Anna von Hausswolff, 04.02.26, Köln, Gloria

Auf meiner Beerdigung, morgens um 3

Anna von Hauswolff, Köln, Gloria. Pic: Uwe Faltermeier
Wurde in Köln mehr als wohlwollend aufgenommen: Anna von Hausswolff

Vor wenigen Monaten ließ mich eine mir bis dahin unbekannte Stimme – Vorschlag des Spotify-Logarithmus‘ – nachhaltig aufhorchen. Der dafür verantwortliche Name: Anna von Hausswolff. Der Song: ‚The mysterious vanishing of Elektra‚ . Nahezu gleichzeitig blinkten auf den üblichen Kanälen die Stationen ihrer Tour auf. Gefühlter Pflichttermin also in Köln…

Auf der A3 nach Köln läuft ‚The mysterious vanishing‘ in meinem vernebelten Kopf (verpennt, Aspirin Complex und los!), während ich über die stalinistische Härte selbsternannter Popkultur-Theoretiker und deren unerbittliche Strenge im Urteil über gut und schlecht nachdenke. Aber: Wen interessiert das schon. Also Radio an: Schweizer Field Recordings geben ihr Bestes, mich in ihren Bann zu ziehen. Vergeblich. Ich brauche offensichtlich Energie und Lautstärke.

Im Dämmerlicht über die Rheinbrücke auf die beleuchtete Silhouette Kölns zuzufahren, fühlt sich nach Herzlich Willkommen und an die Brust gedrückt an. Dazu wartet das Gloria auf mich, die schönste Venue der Welt. Gut, es gibt da natürlich noch das Hard Rock Hotel Las Vegas. Aber das kenn‘ ich leider nicht.

Den allerletzten freien Parkplatz hab‘ ich gefunden, ein paar Meter Fußweg reichen, um alles, was ich über AvH weiß, durchzugehen: Schwedin, Künstlerfamilie, fast 40, hat sich einen Namen mit (Film-) Komposition gemacht, mit respektablen Namen (Sunn 0))), Swans) kollaboriert (sowie mit Wolves in the Throne Room und Yann Tiersen <3, d. Schlussred.) und ein paar Alben veröffentlicht: mit eindringlichem, an manchen Stellen fast sakralem Pop; den von der guten Sorte, in einem grenzen- und genreübergreifenden Sinn. Funfact: Ihr vorletztes Album "All Thoughts Fly" wurde 2020 bei einem Label veröffentlicht, das auf Doom Metal spezialisiert ist. Und nicht zuletzt diese Stimme. Was für eine erschütternde Stimme. 'Struggle with the Beast' vom aktuellen Album dreh‘ ich an dieser Stelle gedanklich lauter, um die letzten Zeilen zu unterstreichen. Würde AvH vielleicht sogar unterschreiben, immerhin wird der Song heute Abend ihre letzte Zugabe sein. Nochmal kurz zurück zu den Fakten: Warum kennt sie eigentlich kaum jemand? Eine von mir durchgeführte, sehr übersichtliche Umfrage ergab: Nichts. Also, fast nichts. Nur ein Proband hatte schon mal den Namen gehört und assoziierte ihn mit einem (scheinbar wenig Begeisterung auslösenden) Kirchenorgel-Album. Komisch nur: Das Gloria war zügig ausverkauft (Bzw. noch geiler: Das Konzert musste zügig vom ursprünglich gebuchten Gebäude 9 zum in der Tat besonders schönen Gloria hochverlegt werden, d. Schlussred.).

Am Merch-Stand kann ein älterer Zeitgenosse mit AhV gar nichts anfangen, wurde aber von seiner Frau hierher geschleift, wie es den Anschein hat. „Dead Magic“ auf CD ist vergriffen. Scheiße, da ist ‚The mysterious vanishing..‘ drauf. Hätt‘ ich gerne im Büro über meine PMCs gehört. Das Publikum in zu oft gewaschenem Schwarz (Hey! Rock ‘n Roll!) trinkt selbstverständlich Bier. Diese Phase hatte mich auch mal im Griff: Als ich niemandem gefallen wollte.

Die für mich zuständige, grundsätzlich freundliche Dame will oder kann mir keine Setlist besorgen, die Frage nach einem kurzen Interview erspare ich uns also. An die Gepflogenheiten größerer Gigs muss ich mich erst wieder gewöhnen. Merk‘ ich daran, mich durch das pralle Gloria in die zweite Reihe zu kämpfen, unter schweren Verwünschungen der Menschen, die bereits seit zwei Stunden ihre Positionen verteidigen. Das Murren nimmt erst ab, als ich meine Kamera hochhalte: „Nach den ersten drei Stücken bin ich weg.“ Um mich direkt wieder rauszudrücken, mit verlegenem und erleichtertem Lächeln, weil ich den Fotograben entdecke. Ein leichtes Glücksgefühl.

