Clawfinger - Before We All Die

Crossover • Alternative Metal • Rap Metal
(40:45; Vinyl, CD, Digital; Perception; 20.02.2026)
Es ist 1993: Ein Kumpel drückt mir eine CD in die Hand und posaunt großspurig: „Das sind die schwedischen Rage Against The Machine!“ Ich lächle müde – und werde von „Deaf Dumb Blind“ eines Besseren belehrt. Dieser wuchtige Bastard aus Rap und Metal war tatsächlich der heißeste Crossover seit Morello & Co. ‚Nigger‘, ‚Warfair‘, ‚The Truth‘ – Szenehymnen. Mit „Use Your Brain“ ging’s zwei jahre später noch weiter Richtung Mainstream, ohne die eigene Bissigkeit komplett an der Garderobe abzugeben.
Danach: schleichender Sinkflug. Weitere Alben, weniger Relevanz. 2013 dann Schluss. Und irgendwie war das auch okay so.
Gut 18 Jahre nach „Life Will Kill You“ stehen Clawfinger nun wieder auf der Matte und veröffentlichen mit „Before We All Die“ ihr achtes Studioalbum. Erwartungen? Hatte ich nicht. Eher die leise Sorge vor einem nostalgischen Selbstzitat-Marathon.
Doch dann kommt ‚Scum‘. Stampfende Beats, sägende Gitarren, elektronische Widerhaken – und Zak Tell rappt sich mit der ihm eigenen Mischung aus Wut und Spott durch Egomanen, Sexisten und Daueridioten wie 45-47 Ein Flashback, ja. Aber einer mit Gegenwartsbezug.
Part protest, part therapy, part middle finger,
sagt die Band. Subtil war gestern.
Crossover-Hymnen wie der Titeltrack, „Tear You Down“, das extrem eingängige „Going Down (Like Titanic)“ oder das bereits im März 2022 als Single veröffentlichte „Environmental Patients“ tragen unverkennbar das alte Clawfinger-Gen in sich. Selbst Referenzen an ‚Do What I Say‘ blitzen in ‚Call Yourself A Teacher‘ auf, sodass man sich endgültig zurück in die 90er katapultiert fühlt– nur ohne Discman.
Aber „Before We All Die“ kann mehr als nur Retro. Die Skandinavier trauen sich 2026 tatsächlich Experimente zu. In ‚A Fucking Disgrace‘ schleichen sich Blues-Elemente ins Riffgewitter – und funktionieren erstaunlich gut. Noch überraschender: ‚A Perfect Day‘. Relaxed, metalfrei, fast schon laid back – ein Track, den man eher im Dunstkreis eines gut gelaunten Will Smith verorten würde als bei einer Band, die sonst so gern alles in Brand setzt.
Auch ‚Ball & Chain‘ zeigt die nachdenklichere Seite: Identitätssuche im Riffsturm, existenzielles Grübeln mit Augenzwinkern. Schwer, direkt, ohne Soli – und ohne die geringste Lust, irgendwem zu gefallen.
Natürlich revolutionieren Clawfinger 2026 nichts mehr und auch nicht jeder Track zündet wie die Granate, die einst das Cover von „Use Your Brain“ zierte. Natürlich ist das alles weniger bahnbrechend als 1993. Aber es ist wach, bissig und erstaunlich lebendig. Keine Weltrettung, keine Antworten – nur lautes Aufbegehren gegen das kollektive Wegschauen.
Bewertung: 11/15 Punkten
Tracklist:
- ‚Scum‘ (03:05)
- ‚Ball & Chain‘ (03:16)
- ‚Tear You Down‘ (02:54)
- ‚Big Brother‘ (03:33)
- ‚Linked Together‘ (03:27)
- ‚A Perfect Day‘ (03:22)
- ‚Going Down (Like Titanic)‘ (04:02)
- ‚You Call Yourself a Teacher‘ (02:58)
- ‚A Fucking Disgrace‘ (03:10)
- ‚Kill The Dream‘ (03:05)
- ‚Environmental Patients‘ (03:40)
- ‚Before We All Die‘ (04:08)

Besetzung:
• Zak Tell – vocals
• Jocke Skog – guitar, keyboards
• Bård Torstensen – guitars
• André Skaug – bass
• Micke Dahlén – drums
• Name – Instrument
Surftipps:
• Homepage
• YouTube
• Wikipedia
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews
Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Reigning Phoenix Music sowie All Noir zur Verfügung gestellt.