Godspeed You! Black Emperor, Kristof Hahn, 15.03.26, Wiesbaden, Schlachthof

Godspeed You! Black Emperor, Kristof Hahn, 15.03.26, Wiesbaden, Schlachthof

Hoffnung im Endzeitmodus

Es gibt Konzerte, die beginnen mit einem Song. Und es gibt Abende, die beginnen mit einem Zustand. Wenn Godspeed You! Black Emperor den Wiesbadener Schlachthof betreten, ist schnell klar, dass hier wieder einmal Letzteres passiert.

Doch bevor die Kanadier ihre monumentalen Klanglandschaften entfalteten, gehörte die Bühne zunächst einer Figur, die im experimentellen Rock längst selbst Legendenstatus genießt: Kristof Hahn, Lap-Steel-Gitarrist der nicht minder einflussreichen Swans.

Kristof Hahn

Hahn stand alleine mitten auf der riesigen Bühne des Schlachthofs. Ein einzelner Musiker, ein Gitarrenbrett vor sich aufgebaut. Optisch wirkte das Setting beinahe absurd überdimensioniert – akustisch dagegen schien der Raum fast zu klein für das, was kurz darauf folgte.

Schon nach wenigen Sekunden begannen markerschütternde Droneflächen durch die Halle zu rollen. Ein tiefes Dröhnen, das sich langsam in jede Ecke fraß. Aus diesem vibrierenden Klangkörper schienen immer wieder Ansätze von Melodien aufzutauchen – oder bildete man sich das nur ein? Gerade noch glaubte man eine Linie zu erkennen, im nächsten Moment blieb wieder nur dieser mächtige Klangblock.

Doch dieser Krach stieß nicht ab. Er umarmte. Warm und dicht legte er sich über das Publikum, das sich erstaunlich schnell auf diesen Sog einließ.

Mit der Zeit wurden die melodischen Fragmente tatsächlich deutlicher. Psychedelisch, leicht floydig, schräg und verschoben – und doch kaum greifbarer als ein süß klingender Tinnitus im eigenen Ohr. Ein faszinierender Gedanke drängte sich auf: Dass Drones so melodisch sein können.

Das dritte Stück begann mit einer gezupften Tonfolge – mehr eine lose Melodielinie als eine klassische Harmoniefolge. Dazu gesellten sich plötzlich raunende, tiefe Töne, die beinahe wie Gesang wirkten. Und dann setzte Hahn selbst ein: Seine Stimme ist sonor, halb gesprochen, mit rauer Reibeisenkante. Sofort stellte sich Gänsehaut ein. Stimme und Melodie griffen ineinander, bildeten einen seltsam hypnotischen Gleichklang. Später stellte ich dann fest, dass es sich bei diesem Track um ein Cover von Roxy Musics ‚If There Is Something‘ handelte

Im weiteren Verlauf überraschte Hahn damit, dass plötzlich mehr Vocals als Droneflächen auftauchten, etwa bei ‚Regenland‘ seines Projektes Les Hommes Sauvages. Er setzte er mit seiner Lap Steel noch einmal ein klares Ausrufezeichen: kleine, präzise, aber brutale Ausbrüche, die wie elektrische Risse durch die zuvor eher schwebende Klangwelt schnitten. es folgte ein Stück dessen Lyrics einem irgendwie vertraut vorkamnen, das man aber nur schwerlich einordnen konnte. Dass es sich bei dieser finsteren Nummer tatsächlich um ‚Heartbreak Hotel‘ von Elvis Presley gehandelt haben soll, kann ich noch immer nicht glauben.

Den letzten Akzent setzte der gebürtige Idar-Obersteiner dann mit einem weitern Stück von Les Hommes Sauvages, nämlich ‚Sad & Lonesome‘.

Ein konzentrierter Auftakt – und eine eindrucksvolle Erinnerung daran, wie viel Raum ein einzelner Musiker füllen kann.

Besetzung:
Kristof Hahn

Surftipps:
YouTube
Wikipedia
Rezensionen & Liveberichte

Kristof Hahn Setlist Schlachthof, Wiesbaden, Germany 2026


Godspeed You! Black Emperor

Bei Godspeed beginnt ein Konzert selten mit einem Song. Es beginnt mit einem Drone: ‚Hope Drone‘

Ein tiefes, vibrierendes Dröhnen legte sich über den Schlachthof. Kein klarer Anfang – eher das Gefühl, dass dieser Klang schon die ganze Zeit im Raum existiert hat und man ihn nur gerade erst bemerkte.

Im diffusen Licht betraten zunächst Kontrabassist Thierry Amar und Violinistin Sophie Trudeau die Bühne. Ihre organischen Linien setzten einen Gegenpol zu den elektronischen Flächen, die wie Nebel durch die Halle zogen. Kurz darauf folgte ein Gitarrist. Auf dem Backdrop begannen die ersten Projektionen zu flimmern – zunächst kaum mehr als visuelle Drones, flirrende Texturen ohne klare Form.

Dann erschien der Schlagzeuger.
Und schließlich komplettierte sich langsam das siebenköpfige Ensemble.

Der Klang wurde dichter. Lauter. Intensiver.
Bis plötzlich – wie ein flackerndes Manifest – das Wort „HOPE“ über die Leinwand lief.

Spätestens in diesem Moment war man vollständig in dieser Welt angekommen. Die klagenden Gitarren, die unter die Haut gehende Violine und die druckvollen Drums wachsen zu dieser typischen Godspeed-Wand zusammen – Musik, die nicht nur gehört, sondern physisch gespürt wurde.

