Tethered Hands - How We Live Is How We Die

Cinematic Postrock • New Artrock
(58:46; CD, Digital; Eigenveröffentlichung; 23.01.2026)
Dieses Projekt ist mir bereits durch seinen Vorgänger bekannt, es besteht aus Musikern, welche in den Staaten, Kanada und England angesiedelt sind. Mit „How We Live Is How We Die“ (was für ein Albumtitel!) will man mehr, ist maximal ambitioniert und möchte nach eigener Aussage neue Standards setzen.

Eines wird beim Hören der Platte ganz schnell klar: Opulenz, Tiefgang und kompositorische Finesse sind in den bis zu viertelstündigen Kompositionen ein ausnahmsloser Standard und schnell zieht es einen hinab in die sogartige Atmosphäre.

Ein omnipräsentes Piano, symphonische Elemente, ausufernd progressive Strukturen suchen permanent die große Geste. Hat man sich nach knapp drei Durchgängen mit den verschachtelten Details, dem Pathos und der Dynamik angefreundet, weiß man, dass die Mannen ihrem Anspruch gerecht werden und man hier nicht mit Durchschnitts-Genreware berieselt wird.

In wenigen Sekunden bist Du im Opener ‚I Will Show You The Infinite Universe‘ auf tosender See – organisch kraftvoller Rocksound und Piano kämpfen um die Hoheitsposition. ‚Embrace The Chaos‘ spielt mit weit ausladender Geste, verspieltem Piano, progressiv aufwühlenden Strukturen – dann wieder sanfte Pausen und eine ständig in die Kraft kommende Wall of Sound. Generell mag ich den organischen Sound des Albums, der ähnlich meiner britischen Lieblinge Crippled Black Phoenix mit viel Authentizität und Emotionalität an einem zehrt.

Behutsam startet das knapp achtminütige ‚I Never Thought It Would End Like This‘, nimmt sich liebevoll Zeit im Intro, um die dramaturgische Steigerung anzudeuten und diese kommt dann gewaltig. Hier fühle ich mich dankbar an ganz frühe Godspeed You Black Emperor erinnert, summen doch folkloristische Streicher wehmütig übers Land, bevor wirbelnde Drums Dich wie in einem aufkommenden Sturm erfassen dürfen und weit davontragen.

Sehr beseelt alles bis dahin und ‚The Wondrous Flow Of Birth And Death‘ bekommt mit ähnlich epischer Laufzeit, malerischen Gitarrenakkorden, verspielt-kraftvollem Drumming, Female Vocals und schöner Steigerung alle Räume für Dynamik zwischen Stille und Wahnsinn. ‚We Fled From Sacred Realms‘ marschiert bedächtig, dann voluminös, mit klarem Blick nach vorne und findet mit typisch pathetischem Postrock-Crescendo den anvisierten Gipfel.

Das leider viel zu kurze ‚Ghost Of Rochelbel‘ hätte mit seinem sphärisch, sehr wehmütigen Streicher-Thema ein episches Machwerk sein dürfen – so kam es anders. Fast surreale Sound-Effekte definieren ‚Your Mind Is Going (I Can Feel It)‘ – schön pastorale Akkorde vollführen einen bizarren Tanz mit strangen, geisterhaften Female-Vocals. Filmisch orchestral sucht man die große Geste in ‚This Is The End Of The End‘ und mit fast 20 Minuten wirft man im Abschluss ‚Hold Night These Hands..“ nochmal alles ins Feuer.

Eine maximal opulente Platte zwischen klassisch-epischem Postrock, orchestralen Piano-Momenten und kraftvoll progressiven Tendenzen, welche mit maximaler Leidenschaft und durchdringender Energie als ein wirkungsvolles Statement verstanden werden darf.
Bewertung: 12/15 Punkten


Besetzung:
Joseph Phillips (Indiana) – piano, guitar, synth keys
Daniel Rickards (UK) – guitar
Sam Wallis (UK) – guitar
Pascal Normand (Canada) – bass, guitar
Joshua Cook (Pennsylvania) – drums

Gastmusiker:
Annabelle Phillips – violin on ‚I Never Thought it Would End Like This‘
Jon Legg – bass on ‚We Fled from Sacred Realms‘
Brooke Rampersaud – voice recordings on ‚I Will Show You the Infinite Universe‘, ‚I Never Thought it Would End Like This‘, ‚The Wondrous Flow of Birth and Death‘, ‚Your Mind is Going (I Can Feel It)‘, ‚This is the End of the End‘, and the hidden track at the end of ‚Hold tight these hands…‘

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Abbildungen: Tethered Hands/Bandcamp