NMB - L.I.F.T.

NMB - L.I.F.T. (InsideOut Music/Sony Music; 27.02.2026)Progressive Rock • Konzeptalbum
(1:12:28; Vinyl (2LP), CD, Digital; InsideOut Music/Sony Music; 27.02.2026)
Die Transformation ist vollzogen. Aus der The Neal Morse Band wurde offiziell NMB. Der Name von Neal Morse ist vom Bandschriftzug verschwunden. Schlank. Modern. Fast schon minimalistisch.

Die Musik hingegen? Nun ja. Sagen wir es so: Wenn man die Augen schließt, steht er immer noch da. Breit grinsend hinter der Hammond, die Arme gen Himmel, während Pathos und Modulationen um die Wette strahlen. Auf „L.I.F.T.“ ist Morse so omnipräsent wie auf – Überraschung – allen Alben, auf denen Neal Morse bislang mitgewirkt hat. Also auf allen.

Und genau hier beginnt mein Problem.

Ja, „L.I.F.T.“ ist wieder ein Konzeptalbum. Die Reise eines Menschen auf der Suche nach Zugehörigkeit, vom Einssein mit der Welt über den Bruch bis zur erlösenden Rückkehr – großes Kino, große Worte, große Bögen. Man kennt das spätestens seit „The Similitude Of A Dream. 13 Songs, über 70 Minuten, Leitmotive, Drama, Katharsis. Alles da. Wirklich alles.

Nur leider auch nichts darüber hinaus.

Der Entstehungsprozess klingt spannend: neues Studio, spontanes Schreiben im Raum, Whiteboard-Ideen verworfen, Unsicherheit als kreativer Motor. Jerry Guidroz an den Reglern, Rich Mouser wieder am Mischpult – „everything lives“. Und ja, das hört man. Klanglich ist das groß, transparent, druckvoll. Die Drums knallen, die Chöre tragen dick auf, die Arrangements sind bis ins letzte Detail ausformuliert.

Was man „L.I.F.T.“ nämlich unbedingt zugestehen muss – und das meine ich ohne jede Ironie – ist die Spielfreude. Die springt einen förmlich an. Da wird nicht verwaltet, da wird zelebriert. Portnoy trommelt mit hörbarem Grinsen, die Chöre werden mit einer Inbrunst geschichtet, als hinge das Seelenheil davon ab, und selbst die verschachtelten Instrumentalpassagen wirken nicht wie Pflichtübungen, sondern wie gemeinsames Austoben. Dieses Kollektiv funktioniert. Man hört, dass hier fünf Musiker stehen, die genau wissen, was sie aneinander haben. Das ist handwerklich beeindruckend.

Nur: Es ist auch verdammt viel auf Anschlag.

Von Beginn an hat man das Gefühl, hier müsse permanent bewiesen werden, was man alles kann. Noch ein Break. Noch ein Chor. Noch ein Gitarrenlauf. Noch eine harmonische Wendung. Alles maximal. Alles bedeutungsschwanger. Alles groß. Und irgendwann wird aus Größe eben Gleichförmigkeit.

Was „L.I.F.T.“ schmerzlich fehlt, ist der Mut zur Lücke. Ein bisschen weniger von ein bisschen mehr. Oder anders gesagt: ein Hauch MarkHollis-Spirit. Diese Kunst, Spannung durch Reduktion zu erzeugen. Durch Raum. Durch Stille. Stattdessen wird hier über weite Strecken Dauer-Emphase gefahren. Der Spannungsbogen? Zu oft eine Dauergerade. Wirklich griffige Momente? Zu selten.

Wäre dies meine erste Begegnung mit Neal Morse, ich würde vermutlich 12 oder 13 Punkte zücken und ehrfürchtig applaudieren. Objektiv betrachtet ist das hochwertiger, hymnischer Progressive Rock, der viele Fans glücklich machen wird. Aber in meinen Regalen stehen nun einmal alte Spock’s-Beard- und Transatlantic-Alben en masse. Es gab eine Zeit, da war ich Fan dieses Herrn. Und genau deshalb trifft mich „L.I.F.T.“ weniger ins Herz als ins Déjà-vu-Zentrum.

Songs wie ‚Reaching‘ oder ‚Hurt People‘ liefern solide NMB-Kost. ‚Beginning‘ eröffnet erwartbar pathetisch. Eric Gillettes Solo in ‚Shame About My Shame‘ ist zum Niederknien und ‚Love All Along‘ darf zum Finale noch einmal episch ausufern. Das ist alles kompetent, alles gut gespielt, alles sehr NMB.

Vom Hocker reißt mich allerdings nur ‚Fully Alive Part 2‘, eine Art Reprise, die die Essenz des Albums noch einmal zusammenfasst. Ironischerweise das vorletzte Stück. Hier blitzt sie auf, diese Energie, diese Dringlichkeit, dieses Gefühl von: Jetzt passiert wirklich etwas. Schade nur, dass man sich bis Track 12 gedulden muss.

Am Ende bleibt ein Album, das exakt das liefert, was der eingefleischte Fan erwartet. Mit hörbarer Spielfreude, makellosem Sound und großem Konzept.

Nur hätte ich mir gewünscht, dass man den Mut gehabt hätte, einmal weniger zu wollen – um am Ende mehr zu erreichen.

Vielleicht steht „L.I.F.T.“ ja für „Laut, Intensiv, Formvollendet, Traditionell“.
Und manchmal ist genau das eben das Problem.
Bewertung: 9/15 Punkten


NMB - L.I.F.T. (InsideOut Music/Sony Music; 27.02.2026)
Credit: Nick Magnuson

Besetzung:
Neal Morse – vocals, keyboards, guitar
Mike Portnoy – drums, vocals
Randy George – bass
Bill Hubauer – organ, piano, synths, vocals
Eric Gillette – lead & rhythm guitar, vocals

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Oktober Promotion zur Verfügung gestellt.