Das erste eigentliche Stück war zugleich der Opener des aktuellen Albums „No Title as of 13 February 2024 28,340 Dead“: ‚Sun Is A Hole Sun Is Vapors‘.

Entstanden im Schatten des Gazakrieges, hat diese Platte zuletzt eine erdrückende Brisanz entwickelt. Während Filmfetzen über die Leinwand flackerten, schien sich der thematische Rahmen längst erweitert zu haben – Gaza, Iran, geopolitische Spannungen überall. Alles hängt miteinander zusammen.

Auf den Opener folgten ‚Babys In A Thundercloud‘ und ‚Raindrops Cast In Lead“.

Es sind Titel, die eine enorme Wucht entfalten. Kurze Sätze, die wie poetische Parolen wirken. Gerade weil Godspeed weitgehend instrumental arbeiten, bekommen diese wenigen Worte ein enormes Gewicht. Sie sind Kontext, Kommentar und Anklage zugleich.

Mehr braucht es eigentlich nicht: ein paar projizierte Wörter, fragmentarische Filmfetzen und diese monumentalen Klangwellen.

Das reicht, um aus einer Instrumentalband eine Institution musikalischen Protests zu machen.

Dann folgte mit ‚Monheim‘ ein monumentaler Auszug aus „Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven“, genauer gesagt, aus dem dem zweiten Stück der Platte: ‚Sleep‘. Es ist ein Track, der nicht nur ein Jahr, sondern ein gutes viertel Jahrhundert auf dem Buckel hat und trotzdem nichts von seiner Energie eingebüßt hat.

Und dann kehrte die Band doch noch einmal zum aktuellen Album „No Title As Of 13 February 2024 28,340 Dead“ zurück – und brachte dieses spektakulär zu Ende, indem die beiden abschließenden Stücke nahtlos ineinander übergingen: ‚Pale Spectator Takes Photographs‘ und ‚Grey Rubble – Green Shoots‘.

Erst danach führte der Weg wieder zurück zum vielleicht legendärsten Werk der Band: „Levez Vos Skinny Fists Comme Antennas To Heaven“ – wie der französischsprachige Alternativtitel des Zweitlings von Godspeed lautet. Noch immer gehören die Stücke dieses Albums zum Intensivsten, was Godspeed You! Black Emperor jemals auf Vinyl gepresst haben.

Die Band sprang dabei frei durch das Material. Anders als beim aktuellen Album hielt man sich hier nicht an feste Strukturen oder Reihenfolgen. Stattdessen erklangen Fragmente, miteinander verwoben. Mehr war an einem Abend wie diesem schlicht nicht möglich – wenn einzelne Stücke ursprünglich eine komplette Vinylseite füllen.

Es folgten ‚Chart #3‘ und ‚World Police And Friendly Fire‘, zwei ineinandergreifende Teile des Stücks ‚Static‘.

Was danach passierte, lässt sich eigentlich nur mit einem Ausdruck beschreiben: Crescendo as fuck.

Die Musik schraubte sich immer höher, immer lauter, immer dichter. Eine einzige Explosion aus Klang und Emotion. Reine Ekstase.

Auf der Bühne brannten die Wälder lichterloh – zumindest auf dem flimmernden Zelluloid über der Stage.

Und während diese Klangmassen über das Publikum hinwegrollten und -grollten, fragte man sich unwillkürlich, wie es möglich ist, dass diese Musik tatsächlich durchkomponiert sein soll. Dass sie Abend für Abend reproduzierbar bleibt.

Und dann kam der letzte Track.

Noch einmal ging es zurück zu „Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven“.

Diese einzelnen Noten. Sie waren sofort zu erkennen. Unverkennbar.

Heißkalte Schauer der Antizipation liefen über den Rücken.

Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Glückshormone schossen durch den Körper. Vielleicht ist es eines der schönsten, ja intensivsten Movements, das God’s Peed je geschrieben haben – damals noch als Godspeed You Black Emperor! – mit dem Ausrufezeichen am Ende.

Epic.

Musikalische Welten wurden erschaffen, wuchsen, türmten sich auf – nur um am Ende wieder in Schutt und Asche gelegt zu werden. Von der Schöpfung bis zur Apokalypse.

Post Rock at its best.

Während all das passierte, blieben die Künstler selbst fast vollständig im Dunkeln. Die Bühne war kaum ausgeleuchtet. Die Musiker wurden zu anonymen Statisten ihrer eigenen Kunst.

Fast wirkte es wie in den alten Kinematographentheatern der Stummfilmzeit:
Die Projektionen erzählen die Geschichte, während die Musiker im Schatten die Emotionen lieferten.

Auch deshalb funktionierte dieser Abend so gut. Es ging nicht um Personen. Nicht um Rockstarposen.

Es gig um die Musik.

Und um die Bilder, die sie im Kopf hinterließ.

Besetzung:
Efrim Menuck – Gitarre, Elektronik
Mike Moya – Gitarre
David Bryant – Gitarre, Elektronik
Thierry Amar – Kontrabass, bass
Sophie Trudeau – Violine
Aidan Girt – Schlagzeug
Timothy Herzog – Schlagzeug

Surftipps
Homepage
Bandcamp
YouTube
Wikipedia
Rezensionen & Liveberichte

Godspeed You! Black Emperor Setlist Schlachthof, Wiesbaden, Germany, Liberation Spring 2026


Fotos:
Prog in Focus

Weitere Surftips:
• Venue: Schlachthof Wiesbaden