Daymoon - Wednesday

Progressive Rock • Avantgarde • Folk • RIO
(56:13; CD, Digital; Out of the Box Records (OOB) /Just For Kicks; 07.01.2026)
Daymoon ist die Band des in Portugal lebenden deutschen Multiinstrumentalisten Fred Lessing, der hier zusammen mit seinen Mitstreitern das fünfte Album in der Bandhistorie vorstellt. Zum ersten Mal übrigens ohne Drummer – mit einer Ausnahme, nämlich dem kurzen Opener ‚Dyschordia‘. Ein beinahe weihnachtlich anmutendes Intro mit zuckersüßen Keyboards und feiner Gitarre. Ein Intro jedoch, das dann doch etwas in die Irre führt, denn derartigen Schönklang und solch wohlige Atmosphäre sollte man nicht zwingend von Daymoon erwarten. Was dann auch schon im darauffolgenden ‚Mid-week Crisis‘ belegt wird, herausfordernder, teils mehrstimmiger Gesang, Saxophoneinlagen – da wird es schon zum ersten Mal etwas sperrig. Allerdings eher harmloser Natur, verglichen mit einigem, was danach noch zu Gehör gebracht wird.
Das nachfolgende ‚Real Diehl‘ ist sehr speziell und sollte an dieser Stelle aus guten Gründen auch etwas ausführlicher beschrieben werden, was den Hintergrund des Songs betrifft. Dort wird zwar auch der ‚real deal‘ besungen, aber der Titel ist kein Schreibfehler, sondern soll genauso heißen, nämlich ‚Real Diehl‚. Im Booklet findet man dann auch die Begründung, denn Lessing berichtet von seinen Treffen mit dem im Prog-Zirkel bekannten und beliebten, leider verstorbenen Lutz Diehl, mit dem er befreundet war und der regelmäßig bei dem jährlich stattfindenden portugiesischen Prog Festival „Goveia Art Rock“ als Photograph tätig war. Gemeinsam hatten beide auch Spaß an der US-Band Bent Knee, und so ist beinahe folgerichtig deren starke Sängerin Courtney Swain auf diesem Song zu hören. Lessing dazu mit einer ordentlichen Portion Selbstironie so: „Sie singt auf dem Titel so schön, was man nicht gerade zu meinem Gesangspart sagen kann.“ Recht hat er.
‚Oceans of Moon‘ zeigt die Stärken der Band, oder besser gesagt: von Lessing zusammen mit seinen Mitmusikern, wenn es darum geht, Folk Elemente einzubringen. Darauf folgt mit ‚The Trees Of The Mind Are Black‘, ein avantgardistischer Track, der an Musik von Claudio Milano erinnert, da diverse ungewöhnliche Gesänge das Stück im Wesentlichen ausmachen, und auch das nachfolgende ‚The Arrhythmix‘ ist eher für die Schräg-Fraktion geeignetes Hörfutter angesichts der per Bläsern erzeugten Disharmonien. Harter Tobak.
Das in schwarz-weiß gehaltene Cover täuscht darüber hinweg, dass der Inhalt, sprich die Musik, ausgesprochen farbenfroh daher kommt. Dazu zählt auch der in acht Untertitel aufgeteilte 26-minütige Track mit dem eigenwilligen Namen ‚Verschickungskind‘. Lessing arbeitete rund eineinhalb Jahre an diesem Song und verarbeitet dort persönliche Erfahrungen. Unter Verschickungskind versteht man Kinder und Jugendliche in der BRD, die in den 50ern bis 80ern „zur Durchführung von Maßnahmen der Gesundheitshilfe außerhalb des Elternhauses durch Kinderkuren in Heimen untergebracht waren“. Schwieriges Thema, dargestellt durch eigenwillige musikalische Exkurse, teils sehr schön anzuhören, dann wiederum auch mit recht düsteren Klängen unterlegt und wieder mit experimentellen Ausflügen angereichert.
Ein Album, das sich im ersten Durchlauf nur sehr grob erfassen lässt, da fällt eine Einordnung zunächst echt schwer. Auf der einen Seite sehr abwechslungsreich gestaltet, andererseits aber auch zum Teil nicht gerade leicht verdaulich und irgendwie schwer zu greifen.
Bewertung: 10/15 Punkten
Besetzung:
• Fred Lessing – 6 and 12 string acoustic guitars / bass guitar / cavaquinho / field recordings / flute / keyboards / melodica / metallophone / percussion / saz / violin / vocals / narration / Irish concertina / soundscapes
• Lavinia Roseiro – lead vocals / choirs / metallophone
• Luca Calabrese – bugle / trumpet
• Paulo Chagas – oboe / saxophone / flute / Catalunian gralla
• Jeff Markham – acoustic and electric piano / Hammond B3 organ / minimoog synthesizer
• Thomas Olsson – electric guitar / e-bow / guitarscapes
• Tiago Soares – vocals / violin
Gäste:
• Courtney Swain – vocals
• Ed McGlauglin – upright bass
• Andre Marques – drums
Surftipps zu Daymoon:
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Abbildungen: Daymoon