Dudu Tassa & Jonny Greenwood - Jarak Qaribak

Dudu Tassa & Jonny Greenwood - Jarak Qaribak (World Circuit Records/BMG; 09.06.2023)
Middle Eastern Music • Electronic • Rock • Pop
(39:44; Vinyl, CD, Digital; World Circuit Records/BMG; 09.06.2023)
Man stelle sich kurz vor, Jonny Greenwood (Radiohead, The Smile) hätte Lust auf etwas Abwechslung vom ewigen Gitarren-Understatement und denkt sich: „Warum nicht ein Album mit einem israelischen Rockstar aufnehmen, den hierzulande kaum jemand auf dem Zettel hat?“ Enter: Dudu Tassa – in seiner Heimat eine feste Größe, im hiesigen Feuilleton ungefähr so präsent wie die Charts von 1973.

Knapp drei Jahre ist es her, dass ich „Jarak Qaribak“ das erste Mal auf dem Schirm hatte. Damals war mir die Platte musikalisch noch ein bisschen zu fremd – arabische Klassiker, Drum Machines, Oud und Greenwood-Gitarren: ein exotisches Experiment, das man bewundern, aber nicht unbedingt täglich hören muss. Mittlerweile hat sich das geändert. Das Album schleicht sich hartnäckig in meinen Music Player, und inzwischen klingt es erstaunlich vertraut.

„Jarak Qaribak“ – laut Pressetext sinngemäß „Dein Nachbar ist dein Freund“ – ist natürlich kein politisches Statement. Wirklich nicht. Vielmehr versammelt es Musiker aus dem gesamten Nahen Osten, lässt sie Songs aus fremden Ländern interpretieren und mischt Tradition, Nostalgie und Elektronik zu einem eigenwilligen, grenzüberschreitenden Sound. Dass das in dieser Region logistisch und diplomatisch eine kleine Herausforderung war, merkt man der Musik nicht an – im Gegenteil: gerade diese kleine Reibung gibt den Songs Energie.

Musikalisch pendelt das Album zwischen 70er-Jahre-Flair, Kraftwerk-in-Kairo-Vibes und Greenwood-Gitarren, die gelernt haben, dass westliche Harmonielehre hier nur stört. Die Stimmen sind mal vertraut, mal fremd, mal hypnotisch – und oft genug fragt man sich, ob das Ganze nicht ein bisschen zu sehr Konzept ist. Konzept? Ja, schon. Aber gerade dieses leichte „Wir machen hier etwas Wichtiges“-Flimmern gehört offenbar dazu.

Und nun, da die Hölle im Nahen Osten von Monat zu Monat heißer zu werden scheint, ist es vielleicht umso wichtiger, dieses Album wieder hervorzukramen. „Jarak Qaribak“ ist nicht nur ein Sammelsurium schöner Klänge, sondern eine sanfte, hartnäckige Message of Love. Inmitten des Chaos erinnert es daran, dass Nachbarschaften, wie musikalische Grenzen, manchmal einfach überschritten werden müssen.

Am Ende bleibt die Frage, die Dudu Tassa selbst so charmant formuliert hat: „Was ist das eigentlich?“ Die bessere Antwort: etwas, das man hören sollte – egal, wie fremd es einem zuerst vorkommt.
Bewertung: 11/15 Punkten


Tracklist:

  1. ‚Djit Nishrab‘ (6:25)
  2. ‚Ashufak Shay‘ (3:22)
  3. ‚Taq ou-Dub‘ (3:38)
  4. ‚Leylet Hub‘ (4:42)
  5. ‚Ya Mughir al-Ghazala‘ (3:55)
  6. ‚Ahibak‘ (4:57)
  7. ‚Ya ‘Anid Ya Yaba‘ (3:39)
  8. ‚Lhla Yzid Ikthar‘ (4:44)
  9. ‚Jan al-Galb Salik‘ (4:23)

Dudu Tassa & Jonny Greenwood - Jarak Qaribak (World Circuit Records/BMG; 09.06.2023)
Credit: Shin Katan

Besetzung:
Dudu Tassa – Gesang, Oud, Produktion
Jonny Greenwood – Gitarre, Synthesizer, Produktion

Gastmusiker:
Ahmed Doma – Gesang (‚Djit Nishrab‘)
Rashid Al-Najjar – Gesang (‚Ashufak Shay‘)
Karrar Alsaadi – Gesang (‚Ya Mughir al-Ghazala‘)
Mohssine Salaheddine – Gesang (‚Leylet Hub‘)
Safae Essafi – Gesang (‚Ahibak‘)
Noaaman Chaari & Zaineb Elouati – Gesang (‚Jan al-Galb Salik‘)
• Syrischer Sänger – Gesang (‚Ya ‘Anid Ya Yaba‘)
• Diverse Musiker – Rebab, Oud, Mijwiz, Qanun, Brass, Streicher, Synthesizer, Drum Machines

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