TesseracT - Radar O.S.T.

Progressive Metal • Djent
(1:25:45; Vinyl (2LP), 2CD, Mediabook (Blu-ray+2CD), Blu-ray, Digital; Kscope; 05.12.2025)
Mit „War Of Being“ haben TesseracT 2023 schon eines dieser Alben veröffentlicht, das man guten Gewissens als Karrieremeilenstein bezeichnen darf. Die anschließende Mammut-Welttournee bestätigte das: selten war die Band so fokussiert, so druckvoll, so stimmlich souverän wie im vergangenen Live-Zyklus. Auf der „War Of Being“-Tour-Edition gab es als Bonus bereits drei Ausschnitte dieser Phase – „Live At Radar“ –, und damals fragte man sich unweigerlich, warum man das komplette Konzert nicht direkt veröffentlicht hatte. Jetzt, ein Jahr später, kommt „Radar O.S.T.“ und liefert genau das: den vollständigen Mitschnitt des Headliner-Auftritts beim Radar Festival 2024 in Manchester.
Ob man diese Veröffentlichungspolitik nun als wohlkalkuliertes Timing oder als ziemlich unglückliches Nachreichen empfindet, bleibt jedem selbst überlassen. Sicher ist: Wer sich die Tour-Edition nur wegen der drei exklusiven Live-Tracks ins Regal gestellt hat, dürfte sich beim Blick auf diese neue Kollektion ein wenig vor den Kopf gestoßen fühlen. Allerdings – und das ist das Dilemma – „Radar O.S.T.“ ist so gut, dass man kaum ernsthaft böse bleiben kann.
Die Presseinfo spricht von einem „rite of passage“. Ausnahmsweise ist das nicht überhöht. Schon die drei Stücke auf der Tour-Edition ließen erahnen, wie besonders dieses Konzert gewesen sein muss, und wer TesseracT auf dieser Tour erlebt hat, wird ähnliche Nuancen im Ohr haben: diese Mischung aus druckvoller Präzision, überraschender Emotionalität und einem Daniel Tompkins, der live oft noch intensiver klingt als im Studio.
Was „Radar O.S.T.“ allerdings zusätzlich besonders macht, ist der Choir Noir unter Leitung von Kat Marsh. Der Chor, der bereits auf „War Of Being“ markante Akzente setzte, erweitert hier die Live-Arrangements um eine zusätzliche atmosphärische Schicht. ‚Tender‘ und ‚Natural Disaster‘ wachsen förmlich über sich hinaus, ‚War Of Being‘ wird endgültig zum epischen Finale, das schon auf Tour als unangefochtener Höhepunkt fungierte – egal, ob Tompkins mit Atemwegsproblemen kämpfte oder wie in Manchester bei voller Kraft stand.
Übrigens: Die Aufnahmen liegen nicht nur als Soundtrack vor, sondern auch unter dem Titel „Radar“ als kompletter Konzertfilm. Wer also die visuelle Komponente der Live-Performance erleben möchte, bekommt hier die Möglichkeit, die Band auf der Bühne in all ihrer Präsenz, inklusive Hintergrundmaterial und einer 85-minütigen Filmversion, zu sehen.
Die Tracklist bietet eine Art destillierte Best-Of-Show dieser Ära.
Von den neuen Stücken ‚Natural Disaster‘, ‚Echoes‘, ‚Nocturne‘ und dem erstmals live gespielten ‚Sacrifice‘ über Klassiker wie ‚Juno‘, ‚King‘ und ‚Tourniquet‘ – bis hin zu ‚Of Mind – Nocturne‘ und ‚Concealing Fate Part One: Acceptance‘ die den Fans ein breites Grinsen ins Gesicht zauberten.
Gerade die „War Of Being“-Songs profitieren enorm vom Festival-Setup. Die Mischung aus brachialer Djent-Geometrie, polyrhythmischen Finessen und Tompkins’ melodischem Feingefühl scheint live mehr Luft zum Atmen zu haben als auf Platte. Dass ein paar Synth-Layer vom Band kommen müssen, bleibt die bekannte Kröte, die man als TesseracT-Fan inzwischen widerstandslos schluckt.
Soundtechnisch ist die Live-Atmosphäre gut greifbar, das Publikum hörbar, aber nie störend. Die Mix-Ästhetik liegt irgendwo zwischen dem intimen Druck der drei Tour-Edition-Tracks und dem Perfektionismus der Portals-Produktion – aber ohne deren sterile Glätte. Ein Vorteil, denn hier fühlt man die menschliche Energie in jeder Passage.
Wer bereits „War Of Being (Tour Edition)“ besitzt, wird sich die Frage stellen.
Wer TesseracT live erlebt hat, vermutlich nicht.
„Radar O.S.T.“ dokumentiert die Band an einem ihrer stärksten Abende, erweitert die bekannten Live-Versionen um ein vollständiges, dramaturgisch rundes Set und zeigt eindrucksvoll, wie organisch der Choir Noir ins Gesamtkonzept passt. Dazu kommt die visuelle Umsetzung als Konzertfilm – ein Bonus, der das Erlebnis noch einmal vertieft. Es ist – trotz der unglücklichen Release-Abfolge – die Version dieses Konzertes, die man eigentlich von Anfang an haben wollte.
Oder anders gesagt:
Ja, die Veröffentlichungspolitik bleibt fragwürdig.
Aber TesseracT klingen hier so gut, dass man sich am Ende einfach hinsetzt, die Orange-Vinyl-Version dreht und für 85 Minuten vergisst, dass man sich eigentlich ärgern wollte.
Bewertung: 13/15 Punkten
Tracklist:
1. ‚Natural Disaster‘ (7:59)
2. ‚Echoes‘ (4:21)
3. ‚Nocturne‘ (6:17)
4. ‚Tourniquet‘ (5:54)
5. ‚Concealing Fate Part One: Acceptance‘ (8:06)
6. ‚The Grey‘ (5:39)
7. ‚Legion‘ (6:26)
8. ‚Tender‘ (4:51)
9. ‚King‘ (7:11)
10. ‚Juno‘ (6:16)
11. ‚Sacrifice‘ (10:22)
12. ‚War Of Being (12:23)
Besetzung:
• Daniel Tompkins
• Acle Kahney
• James Monteith
• Amos Williams
• Jay Postones
Gastmusiker:
• Choir Noir
Surftipps:
• Homepage
• Linktree
• YouTube
• Wikipedia
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews
Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise cmm zur Verfügung gestellt.