clipping. - Dead Channel Sky

Hip-Hop • Industrial • Noise Rap • Cyberpunk
(1:06:40; Vinyl, CD, MC, Digital; Sub Pop, 14.03.2025)
Manchmal braucht es offenbar erst ein Roadburn Festival, um einem klarzumachen, dass die eigene musikalische Komfortzone ungefähr so flexibel ist wie ein Stahlträger aus dem Ruhrgebiet. Hip-Hop auf einem Metal-Festival? Klar. Und zwar nicht irgendwo zwischen Foodtruck und Dixie-Klo, sondern als Headliner im großen Saal. clipping. haben 2024 genau das gemacht – und damit das Motto „Heaviness Redefined“ nicht nur verstanden, sondern gleich in Großbuchstaben neu programmiert.
Dass ich mich jetzt – ein Jahr nach Veröffentlichung von „Dead Channel Sky“ und sechs Monate nach der Extended Edition „Dead Channel Sky Plus“ – doch noch zu einer Rezension hinreißen lasse, ist daher weniger ein spontaner Sinneswandel als vielmehr ein später Kollateralschaden dieses Auftritts. Denn eigentlich liegt dieses Album ungefähr so weit von klassischem Progressive Rock entfernt wie die Erde von Alpha Centauri – wobei, wenn man den presseseitigen Cyberpunk-Überbau ernst nimmt, wäre vielleicht ein Vergleich mit „Neuromancer“ ohnehin passender.
Und genau da sind wir auch schon mitten im Problem – oder der Faszination, je nach Tagesform: „Dead Channel Sky“ ist kein Album im klassischen Sinne, sondern eher ein Mixtape-gewordener Datenstrom. Laut Pressetext eine Art alternative Gegenwart, in der Hip-Hop und Cyberpunk längst verschmolzen sind – praktisch der Soundtrack zu einer Welt, in der William Gibson als A&R arbeitet und Public Enemy als Verfassungsorgan durchgeht. Und das Ganze dauert exakt 1:06:40 Stunden – was, weil clipping. natürlich selbst bei Zahlen keinen Spaß verstehen, ziemlich exakt 4000 Sekunden entspricht. Warum? Vermutlich, weil es geht.
Was auf dem Papier nach überambitioniertem Feuilleton-Futter klingt, äußert sich musikalisch in einem wilden Flickenteppich: harsche Beats, Noise-Attacken, fragmentierte Strukturen und mittendrin Daveed Diggs, der seine Silben mit einer Geschwindigkeit feuert, als hinge sein Leben davon ab – was im Kontext dieser dystopischen Klangwelt vermutlich sogar stimmt. Tracks wie ‚Code‘ oder das an The Prodigy erinnernde ‚Change The Channel‘ wirken dabei weniger wie Songs als wie gehackte Übertragungen aus einer parallel laufenden Realität.
Die Gästeliste (u.a. Nels Cline (Wilco) oder Aesop Rock) liest sich wie ein bewusst gesetzter Stilbruch – und genau das ist Programm: Nichts hier will homogen sein, alles zerrt gleichzeitig in Vergangenheit und Zukunft. Ein bisschen Rave hier, ein bisschen Industrial da, dazwischen Hip-Hop, der sich weigert, sich wie Hip-Hop zu benehmen.
Und genau deshalb funktioniert das Ganze erstaunlich gut – zumindest, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen. Mein hiphopaffiner Bekannter ist übrigens bis heute überzeugt, dass clipping. auf einem reinen Hip-Hop-Festival nach drei Tracks ausgebuht würden. Nach diesem Album würde ich sagen: wahrscheinlich schon nach zweien.
„Dead Channel Sky“ ist anstrengend, sperrig und mitunter auch einfach zu viel – aber eben auch genau das, was man landläufig als „progressiv“ bezeichnen könnte, wenn man den Begriff mal wieder wörtlich nimmt. Kein Wohlfühlalbum, kein leichter Einstieg, sondern eher ein auditiver Stresstest.
Oder, um es im Sinne des Roadburn Festival zu sagen: Heaviness kann vieles sein. Sogar das hier.
Bewertung: 13/15 Punkten

Besetzung:
• Daveed Diggs – Vocals
• William Hutson – Produktion, Sounddesign
• Jonathan Snipes – Produktion, Sounddesign
Gastmusiker:
• Nels Cline – Gitarre
• Bitpanic – Elektronik, Sounddesign
• Tia Nomore – Vocals
• Cartel Madras – Vocals
• Aesop Rock – Vocals
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