Harvestman - Triptych: Part One - Three

Ambient • Drone • Psychedelic • Dub • Avantgarte • Electronic • Folk • Tribal
(43:54, 47:03, 44:58; Vinyl, CD, Digital; Neurot Recordings; 23.04., 21.07., 17.10.2024 )
Wer denkt, man könne bei Steve Von Till einfach mal „Ambient hören“ und dann weitergehen, hat „Triptych“ noch nicht erlebt. Die dreiteilige Serie aus 2024, die sich wie ein bewusstseinserweiterndes Marathon-Event über drei Vollmonde erstreckt, entführt in kosmische Nebel, in denen Dub, keltische Folklore, seismische Basswellen und droneartige Eskapaden aufeinandertreffen.

Harvestman - Triptych: Part One - Three (Neurot Recordings; 23.04., 21.07., 17.10.2024 )
Credit: Henry Hablak

„Part One – Pink Moon“

‚Psilosynth‘ eröffnet das Triptychon wie ein Uhrwerk, das durch eine psychedelische Nebelwolke rotiert. Al Cisneros’ Bass wirkt dabei wie eine Erdung, während Von Till Gitarren, Mellotron und Percussion in alle Richtungen wirft.

‚Give Your Heart To The Hawk“ klingt wie ein vergessenes Dokumentarfilm-Sample aus einer Parallelwelt, ‚Coma‘ lässt Philip Glass verzweifelt eine Rettungsboje aus dem All empfangen, die Percussion aus Stocktanks, Bagpipes und alten Reel-to-Reels treibt die ganze Szenerie in eine seltsam-elegische Welt. Das alles ist nicht Musik zum Nebenbeihören, sondern Meditation mit gelegentlichen Schlägen unter die Rippen.


Harvestman - Triptych: Part One - Three (Neurot Recordings; 23.04., 21.07., 17.10.2024 )
Credit: Henry Hablak

„Part Two – Buck Moon“

„Part Two“ setzt genau dort an, wo Teil Eins aufgehört hat – nur dass die Nebel jetzt schwerer, dichter und vielschichtiger sind. ‚The Hag Of Beara Vs. The Poet‘ startet mit tribal-groovendem Chromatik-Waschgang à la „Endlosöl auf heißem Asphalt“, Al Cisneros sorgt wieder für die Erdung, und Von Till lässt Gitarren und Synths zwischen Dub und keltischer Folklore schweben.

‚The Falconer‘ fühlt sich an wie Myst aus dem All, ‚Damascus‘ und ‚Vapour Phase‘ wirken wie seismische Messungen des Übersinnlichen, und ‚The Unjust Incarceration‘ beweist, dass verzerrte Bagpipes durchaus Noise-Folklore sein können.


Harvestman - Triptych: Part One - Three (Neurot Recordings; 23.04., 21.07., 17.10.2024 )
Credit: Henry Hablak

„Part Three – Hunter Moon“

Das Finale ist ein geisterhafter Spaziergang zwischen verlorener Tradition und kosmischem Alptraum: Ezra Pounds Stimme streut Verse über ‚gather[ing] from the air a live tradition‘, ‚Herne’s Oak‘ liefert Basswellen, die einem physisch den Weg versperren, und ambient-dub-folkige Schichten lassen den Hörer zwischen Traumtagebuch und archäologischer Expedition taumeln.

Wie immer sind die Details entscheidend: Home-Studio-Aufnahmen über zwei Jahrzehnte, Gäste wie The Bug, Douglas Leal, Wayne Adams, Dave French oder Sanford Parker, dazu Henry Hablaks Glyphen-Artwork – ein kompletter Sensorik-Overkill.

Und weil Von Till offenbar auch ein Faible für strukturelle Rituale hat: Auf allen drei Teilen eröffnet der jeweilige Opener nicht nur das Album, sondern kehrt als Dub-Version zurück, um jeweils die B-Seite der Vinyl-Ausgabe einzuleiten – als würde sich das Triptychon selbst spiegeln, nur leicht benebelt.

Für mich persönlich war der Roadburn-Moment 2025 entscheidend: Steve Von Till live als Harvestman, „Triptych-Stücke“ im Set – und plötzlich war alles klar. Nicht, dass man das alles „verstanden“ hätte, sondern dass man erkennen muss, dass man sich treiben lassen sollte.

Fazit: „Triptych“ ist multidimensional, herausfordernd, manchmal frustrierend, immer faszinierend. Wer sich darauf einlässt, wandelt zwischen Vollmonden, keltischen Mythen und kosmischem Nebel – und kommt mit dem Gefühl zurück, gerade Zeuge von etwas wirklich Unvermittelbarem geworden zu sein.
Bewertung: 12/15 Punkten


Harvestman - Triptych: Part One - Three (Neurot Recordings; 23.04., 21.07., 17.10.2024 )
Credit: Kylee Pardick

Besetzung:
Steve Von Till

Gastmusiker:
Al Cisneros – Bass
Dave French – Drums, Percussion
John Goff – Northumbrian Dmallpipes, Bagpipes
Sanford Parker – Live Assistance
The Bug
Douglas Leal
Wayne Adams
Ezra Pound – Spoken Word

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Earsplit/Rarely Unable zur Verfügung gestellt.