Soen - Reliance

Soen - Reliance (Silver Lining Music; 16.01.2026)
Progressive Metal
(43:32; Vinyl, CD, Digital; Silver Lining Music; 16.01.2026)
Soen haben ihren Platz längst gefunden – und „Reliance“ ist der vielleicht selbstbewussteste Beweis dafür. Das mittlerweile siebte Studioalbum (gefühlt schon das achte Kapitel ihrer Entwicklung) rüttelt nicht mehr an alten Prog-Idealen, sondern akzeptiert den Status quo: kürzere Songs, klare Strukturen, wuchtige Riffs, große Melodien. Kein Track überschreitet die Fünf-Minuten-Marke, nichts will ausufern – und genau darin liegt die Stärke dieser Platte.

Die Zeiten offenkundiger Tool- oder Opeth-Referenzen sind endgültig vorbei. Stattdessen regieren galloppierende, teils stampfende Gitarren – man lausche nur dem Intro von ‚Primal‘ oder dem Riff in ‚Mercenary‘

ein fokussiertes Schlagzeugspiel von Martin Lopez, und Joel Ekelöfs Gesang, der einmal mehr zwischen Kontrolle und emotionalem Kontrollverlust balanciert. Stefan Stenberg hält sich mit seinem Bassspiel etwas im Hintergrund, wohltuend zurückgenommen präsentieren sich diesmal die Keyboards von Lars Enok Åhlund (‚Drifter‘), die längst nicht mehr so überladen und dominant in den Vordergrund drängen wie noch auf „Memorial“, sondern dem Gesamtbild Raum lassen. Veredelt wird das Ganze immer wieder durch die grandiosen, fast schon lyrischen Gitarrensoli von Cody Ford (‚Huntress‘! ‚Vellichor‘!!), die sich nie in den Vordergrund drängen, sondern den Songs genau dann zusätzliche Tiefe verleihen, wenn sie gebraucht wird. Ja, manches wirkt vertraut, stellenweise fast déjà-vu-artig – etwa bei ‚Axis‘. Stillstand? Vielleicht. Rückschritt? Keineswegs.

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Denn so treffsicher saßen Melodien, Riffs und Gefühle schon lange nicht mehr. Gerade ‚Discordia‘ und ‚Indifferent‘ treffen einen wunden Punkt, diese typisch soensche Mischung aus Melancholie, Trost und innerer Zerrissenheit, die mich zuletzt nur noch selten so stark gepackt hat. Ob das an meiner eigenen Stimmung liegt oder an der Qualität des Songwritings, ist letztlich egal – „Reliance“ funktioniert auf einer sehr unmittelbaren Ebene. Dass Soens Gespür für eingängige Melodien inzwischen auch im linearen Rockradio angekommen ist, überrascht dabei kaum – irgendeinen Nerv scheinen Lopez, Ekelöf, Ford & Co. ganz offensichtlich zu treffen.

Wer nach stilistischer Weiterentwicklung sucht, könnte enttäuscht sein. Wer Soen jedoch genau für diesen Sound liebt, wird hier bestens bedient. Die Band wirkt gefestigt, souverän, beinahe entspannt – und zeigt, dass Stillstand nicht zwangsläufig negativ sein muss. „Reliance“ ist kein Umbruch, sondern eine Rückkehr zur emotionalen Schlagkraft vergangener Tage. Und vielleicht auch genau deshalb das ergreifenste Soen-Album seit „Lykaia“.
Bewertung: 13/15 Punkten


Tracklist:
1. ‚Primal‘ (4:34)
2. ‚Mercenary‘ (4:11)
3. ‚Discordia‘ (3:55)
4. ‚Axis‘ (4:15)
5. ‚Huntress‘ (4:44)
6. ‚Unbound‘ (4:33)
7. ‚Indifferent‘ (3:37)
8. ‚Drifter‘ (4:21)
9. ‚Draconian‘ (4:37)
10. ‚Vellichor‘ (4:45)

Soen - Reliance (Silver Lining Music; 16.01.2026)
Credit: Linda Florian

Besetzung:
Joel Ekelöf – vocals
Martin Lopez – drums
Lars Enok Åhlund – keyboards & guitar
Cody Lee Ford – guitar
Stefan Stenberg – bass

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Head Of PR zur Verfügung gestellt.