Këkht Aräkh - Morning Star

Atmospheric Black Metal • Dark Ambient • Paegan Nordic Folk • Lo-Fi
(50:14; Vinyl, CD, MC, Digital; Sacred Bones Records; 27.03.2026)
Bei Këkht Aräkh ist das ja immer so eine Sache mit den Erwartungen. Black Metal steht drauf, Black Metal ist… na ja… irgendwo bestimmt auch drin. Wahrscheinlich. Vielleicht im Kleingedruckten.
Ursprünglich in Mykolaiv gegründet und inzwischen zwischen Berlin und Stockholm verortet, bastelt Mastermind Dmitry Marchenko (aka Crying Orc) weiterhin an seiner sehr eigenen Version von Genreverweigerung. Unterstützung kommt diesmal u. a. von Drummer J.S. sowie Gästen, wie etwa Bladee – bekannt aus der Cloud-Rap-/Sad-Rap-Szene und dem Kollektiv Drain Gang – beim Stück ‚Eternal Martyr‘, was schon im Vorfeld klarmacht: Hier geht es weniger um Szene-Treue als um Weltbau.
Denn seien wir ehrlich: Mit echtem Black Metal hat „Morning Star“ nur noch so viel zu tun wie Corpsepaint mit Hautpflege. Ja, da sind Blastbeats. Ja, da sind Riffs. Aber die sind derart weit nach hinten gemischt, dass sie eher wie ein konstantes weißes Rauschen wirken – atmosphärisches Grundrauschen statt tragendes Element. Black Metal als Nebelmaschine.
Und trotzdem: Ganz zufällig passiert das natürlich nicht. Bewusst auf Portastudio-Band gebannt, klebt über allem dieser warme Lo-Fi-Schleier, der mehr nach analoger Intimität als nach frostiger Raserei klingt. Das ist keine Produktion, das ist ein Tagebuch – nur eben mit Verzerrung und latentem Weltschmerz.
In seiner Seele ist dieses Album nämlich ganz woanders unterwegs. Viel näher an den entrückten Klangwelten von Johan G. Winthers „The Rupturing Sowle“ oder Nærværs „Skiftninger“ als an irgendetwas, das man guten Gewissens noch im Proberaum von Darkthrone verorten würde.
Der Gesang ist dabei überraschend klassisch Black Metal – keifend, roh, leicht entrückt. Nur wirkt er nicht als aggressive Speerspitze, sondern als emotional aufgeladener Fremdkörper inmitten der schwebenden, melancholischen Flächen. Entrückt, ja. Keifend, auch. Aber eben mit Gefühl statt reiner Frostbite-Attitüde.
Bei einem Song wie dem melancholischen wie introspektiven ‚Drömsång‘ geht man sogar noch einen Schritt weiter und streicht die Black-Metal-Elemente komplett. Kein Geknüppel, kein Riffing, stattdessen tieftrauriger Klargesang und eine fragile, fast schon traumwandlerische Ruhe, die eher nach nordischer Folklore als nach Szene-Kodex klingt. Ein kurzer Moment, in dem das Album so tut, als hätte es mit Black Metal wirklich abgeschlossen – nur um danach wieder in sein gewohntes Zwischenreich zurückzukehren.
Überhaupt wirkt „Morning Star“ wie das Protokoll einer leicht angeschlagenen Psyche: Stress, Anxiety, Schreibblockaden – alles brav in Musik gegossen, damit wir auch ja nichts verpassen. Tracks wie ‚Wänderer‘ oder ‚Three Winters Away“ kreisen um Isolation und Selbstverortung, während ‚Angest‘ (ja, mit „e“, weil Orthografie auch nur ein Vorschlag ist) gleich den existenziellen Abgrund mitliefert. Dazwischen: verträumte Zwischenwelten, die einem sanft einreden, dass ohnehin alles nur ein Traum ist. Beruhigend. Irgendwie.
Und über allem liegt diese seltsam vertraute Unheimlichkeit: eine Stimmung, die gleichzeitig kalt und heimelig wirkt, wie ein Spaziergang durch ukrainische Wälder, in denen theoretisch schon Wikinger hätten stehen können. Vielleicht kommt das nicht von ungefähr – schließlich waren die ersten Herrscher der Kiewer Rus einst nordische Krieger, die es auf ihren Handels- und Kriegszügen tief nach Osteuropa verschlug. Und wenn man diesem Album so lauscht, könnte man fast glauben, dass genau diese Geister noch immer zwischen den Bäumen stehen – nur eben heute mit Lo-Fi-Equipment und existenziellen Sorgen.
Unterm Strich ist „Morning Star“ also kein Black-Metal-Album mehr, sondern ein geisterhafter Hybrid aus Ambient, Folk und emotionalem Lo-Fi-Exorzismus. Oder anders gesagt: Black Metal für Menschen, die sich längst davon verabschiedet haben – aber das Gefühl vermissen. Und genau deshalb wiederkommen.
Bewertung: 9/15 Punkten

Besetzung:
• Crying Orc — everything
• J.S. (aka Spira me) — drums
Gastmusiker:
• Bladee – Vocals (Track ‚Eternal martyr‘)
• Spöke – Vocals, Organ, Flöte, Piano (Track ‚Genom sorgen‘ & ‚Trollsång‘)
• Varg2™ – Background‑Ambience (Tracks 2, 8, 17)
• Eurohead – Background‑Ambience (Tracks 2, 8, 17)
Surftipps:
• Homepage
• Linktree
• Bandcamp
• Wikipedia
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews
Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Rarely Unable zur Verfügung gestellt.