Agriculture - The Spiritual Sound

Agriculture - The Spiritual Sound (The Flenser; 03.10.2025)
Black Metal • Blackgaze • Post Black Metal • Shoegaze
(43:59; Vinyl, CD, MC, Digital; The Flenser; 03.10.2025)
Manchmal ist es einfach eigenes Verschulden: „The Spiritual Sound“ lag seit Oktober auf meinem berüchtigten Ablagestapel, während draußen längst die Jahresbestenlisten erschienen. Ziemlich blöd – vor allem für mich. Denn schon nach einmaligem, konzentriertem Hören zog „The Spiritual Sound“ an „Scorched Earth“, dem letzten Album von Harakiri For The Sky vorbei, meinem bisherigen Maßstab in Sachen Post Black Metal/Blackgaze im Jahre 2025. Mittlerweile steht „The Spiritual Sound“ für mich sogar auf Augenhöhe mit Deafheavens Meilenstein „Sunbather“.

Queere Black-Metal-Bands? Ja, die gibt es. So ist „The Spiritual Sound“ wie eine Regenbogenflagge in Schwarzweiß. Unendlich viele Grautöne: dreckig, rau, zerknittert auf der einen Seite, seidenmatt, warm und überraschend tröstlich auf der anderen. Agriculture aus Los Angeles nennen das „Ecstatic Black Metal“ – und treffen damit einen Nerv. Das hier ist Black Metal, der sich nicht im Elend einrichtet, sondern Ekstase sucht, Nähe zulässt und Veränderung einfordert.

Dabei verweigert sich die Band konsequent der Idee von Musik als bloßem Hintergrundrauschen. „The Spiritual Sound“ ist kein Soundtrack für nebenbei, kein algorithmisches Komfortprodukt. Das Album fordert Aufmerksamkeit – und belohnt sie. Musikalisch speist sich das aus einer spannenden Mischung: klassischer Black Metal, Post Rock, Shoegaze, Hardcore Punk, Noise und eine gute prise Rock’n’Roll, aber auch Einflüsse von Bob Dylan, Lou Reed und Zen-Buddhismus. Aus Lärm wird Reinigung, aus Wut etwas fast Zärtliches.

Strukturell wirkt das Album wie zwei Pole desselben Gedankens. Die erste Hälfte reißt mit ekstatischem, himmelaufsprengendem Black Metal alles nieder, was noch Halt versprach.

Die zweite Hälfte zieht sich zurück, wird langsamer, kontemplativer, beinahe andächtig – ohne auch nur einen Funken Intensität zu verlieren. Black- und Shoegaze-Sounds treten in den Mittelpunkt.

Die unterschiedlichen Handschriften von Dan Meyer und Leah Levinson verschmelzen dabei zu einer gemeinsamen Sprache zwischen queerer Geschichte, kollektiver Trauer und Überleben als täglicher Praxis.

„The Spiritual Sound“ bietet keine Erlösung und keinen Ausweg. Es bleibt im Feuer, im Jetzt, im Aushalten. Oder buddhistisch gesagt: Der einzige Weg hinaus führt nach innen. Unbequem, fordernd, wunderschön – und eines der wichtigsten Extreme-Metal-Alben des Jahres 2025.
Bewertung: 14/15 Punkten


Besetzung:
Dan Meyer – Guitar, Vocals
Leah B. Levinson – Bass, Vocals
Richard Chowenhill – Guitar
Kern Haug – Drums

Gastmusiker:
Emma Ruth Rundle – Vocals (‚The Reply‘)

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