Im Gespräch mit Thomas Glönkler von ICU - 2026
»Alles handgemacht und von Herzen«
Thomas Glönkler, ehemaliger Gitarrist der deutschen Prog-Formation ICU, hat sich nach der Veröffentlichung seines Soloalbums „Tiefenland“ wieder mit Material seiner ehemaligen Band beschäftigt und anlässlich des 30-jährigen Jubiläums ihr „Now and Here“ Album erneut in einer überarbeiteten Version veröffentlicht. Mehr Information dazu im Folgenden…
Schon beim letzten Mal gab es die Frage, ob du dir vorstellen kannst, auch mal wieder in einer Band zu spielen. Gibt es dazu etwas Neues?
In diese Richtung hat sich nichts Neues ergeben. Vorstellen kann ich mir das aber durchaus, da das Musizieren mit anderen eine sehr befriedigende Erfahrung ist. Das gemeinsame Schaffen von Musik ist etwas sehr Besonderes. Es erfordert aber natürlich auch Commitment und einen zeitlichen Aufwand, der mir dann wiederum bei meinen anderen Projekten fehlen würde.
Im Gegensatz zum Debüt wird das zweite Album „Now and Here“ mit einer Jubiläumsausgabe bedacht. Liege ich mit der Vermutung richtig, dass aus deiner Sicht dieses Werk das beste Album in der Diskographie von ICU ist?
Ich mag alle unsere Alben aus verschiedenen Gründen, aber „Now And Here“ liegt mir natürlich besonders am Herzen, da es mein „Baby“ ist und allein von mir geschrieben wurde. Ich würde sagen, dass es aufgrund dieser Tatsache auch das in sich geschlossenste Album von ICU ist. Auf alle Fälle ist es unser populärstes Werk. Über all die Jahre gab es regelmäßig Nachfragen nach dem Album. Auch die Reaktionen auf die „30th Anniversary Edition“ haben das nun bestätigt. Das Album wurde über die Jahrzehnte mehr gehört und geschätzt, als mir klar war.
Trailer zur „30th Anniversary Edition“:
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Eine weitere Wertschätzung des Albums sind die Live-Veröffentlichungen aus dem Jahr 1995, die auf deinem Weltenblau Label erschienen sind sowie eine umfangreiche 3-CD Version als Collector’s Edition. Warum nun auch noch eine Version zum 30-jährigen Jubiläum?
Der Hauptgrund für die aktuelle Veröffentlichung war das Auffinden des originalen Mix auf einer DAT-Cassette. Diese war tatsächlich bis zum Sommer 2024 verschollen. Da der Transfer davon optimal geklappt hat, war es möglich, diesen Mix soundtechnisch zu verbessern. Dies war ja der eigentlich zur Veröffentlichung vorgesehene Mix, der aber 1995 aus bestimmten Gründen nicht verwendet wurde. Stattdessen haben wir damals in recht kurzer Zeit eine neue, minderwertigere Mischung des Albums erstellt, die dann veröffentlicht wurde. Ich bin sehr froh darüber, dass „Now And Here“ nun endlich so klingt wie es damals ursprünglich vorgesehen war. Und tatsächlich klingt es ja noch besser, da wir das Ganze soundtechnisch noch enorm aufgemöbelt haben.
Warum sollte sich der Fan, der schon im Besitz genannter Alben ist, sich auch dieses Album zulegen
Die Idee war eine ultimative „Now And Here“-Edition zu schaffen, d. h. ich wollte alles draufpacken, was geht. Somit war mir klar, dass auch die zwei sehr gut klingenden Livemitschnitte des Stücks aus dem Atelier und dem Pavillon Verwendung finden würden. Sie bilden sehr gut ab, wie wir das Stück damals in seiner Gänze live auf die Bühne gebracht haben. Und da es das sämtliche Bonusmaterial im Downloadformat gibt – es also keinerlei zeitliche Beschränkung gab, sind auch alle von mir aufgefundenen restlichen Liveaufnahmen, Demos und Raritäten sowie der 1995 veröffentlichte Mix enthalten. Da gibt es z. B. auch die Liveaufnahme aus der Röhre in Stuttgart, wo wir 1996 als Support von Arena gespielt haben, was ein denkwürdiger Abend war. Insgesamt sind es über 240 Minuten Musik, die ich mit Volker Hinkel remastert habe. Dazu kommt noch eine umfangreiche Bildergalerie, Pressematerial von damals und Videoaufnahmen von den Recordingsessions im damaligen Marylandstudio. Ich würde sagen, es ist das „Now And Here-Rundum-sorglos-Paket“ geworden. Das Album ist für mich nun perfekt dokumentiert. Ein Hörer hat mir geschrieben, dass nun endlich – nach 30 Jahren – alles, was über „Now And Here“ im Dunkeln lag, endlich sichtbar ist. Das finde ich sehr schön ausgedrückt.
