Electric Bush Project - The Loss Of Truth

Progressive Rock • Psychedelic Rock • Electronica • Konzeptalbum
(1:03:42; CD, Digital; Electric Bush Project; 07.03.2026)
Man muss es Electric Bush Project ja lassen: Während andere Bands krampfhaft versuchen, sich neu zu erfinden, reicht bei Johannes Neu ein einziger Ton – und man weiß sofort, wer hier am Werk ist. Diese Stimme, die noch immer so charmant nach Fischer-Z klingt, ist Fluch und Segen zugleich. Wiedererkennungswert? Absolut. Überraschung? Konsequent verweigert.
Gemeinsam mit Matthias Steuert, der mit seinem Gitarrenspiel einmal mehr den eigentlichen emotionalen Unterbau liefert, wird „The Loss Of Truth“ zum bislang geschlossensten Werk des Projekts. Ein Konzeptalbum – ja, wirklich – und diesmal eines, das seine Geschichte nicht nur behauptet, sondern auch erzählt.
Und wie: Schon früh wird klar, wohin die Reise geht. In ‚The Creator‘ gibt sich der Protagonist noch als selbsternannter Heilsbringer:
I am a twister of words and a liar… give me your trust, give me your vote.
Subtil wie ein Wahlplakat, aber effektiv. Der Absturz folgt auf dem Fuß – Orientierungslosigkeit:
I’m standing at the crossroad… everything went wrong.
Zunehmende Verunsicherung:
Can you tell me now what’s right or what’s wrong.
Und schließlich die Erkenntnis, dass Wahrheit längst zur Verhandlungsmasse geworden ist.
Spätestens in ‘Fading Into Grey’ wird es dann unangenehm aktuell:
You can always find someone who’ll confirm what you believe.
Willkommen im digitalen Spiegelkabinett, in dem jede Wahrheit ihre eigene Kommentarspalte hat. Dass hier sogar flache Erde und Schattenregierungen vorbeischauen, wirkt weniger wie Übertreibung als wie ein kurzer Blick in die Timeline.
Musikalisch trägt das Ganze erstaunlich gut. Das Psychedelic-Rock-/Prog-Gerüst steht diesmal klar im Vordergrund: viel Atmosphäre, viel Melodie, getragen von Steuerts Gitarren, die Räume öffnen, statt sie zuzuschütten. Gleichzeitig bleibt das Album in Bewegung – immer wieder schieben sich treibende, druckvolle Passagen nach vorne, die verhindern, dass man sich komplett im Klangnebel verliert.
Dass mit ‘Naked Life’ kurz das alte, latent Archive-artige Flair durchschimmert, wirkt dabei fast wie ein bewusst gesetzter Rückblick auf das etwas Elektronik/Krautlastigere Vorgängeralbum des EBP, bevor das Album endgültig in seinen psychedelischen Fluss zurückfindet.
In der zweiten Hälfte kippt die Geschichte dann endgültig: Aus dem Verunsicherten wird der Manipulator.
I tell the people what they want to hear.
– und plötzlich läuft’s. Partei, Karriere, Bedeutung. ‚Colour Blue‘ liefert die passende Selbstbeweihräucherung gleich mit:
Look at me now.
Dass das alles zu gut funktioniert, ist natürlich Teil des Problems.
Denn das Ende ist so unausweichlich wie unerquicklich: In ‚Blind Alley‘ sitzt der Protagonist im selbstgebauten Kartenhaus und stellt fest, dass Erfolg auf Lügenbasis überraschend wenig Substanz hat.
My life consists only of lies… I can’t look myself in the eye anymore.
Also Abgang ins Exil. Leise, konsequent, irgendwie folgerichtig.
Musikalisch bleibt das EBP dabei angenehm kontrolliert. Die Referenzen an Pink Floyd sind weiterhin präsent, aber nie erdrückend. Statt großer Gesten gibt es fließende Übergänge, dichte Stimmungen und dieses Gefühl, dass hier jemand genau weiß, wie lange er einen Moment stehen lassen muss, bevor er ihn wieder anschiebt.
Am Ende ist ‚The Loss Of Truth“ kein revolutionäres Album, sondern eine Fokussierung: mehr Psychedelic, mehr Prog, mehr Stringenz.
Und während unser namenloser Held irgendwo zwischen Wahrheit und Selbstbetrug verschwindet, bleibt eine Erkenntnis: Diese Musik gehört in kleine, dunkle Clubs. Dorthin, wo Projektionen flackern und Realität ohnehin nur eine Option ist. So Orte, an denen selbst frühe Pink Floyd kurz anerkennend genickt hätten.
Bewertung: 11/15 Punkten
Besetzung:
• Johannes Neu – Gesang, Keyboards
• Matthias Steuert – Gitarre
• Matthias Rummel – Schlagzeug
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Electric Bush Project zur Verfügung gestellt.