Altın Gün - Garip

Altın Gün - Garip (Glitterbeat Records; 20.02.2026)
Psych-Folk • Psychedelic Rock • Anatolian Rock • Tradional Folk
(44:36; Vinyl, CD, Digital; Glitterbeat Records; 20.02.2026)
Manchmal braucht es gar nicht viel, um das musikalische Weltbild ein kleines Stück zu erweitern. Ein Konzert reicht. In meinem Fall war es der Auftritt von Altın Gün beim Roadburn Festival 2025. Bis dahin war anatolische Folklore für mich ungefähr so präsent wie die Feinheiten kirgisischer Kehlkopfgesänge – also theoretisch faszinierend, praktisch aber weit außerhalb meines akustischen Alltags.

Altın Gün änderten das. Nicht mit folkloristischer Puristenpädagogik, sondern mit einem psychedelisch angeschrägten Rockgewand, das sich irgendwo zwischen anatolischem Erbe, 70er-Psych und lässigem Groove breitmacht. Eine Band aus Amsterdam, gegründet vom niederländischen Bassisten Jasper Verhulst, die türkische Volksmusik spielt – kulturelle Globalisierung kann manchmal erstaunlich gut klingen.

Mit „Garip“, ihrem sechsten Album, treiben Altın Gün dieses Prinzip nun auf die Spitze. Denn diesmal gibt es keine Eigenkompositionen, sondern ausschließlich Neuinterpretationen von Liedern der türkischen Volksmusiklegende Neşet Ertaş. Der Mann war nicht nur Sänger, Komponist und Bağlama-Virtuose, sondern auch so etwas wie der poetische Chronist Anatoliens – eine Art Blues-Barde des türkischen Hinterlands, dessen Songs von Liebe, Sehnsucht und emotionalen Wetterlagen erzählen, gegen die jede mitteleuropäische Herbstdepression wie ein Wellnessurlaub wirkt.

Altın Gün nehmen diese Lieder und ziehen ihnen ihr eigenes Klangkostüm über: Psychedelic Rock, Anatolian Groove, Funk-Basslinien, Synthesizer-Flimmern, gelegentliche Streicherarrangements und die entspannte Gewissheit einer Band, die längst weiß, dass sie nichts mehr beweisen muss.

More just vibing,

nennt Verhulst das im Pressetext. Übersetzt heißt das ungefähr: Wir spielen, worauf wir Lust haben, und zufällig funktioniert es.

Der Opener ‚Neredesin Sen‘ pumpt mit Indie-Flair der frühen Achtziger los, während ‚Gönül Dağı‘ den anatolischen Liebesschmerz in ein träges Funk-Rock-Gewand hüllt. ‚Niğde Bağları‘ atmet Steppe und Folk-Rhythmus, während ‚Gel Kaçma Gel‘ mit entspannter Slide-Gitarre zeigt, wie lässig diese Band klingen kann, wenn sie nicht gerade versucht, die musikalische Seidenstraße neu zu kartieren.

Neu ist dabei auch die personelle Situation: Nachdem Sängerin Merve Daşdemir die Band 2024 verlassen hat, liegt der Gesang nun allein in den Händen von Erdinç Eçevit. Der schlägt sich dabei mehr als ordentlich, zumal die Songs aus der musikalischen Welt stammen, mit der er selbst aufgewachsen ist. Authentizität durch Familienkassetten – auch ein Karriereweg.

Das Ergebnis ist ein Album, das gleichzeitig respektvolle Hommage und stilistische Erweiterung ist. Altın Gün verbeugen sich vor Ertaş‚ musikalischem Erbe, ohne dabei museal zu werden. Stattdessen verwandeln sie anatolische Folkklassiker in psychedelisch groovende Zeitreisende, die plötzlich genauso gut in einem Berliner Indie-Club funktionieren wie auf einer anatolischen Hochzeit.

Und genau das ist vielleicht die größte Stärke von „Garip“: Es öffnet Türen zu einer musikalischen Welt, die viele von uns vorher nicht einmal auf der Landkarte hatten.

Manchmal reicht eben ein Album, um festzustellen, dass man eigentlich viel öfter anatolischen Psych-Folk hören sollte. Wer hätte das gedacht.
Bewertung: 11/15 Punkten


Altın Gün - Garip (Glitterbeat Record; 20.02.2026)
Credit: Sanja Marušić

Besetzung:
Jasper Verhulst – Bass
Erdinç Eçevit – Gesang, Bağlama, Keys
Daniel Smienk – Schlagzeug
Chris Bruining – Percussion
Thijs Elzinga – Gitarren

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Lasosoundcheck Promo zur Verfügung gestellt.