Jetzt hast du dich über längere Zeit intensiv mit einem Werk beschäftigt, das du vor 30 Jahren geschrieben hast. Wie war diese Erfahrung für dich?
Die Beschäftigung mit „Now And Here“ war in vielerlei Hinsicht gewinnbringend für mich. Scheinbar tendiere ich dazu, in meinen Texten über Dinge zu schreiben, die ich manchmal erst später in meinem Leben „nachvollziehe“. Bei meinem Soloalbum „Tiefenland“ ist mir das zum ersten Mal aufgefallen. Als „Now And Here“ vor über 30 Jahren entstand, war ich Anfang 20 und in einer intensiven Phase meines Lebens. Ich schrieb Texte, die sich mit unser aller Umgang mit der Natur beschäftigen. Das Album ist aufgebaut als Dialog zwischen Mensch und Natur und führt uns in einer Art Heilungsprozess auf einer Reise zurück zu uns selbst. Die Beschäftigung mit den Texten, die ich damals geschrieben habe, war nun in der Rückschau sehr aufschlussreich. Ähnlich einer Reise zu mir selbst, aber mit mehr Verständnis dafür, worum es mir damals ging. Das war eine sehr interessante Erfahrung, als würde ich mein früheres Ich besuchen und neu kennenlernen. Ein bisschen habe ich mich vom damaligen Thomas belehren lassen und ihm danach anerkennend auf die Schulter geklopft. Das war eine unverhoffte und sehr schöne Erfahrung, die ich nicht missen möchte.
Nehmen wir mal an, das Debüt von ICU wäre 2023 erschienen und ihr hättet im Jahr 2024 angefangen, am Nachfolger zu arbeiten. Was wäre deutlich anders gelaufen?
Interessanter Gedanke. Die gesamte Aufnahmetechnik hat sich ja enorm verändert, sodass wir sicher sehr viel länger und genauer an den Details eines neuen Albums feilen würden. Was aber immer die Gefahr in sich birgt, dass man sich verzettelt oder manchmal in Kleinigkeiten verliert, die letztlich für die Wirkung der Musik gar nicht relevant sind. Damals haben wir das Album – bis auf einige zusätzliche Overdubs – ja im Prinzip genau so eingespielt wie wir es live gespielt haben. Ich bin jetzt gar nicht sicher, was besser wäre. Beides hat sicher seine Vor- und Nachteile.
Gibt es auch heute noch Kontakt zu den damaligen Mitmusikern? Sind deine Kollegen denn noch musikalisch aktiv?
Wir haben alle noch Kontakt zueinander – zwar sporadisch, aber es finden immer wieder kleine Treffen statt. Die meisten sind in irgendeiner Form musikalisch aktiv, aber eben nicht unbedingt in einem Bandkontext. Mit Sänger Ralf Großmann bin ich ja gerade live unterwegs, um die „30th Anniversary Edition“ zu promoten. Wir spielen Songs von „Now And Here“ in akustischer Form auf kleinen Bühnen. Erst vorgestern hatten wir mit der Freiburger Band CYDONIA in Ettenheim-Altdorf einen Auftritt. Am 2. Mai spielen wir dann unser ganzes Programm in Calw in der Kulturapotheke. Wir haben auch schon ein paarmal in diversen Wohnzimmern gespielt, was sehr schön war. In diesem intimen Setting gewinnen die Songs meiner Meinung nach noch einmal an Tiefgang. Momentan suchen wir übrigens nach weiteren Auftrittsmöglichkeiten. Wer die Musik mag und uns haben möchte, kann also gerne mit uns Kontakt aufnehmen.

