Portugal. The Man - Shish
Indie Rock • Psychedelic Pop • Art Rock • Progressive Rock
(41:49; Vinyl, CD, MC, Digital; KNIK-Thirty Tigers/OPEN; 07.11.2025/12.12.2025)
Portugal. The Man sind wieder da, mit einem Album, das sich anfühlt wie ein Blick in den Rückspiegel – und zugleich wie ein neuer Aufbruch. „Shish“, das zehnte Werk der in Alaska gegründeten, längst in Portland ansässigen Band, ist mehr als nur eine Rückkehr zum experimentellen Indie-Rock früherer Tage: Es ist eine seelische Bestandsaufnahme. John Gourley, Sänger, Songwriter und ewiger Bastler zwischen Folk, Funk und Fuzz, zieht hier den Vorhang weiter zurück – musikalisch, biografisch, existenziell.
Bereits die Vorab-Singles ‚Denali‘, ‚Tanana‘ und ‚Mush‘ gaben Hinweise auf das, was kommt: eine Musik voller Unruhe, Wärme und jener seltsamen, verzerrten Pop-Sensibilität, die Portugal. The Man seit jeher auszeichnet. ‚Mush‘ stampft sich durch schmutzige Riffs und Landlust-Lyrik.
Während ‚Tanana‘ mit weiten Flächen und entrückten Harmonien eine Generation im Stillstand porträtiert.
Der Opener ‚Denali‘ hingegen erhebt sich wie ein Bergmassiv aus Hall und Schlagzeugnebel – und zieht den Hörer direkt in das raue, melancholische Herz der Platte.
‚Kokhanockers‘ verbreitet Indie-Lagerfeuer-Romantik, wärend sich in ‚Toynek‘ 90er Alt-Rock-Melodien mit fiesen Noise-Attacken vereinen.
Die Krönung aber bietet das abschließende ‚Father Gun‘ in welchem Fusion Prog Indie Rock und Glam Rock aufeinandertreffen. Einfach wunderbar verschroben.
Thematisch ist „Shish“ tief im Norden verankert: Alaska als Erinnerung, Landschaft, Herkunft. In ‚Angoon‘ erzählt Gourley von kolonialen Wunden und familiären Überlieferungen.
Im Titelstück ‚Shish‘ verdichtet sich all das zu einem fast spirituellen Manifest – zwischen sakralem Drone, hymnischer Wehmut und Prog-Rock-Restwärme. ‚Knik‘ fließt dann leichter, getragen von einem ungeraden Groove, der an „In The Mountain, In The Cloud“ erinnert, während ‚Tyonek‘ fast gänzlich auf Elektronik verzichtet und Gourleys Stimme wie Wind über Schnee legt.
Musikalisch ist „Shish“ das vielseitigste Werk der Band seit „Evil Friends“: groovend, introspektiv, gelegentlich chaotisch, immer wieder wunderschön. Und es ist das persönlichste: Gourleys Texte handeln vom Verlust und Lernen, vom Vatersein, vom Versuch, in einer zerrissenen Welt so etwas wie Zugehörigkeit zu finden. Dass er dabei nie in Pathos verfällt, liegt an dieser eigenartigen Mischung aus Direktheit und Entrücktheit, die Portugal. The Man seit zwanzig Jahren auszeichnet.
We can be family
singt Gourley in ‚Mush‘ – und plötzlich ist das kein Kalenderspruch, sondern eine Überlebensformel. Genau das ist „Shish“: ein Album über Zusammenhalt, über Grenzen, über das Sich-Wieder-Erfinden im Angesicht des Vergehens. Ein Werk, das seine Indie-Vergangenheit nicht verleugnet, sondern sie als Werkzeug begreift, um etwas Größeres zu bauen.
Ein vielschichtiges, persönliches Statement – zwischen Alaska, Aktivismus und Art-Pop. Vielleicht das ehrlichste, weil menschlichste Album dieser Band.
Bewertung: 12/15 Punkten
Besetzung:
• Dani Bell – Vocals, Whistles, Omnichord
• Sam Gellerstein – Trombone
• John Gourley – Vocals, Guitar, Fender 6, Synths, Acoustic Guitar, Programming, Piano
• Zoe Manville – Vocals, Rapping
• David Marion – Vocals
• Malcolm McRae – Vocals
• Kyle O’Quin – String Arrangement, Cello
• Nick Reinhart – Guitar, Bass
• Dylan Rieck – Cello
• Kane Ritchotte – Drums, Wurlitzer, Bass, Guitar, Programming, Mellotron, Organ, Synths, Acoustic Guitar, Moog, Percussion, Enner
• Asa Taccone – Vocals
• Jared Tankel – Saxophone, Baritone Saxophone
• Ryan Wiggins – Trumpet
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise Oktober Promotion zur Verfügung gestellt.