Alte Faustregel aus vergangenen Tagen: Stell dich gut mit den Security-Leuten: vom Eingang bis zum Backstage-Bereich. Hat sich noch immer ausgezahlt. Den kleinen abgesperrten Bereich vor dem Backstage-Vorhang mach ich zu meiner Basis. Kein Mensch möchte sich jetzt nochmal durch die dichte Masse nach hinten durchkämpfen, wenn er nicht muss. Meinem Fotopass sei dank, kann ich Backstage zum Rauchen vor die Tür. Ein Angestellter mit einer unfassbar großen Schüssel Wasser sieht das draußen anders, lässt mich aber mit meiner guten Zigarette in Frieden. An dieser Stelle fette Grüße an „Upstairs“, Arnhem. So schmeckt es mir, ich bin ja nicht zum Vergnügen da.

Lisen Rylander Löve

Lisen Rylander Löve, Köln, Gloria, 04.02.2026, Pic: Uwe Faltermeier
Lisen Rylander Löves kurzes Set macht schon Lust, mehr von ihr zu hören.

Eine Saxophonistin trägt drei Songs unter Zuhilfenahme eines sensationell aussehenden Mikrofons vor. Ich schiess‘ mich warm und fluch‘ über das Licht. Wie immer. Der Vintage-Effekt des Mikros klingt aufregend. Die Frau heißt Lisen Rylander Löve. Mäßige Begeisterung. Auch bei mir: Denn das Licht war wirklich scheiße.

Licht aus

Anna von Hausswolff tritt mit ihren fünf KollegInnen unter die Scheinwerfer. Ein schmeichelndes Saxophon holt mich ab, das Instrumental ‚Consensual Neglect‘. Ich lass‘ es zwei Minuten auf mich wirken, dann tauch‘ ich in der Optik ab. Beim Fotografieren fährt mein Gehörsinn runter, ich hör‘ nur Fetzen. Die ersten drei Songs lang also. Ich muss raus, Rauchpause. Hatte ich Grüße bestellt?

Lieblingsmoment des Abends: Ich such‘ ewig nach der verdammten Öffnung im Vorhang, um wieder reinzugehen, und erkenn‘ den Track, der mich immer ein wenig an Nick Cave erinnert: ‚The mysterious vanishing…‘. Laut, fast wild, Avh spielt ihn auf einer Telecaster Deluxe. Mit diesem Modell wollte Fender in den Siebzigern an der Humbucker-Vormacht von Gibson kratzen. Hat sich nicht wirklich durchgesetzt. Warum fällt mir jetzt meine komplizierte Beziehung ein? Knapp 2.000 Hände beklatschen das mit dem Applaus des Abends. Also den Song, nicht die…

Joel Fabiansson, Pic: Ufa
Rockt für Anna von Hausswolff eine olle Aria Pro II: Joel Fabiansson

Es wird tanzbar (‚Stardust‘) und ich hab Platz. Noch so ein kleines Glücksgefühl. Anna tanzt auch, ihr Pferdeschwanz fliegt. Gute Energie. Und diese Stimme. Alexis Petridis schreibt darüber im Guardian nahezu ehrfurchtsvoll „…doch ihr Gesang besitzt nach wie vor eine strahlende Kraft, die den Hall durchdringt, der sie häufig umhüllt.“ Der Satz klingt jedenfalls im Original wesentlich imposanter.

Neun der zwölf Stücke heute Abend sind von ihrem aktuellen Album „Iconoclasts“, wahrscheinlich ihrem zugänglichsten. Nach dem 27sten Anhören eröffnet sich mir die tiefsitzende Qualität der meisten Stücke, wäre da nicht das unsägliche Duett mit Iggy Pop. Schlechter Kitsch. Und vielleicht ist die Produktion eine Spur zu clean, das Ganze klingt live schon wesentlich zupackender.

Aber lassen wir mal andere – berufenere – Stimmen zu Wort kommen: Saxophon-Attacken in jedem Stück, die flachen neuen Lyrics („An ocean of time is not what we have“) und überhaupt war sie früher ganz klar besser (2018!), ist aus der Loge von Waldorf und Statler zu hören. Eine Art Standard-Urteil, nicht nur U2 und Coldplay können ein Lied davon singen. Die mag ich auch nicht, Saxophon aber schon. John Coltranes ‚A Love Supreme‘ ist in meinen ewig wechselnden Top Ten Album ever meistens vertreten.
Warum wird eine Zugabe eigentlich so genannt, wenn sie bereits vorab auf der Setlist steht? Egal, mag ich halt nicht, weder Zugaben noch lange Konzerte. Oder Martin Scorseses Spätwerk. Aber hier möchte ich mal großzügig eine Ausnahme machen. ‚Funeral for my future children‘ (vom 2012er Album „Ceremony“) und das aktuelle ‚Struggle with the beast‘ sind allerfeinster Pop, AvH nennt ihn selbst „Funeral Pop“. Den will ich hören. Morgens um 3. Auf meiner Beerdigung.

Anna von Hauswolff, Köln, Gloria, 04.02.2026, Pic: ufa
Auf meiner letzten Party nur das Beste. ‘Funeral for my Future Children’

Text und Live-Fotografie: filter_kommunikation (Uwe Faltermeier)


Setlist:
Consensual neglect
Facing Atlas
The mouth
The whole woman
The iconoclast
An ocean of time
The mysterious vanishing of Elektra
Stardust
Aging young women
Ugly and vengeful

Funeral for my future children
Struggle with the beast


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