2023 erschien dein letztes Soloalbum „Tiefenland“, ist denn schon ein Nachfolgewerk in Planung?
Tatsächlich arbeite ich schon intensiv am Nachfolger, was zu meiner Freude auch recht zügig vorangeht. Es wird dieses Mal ein Album auf Englisch sein und es soll im nächsten Jahr erscheinen – vermutlich auf Vinyl und CD. Ich bin dran.
ICU – Now And Here-Medley (September 29th, 1996, Röhre Stuttgart):
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Trittst du als Solo-Artist auch live auf?
Neben den akustischen „Now And Here“-Shows ist gerade nichts in Planung. Es wird aber sicherlich bei Erscheinen des nächsten Albums eine Live-Präsentation in irgendeiner Form geben.
Wo siehst du ICU in der deutschen Prog-Szene?
Glaubst du, ihr hättet mehr erreichen können? Bist du mit den einzelnen Alben zufrieden, wenn du die Musik heutzutage hörst?
In der Rückschau sieht man vieles klarer. Wenn ich die alten Aufnahmen – auch die Livemitschnitte – anhöre, denke ich, wir waren besser als wir damals dachten. „Now And Here“ zum Beispiel hat nun auch seine Stellung in der deutschen Neo-Prog-Szene. Das haben die letzten Monate gezeigt und wurde mir über die Jahre durch die Reaktionen auch aus dem Ausland immer wieder bestätigt. Aber natürlich bin ich der Meinung, dass das Album und unsere Musik allgemein mehr Hörer verdient hätte. Letztlich spielt sich das Ganze ja in kleinem Rahmen im „Untergrund“ ab. Aber das ist wohl das Los eines jeden Musikers und speziell in unserer schnelllebigen Zeit und dem vielen verfügbaren Angebot, wird es für einzelne Bands und Musiker immer schwerer, Aufmerksamkeit zu erhalten.
Welche Musik hört denn der Musiker Thomas Glönkler aktuell gerade?
Erstaunlich wenig aus dem Prog-Bereich. Immer wieder auch Klassik, ansonsten gerne anspruchsvollen Pop oder eben Rock. Mich interessieren hauptsächlich authentisch erzählte Geschichten, die mich emotional abholen. Oder anders gesagt: Die Haltung und Persönlichkeit des Künstlers ist mir mittlerweile wichtiger als die Form der Musik. Meist geht es aber dann schon in Richtung anspruchsvollen Rock, Artrock oder Ähnliches. Aber, um ein paar Namen zu nennen: Gerade höre ich z. B. die frühen Solo-Platten von David Sylvian und habe aktuell meine Rush-Sammlung wieder entstaubt (was in aller Regelmäßigkeit alle paar Jahre passiert!). Ich bin aber auch empfänglich für Songwriter wie den Schweizer Stephan Eicher, den ich schon seit 1989 begleite und der mich mit seiner Musik und seiner Haltung immer wieder berührt. Ansonsten höre ich einfach viel Vinyl mit meiner Lebensgefährtin und spiele ihr dabei immer wieder meine „alten Helden“ vor. Da entdecke ich vieles wieder und lerne, die Sachen mit neuen Ohren zu hören und – nicht zuletzt durch ihre Bemerkungen dazu – auch neu zu schätzen.
Live im Pavillon in Sindelfingen:
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Noch eine abschließende Bemerkung?
Ich wünsche mir natürlich, dass „Now And Here“ so viele Hörer wie möglich findet. Ich bin mir sicher, dass die Anzahl derer, die das Album mögen würden, sehr groß ist.
Mein Appell als Musiker kann also nur sein: Gebt dem Album eine Chance! Schaut einmal auf meiner bandcamp-Seite vorbei und hört gerne mal rein in die Musik. Es ist alles handgemacht und kommt sehr von Herzen.
Vielen Dank für deine Antworten, Thomas, und viel Erfolg für die zukünftigen Projekte!
Surftipps zu Thomas Glönkler:
Homepage
Bandcamp
YouTube
Abbildungen: Thomas Glönkler / Weltenblau


