gleichzeitig eine neue Form der Verunsicherung. Inhaltlich beschreibt sie den Flug des Protagonisten über gefährliches Terrain: hohe Klippen, extreme Wetterbedingungen, die ständige Angst vor dem Absturz. Und erneut gelingt es der Band, diese Situation musikalisch greifbar zu machen. ‚Giants‘, der erste Teil, wirkt noch vergleichsweise gelöst, fast schon jazzig-relaxed, als gäbe es noch Bewunderung für die lebensfeindliche Umgebung.

Doch in ‚Cliffs & Stormlands‘, dem zweiten Teil, zieht ein Sturm auf: Das Tempo zieht an, die Strukturen werden nervöser, unruhiger – und gerade dieses leichte Ausufern, dieses beinahe Sich-Verlieren im Klang passt hervorragend zur geschilderten Extremsituation. Im abschließenden dritten Teil – ‚The Plains‘ – folgt dann die Leere: ein Flug über endlose Ebenen, der Protagonist allein mit seinen Gedanken, umgeben von nichts als Himmel und Wolken. Die Musik wird ruhiger, lässt die Suite langsam und fast schon versöhnlich ausklingen – wie das erschöpfte Ende einer langen, kräftezehrenden Etappe.

All das mündet schließlich in den titelgebenden Closer – und in die vielleicht größte inhaltliche wie emotionale Zäsur des Albums. Der Wissenschaftler erreicht Sunya, die vermeintlich heilige Stadt. Endlich. Der Ort, an dem er das Indigo Child zu finden hofft, um all jene zu retten, die in Antimai ein kümmerliches, fremdbestimmtes Dasein fristen. Doch statt Erlösung findet er… nichts. Keine Spur eines Erlösers, keine Antworten – nur monumentale, verwirrende Strukturen. Leere.

Was folgt, ist weniger ein Finale als ein Zusammenbruch. Die Suche verläuft im Nichts, die Musik verliert sich erneut, mäandert, wirkt ziellos – ein langes Suchen ohne Finden. Und gerade darin liegt ihre Stärke: Sie spiegelt den Moment, in dem ein Weltbild kollabiert. Gab es das Indigo Child überhaupt? Haben alle an eine Lüge geglaubt?

Erst gegen Ende setzt eine vorsichtige Neuorientierung ein. ‚Sunya‘ gewinnt wieder an Struktur, die Stimmung hellt sich auf – und plötzlich blitzt so etwas wie Hoffnung auf. Musikalisch äußert sich das in einer fast schon versöhnlichen, stellenweise sogar gut gelaunten Fusion-Ästhetik. Nicht als platte Erlösung, sondern als leise Erkenntnis: dass die Antworten eben nicht in einer übergeordneten Instanz liegen, sondern im Individuum selbst. Dass das eigene Schicksal vielleicht doch in den eigenen Händen liegt.

Und genau in dieser Verbindung aus Narration und musikalischer Umsetzung liegt die große Stärke von „Sunya“. Denn so schwer greifbar das Album in seiner Gesamtheit auch sein mag – es folgt einer inneren Logik, die sich weniger über klassische Songstrukturen als über Stimmungen und Zustände erschließt.

Das ist nicht unbedingt leicht zugänglich. Im Gegenteil: Vieles entzieht sich, verweigert klare Hooks oder eindeutige Dramaturgien. Doch gerade diese schwer greifbare Anlage passt erstaunlich gut zum erzählten Inhalt. Eine Welt, die ihre Ordnung verliert, ein Protagonist, der zunehmend den Halt einbüßt – warum sollte sich das in klar abgezirkelten Songs niederschlagen?

So erweist sich „Sunya“ als das bislang herausforderndste Kapitel dieser Reihe. Ein Album, das sich sperrt, das Geduld einfordert und sich erst nach und nach erschließt – wenn überhaupt. Aber auch eines, das die in deinen bisherigen Eindrücken immer wieder durchschimmernde Vermutung bestätigt: Dass sich diese Alben zueinander verhalten könnten wie einst die einzelnen „Acts“. Nur eben unter anderen Vorzeichen.

Der große Umbruch mag noch ausstehen. Doch das Fundament bröckelt längst. Und The Dear Hunter wären nicht The Dear Hunter, wenn sie diesen Prozess nicht genau dort am spannendsten gestalten würden, wo es unbequem wird.
Bewertung: 12/15 Punkten


Besetzung:
Casey Crescenzo
Maxwell Tousseau
Nick Sollecito
Rob Parr
Nick Crescenzo

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Abbildungen: The Dear Hunter/Bandcamp