Asia - Asia – Live In England

Asia - Asia - Live In England (Frontiers/OPEN, 13.03.2026)
AOR • Progressive Rock • Classic Rock
(1:01:20; Vinyl (2LP), CD, Blu-ray, Digital; Frontiers Music s.r.l./OPEN, 13.03.2026)
Personelle Identität ist im Prog-Kosmos bekanntlich ein dehnbarer Begriff. Ein besonders schönes Beispiel liefern derzeit Asia und Yes. Letztere haben seit geraumer Zeit keine Gründungsmitglieder mehr in ihren Reihen, dafür aber mit Geoff Downes und Steve Howe gleich zwei Herren, die einst Asia mitbegründet haben. Ironischerweise ist das exakt ein Gründungsmitglied mehr, als aktuell bei Asia selbst aktiv ist.

Die Frage liegt also auf der Hand: Sind Yes inzwischen die eigentlichen Asia? Und wenn bei Asia neben Downes inzwischen Virgil Donati (Schlagzeug), John Mitchell (Gitarre) und Harry Whitley (Bass/Gesang) auf der Bühne stehen – sind wir dann nicht eigentlich bei einer erweiterten Version von The Buggles gelandet? Schließlich stellte Downes bekanntlich die Hälfte dieses Duos – und nur ein Viertel von Asia.

Fragen über Fragen.

Zum Glück sind sie am Ende völlig egal. Denn entscheidend ist – man ahnt es – die Musik. Und genau die liefert „Asia – Live In England“ erfreulich souverän. Aufgenommen an einem von drei Abenden (kommt da womöglich noch mehr?) im intimen Ambiente von Trading Boundaries in Sussex im April 2025, zelebriert die aktuelle Inkarnation der legendären Supergroup ihr selbstbetiteltes Debütalbum „Asia“ (1982) einmal komplett – inklusive MTV-Evergreens wie ‚Heat Of The Moment‘ und ‚Only Time Will Tell‘.

Downes selbst erinnert sich:

Revisiting the entire first Asia album brought all the great memories flooding back from 43 years ago.

Damals konnte niemand ahnen, dass diese Platte die Band zu einem household name machen würde. Vier Jahrzehnte später funktioniert der Stoff immer noch erstaunlich gut – vielleicht sogar gerade deshalb, weil die aktuelle Besetzung den Klassikern mit hörbarer Spielfreude und einer ordentlichen Portion Frischluft begegnet.

Wobei ich persönlich zur reinen Audio-Version greifen würde. Der parallel veröffentlichte Bildmitschnitt zeigt ein Publikum, das gemütlich an Tischen sitzt – was zwar vermutlich hervorragend zum Ambiente des Veranstaltungsortes passt, aber atmosphärisch ungefähr so viel Rock ’n‘ Roll versprüht wie ein Candle-Light-Dinner im Seniorenheim. Auf CD funktioniert das Ganze schlicht besser, weil man sich die passende Live-Euphorie im Kopf selbst zusammenbasteln darf.

Musikalisch ist diese nämlich verdammt gut. Ohne übertreiben zu wollen: Diese Live-Interpretation des Debüts gefällt mir stellenweise sogar besser als das doch sehr in den 80ern verankerte Studio-Original. Großen Anteil daran hat John Mitchell, der den Songs ein moderneres, leicht rockig-proggiges Antlitz verleiht (was besonders gut in der Zugabe ‚The Heat Goes On‘ deutlich wird, ohne der Band seinen sonst gern sehr dominanten „JohnMitchell-Stempel“ aufzudrücken. Und auch Virgil Donati sorgt dafür, dass die Songs deutlich mehr Druck bekommen – sein energiegeladenes Spiel treibt die Stücke mit derselben Vehemenz nach vorne, mit der Mitchell sie an der Gitarre neu beleuchtet.

Auch Sänger und Bassist Harry Whitley macht einen ausgesprochen sympathischen und engagierten Eindruck. Stimmlich schlägt er sich bravourös – auch wenn er naturgemäß nicht ganz an das Original von John Wetton heranreicht.

Und falls man sich unterwegs doch noch einmal fragt, ob wir hier nun Asia, Yes oder The Buggles hören, liefert die Zugabe eine augenzwinkernde Antwort: Mit ‚Video Killed the Radio Star‘ taucht tatsächlich auch noch der große Buggles-Hit im Set auf.

Damit wäre zumindest eine Frage geklärt.

Alle anderen?
Dürfen gerne offen bleiben. Schließlich hat Prog schon immer davon gelebt, dass Identitäten, Line-ups und Realitäten ein bisschen… flexibel sind.
Bewertung: 11/15 Punkten


Tracklist:

  1. ‚Heat Of The Moment‘ (4:31)
  2. ‚Only Time Will Tell‘ (5:07)
  3. ‚Sole Survivor‘ (5:45)
  4. ‚One Step Closer‘ (4:23)
  5. ‚Time Again‘ (5:05)
  6. ‚Wildest Dreams‘ (5:17)
  7. ‚Without You‘ (5:29)
  8. ‚Cutting It Fine‘ (6:19)
  9. ‚Here Comes The Feeling‘ (5:54)
  10. ‚Ride Easy‘ (Bonus Track) (4:47)
  11. ‚Video Killed The Radio Star‘ (Bonus Track) (3:38)
  12. ‚The Heat Goes On‘ (Bonus Track) (5:05)

Besetzung:
Geoff Downes – Keyboards
Virgil Donati – Schlagzeug
John Mitchell – Gitarre
Harry Whitley – Bass/Gesang

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von cmm zur Verfügung gestellt.