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#Schatzkiste – The Beatles – Progressive Einflüsse

Jeder, der sich mal etwas mehr mit dem Schaffen der Beatles auseinandersetzt, wird die Fab-Four lieben. Sicher nicht alles, aber eine Phase, ein Album oder auch nur ein Song trifft bei jedem irgendwie irgendwann irgendwo auf einen Nerv. So ist es mal Zeit auch auf BetreutesProggen.de den Liverpoolern einen Plattenplauderei zu widmen. Ganz ohne aktuellen Anlass, nur aus einer Laune des Autors heraus. Und unsere neue Rubrik und Kategorie #Schatzkiste scheint prädestiniert für so etwas. Da das Thema enorm ausufernd sein kann, beschränken wir uns hier auf eine Frage…

Mit welchem Output trugen die einstigen Pilzköppe zur Entstehung des von uns allen heiß geliebten Progressive Rock bei?

Schatzkiste-Beatles

Eine schwierige Frage, die sicher zu ganz viel “Meinung”s-Anteil in den Antworten führt. Und eine der mittlerweile nervigeren, da häufig gestellten Fragen rund um Progressive Rock. Jedenfalls poppen derlei Fragen, die Prog mit den Beatles in Zusammenhang bringen, immer mal wieder in den sozialen Netzwerken hoch.

Schatzkiste
#Schatzkiste will wie ein kurzer Plausch im Plattenladen sein. Weder zu sehr ins Detail gehen, noch etwas bewerten. Also mehr wie ein Blick ins Regal und wie ein “Hey, hast du das schonmal gehört?”

Im Endeffekt stolpert fast jeder, der den frühen Progressive Rock der 70er-Jahre zugeneigt ist, über die Pioniere aus Liverpool. Ebenso kann man dieses Blatt auch wenden und zumindest vermuten, dass ein jeder Beatles-Hörer auch mal über ein “Yes Album” oder eine “Mirage” stolpert. Sei es im Plattenladen unter der Sortierung 60er/70er, oder wenn es um die musikalischen Einflüsse von Bands und Musikern geht. Also sind sie nun Prog? Nein, um Gotteswillen … oder vielleicht doch?

Eines steht fest, die Beatles waren einzigartig darin, tonale und künstlerische Vielfalt mit der Gefälligkeit und Gängigkeit des Pop bzw. der Beatmusik zu verbinden. Dabei hielten sie immer den gegenwärtigen Trend in der Musikbranche im Auge. Später lösten sie sich dann komplett los und erschufen diesen einfach selbst. Kreativität war nie ein Problem bei ihnen. Dabei wohnte ihnen ein großer Pioniersgeist inne. Die Beatles erschufen Trends und beeinflussten ganze Genres. Ob nun gewollt oder nicht, ist erst mal unwichtig. Denn Interviews mit Paul, George, John oder Ringo zufolge soll das in der Tat alles nur Zufall gewesen sein. Wer´s glaubt?

Auch wenn bestimmt einige von euch jetzt schon die Augen verdrehen, muss man den Beatles definitiv eine große Rolle im Musik-Kosmos zuschreiben. Lässt man sich mal kurz auf der Zunge zergehen, dass die werten Jungs gerade mal sieben Jahre aktiv Alben veröffentlichten und dann auch noch jährlich gleich zwei Longplayer, sollten einem eher die Ohren schlackern statt die Augen rollen. Ein kaum glaublicher Strom an musikalischer Kreativität und Einfallsreichtum. Dazu kommen nebenbei mal noch eben vier Spielfilme.
Immerhin sind sieben Jahre eines Bandlebens, streng genommen zehn aktive Jahre, einfach kein langer Zeitraum. Und das sie nicht einfach nur eine Selbstkopie nach der anderen auf den Markt warfen, sondern sich in diesem wahnsinnigen Tempo mit jedem Album stetig weiterentwickelten oder gar komplett veränderten, unterstreicht das gerne mit ihnen in Zusammenhang gebrachte Attribut “fabelhaft”.

Bis heute blieben die Beatles relevant. Jedes Reissue, jedes Buch oder jeder Artikel über die Jungs wird heute noch wohlwollend gekauft und konsumiert. Scheinbar wird die Menschheit einfach nicht Beatles-müde. Die nächste Generation kommt bestimmt und entdeckt diese vier knuffigen Buben gänzlich neu.

Letztes Jahr gab es dann sogar etwas Neues aus dem Kosmos der Liverpooler. Mit dem Erscheinen des Doku-Films “Get Back” 2021 und dem darin enthaltenen bisher unveröffentlichten Filmmaterial von der damaligen “Let It Be”-Dokumentation, wurden erstmals Gerüchte entzerrt und Jahrzehnte alte, verbohrte Meinungen zu Beteiligten, bspw. Yoko Ono, umgekrempelt. Da kullerten bei dem einen oder anderen sogar Freudentränen. Ob das überhaupt sonst noch irgendein Künstler nach 50 Jahren noch schafft, sei dahin gestellt.

Zurück zum Thema. Ein genauerer Blick auf das Schaffen der Fab-Four in Bezug auf unserer betreute Musikrichtung ist es durchaus wert, mal getätigt zu werden. Vielleicht auch nur als Anreiz für was neues Altes. Wer bisher nichts mit den Beatles am Hut hatte, kann bestimmt Gefallen an ihrer Musik finden, wenn er einen Faden von dort zu Pink Floyd, Yes, Genesis, Camel etc. findet. Verblüffend ist aber, dass die alten Kamellen der Liverpooler auch heute noch frisch, kreativ und interessant klingen. Wenn man den Begriff Progressive Rock etwas weitet, kann man ihn eigentlich damit beschreiben, dass Einflüsse aus verschiedenen Genres kreativ im Rock integriert werden. Ohne Grenzen, ohne Formel. Die wichtigsten Einflüsse im Progressive Rock waren die klassische Musik (Emerson, Lake and Palmer), Jazz (Colosseum, Van der Graaf Generator), der Psychedelic Rock (frühe Pink Floyd, Cream) oder verschiedene Stilmittel aus Folk und Weltmusik. Im Endeffekt ist alles erlaubt, was Spaß macht, und irgendwie “anders” ist. Hauptsache es ist neu, überrascht und ist vor allem musikalisch herausfordernd; für den Hörer wie auch dem Musiker. Höher, schneller, weiter. Das ist auch heute noch ein beliebtes Credo bei den Prog-Heads.

So, und jetzt beleuchten wir endlich mal die progressiven Momente der Beatles.

 

Schatzkiste-Beatles“Rubber Soul” 1965

Ihr bereits sechstes Album war der Beginn von der Ablösung von Singles-Orientierung. Der enorme Fankult ermüdete die Band. Und die reine Hit-Produktion und Vermarktung wurde ihnen langsam nicht mehr gerecht. Die sogenannte “Beatlesmania” war zwar anfangs eine Gelddruckmaschine, aber die Liverpooler wurden des Hypes schnell überdrüssig. Langsam merkte man, wie die Band gänzlich auf eigenen Beinen zu stehen versuchte. Eigene Wege einschlagen, Neues austesten. So erschufen sie erstmals einen Langspieler als Gesamtkunstwerk und ließen zudem Stilmittel aus anderen Genres einfließen. In diesem Falle handelt es sich überwiegend um Soul und Folk Rock.

‘Norwegian Wood’ dürfte wohl der erste wagemutige Ausflug ihres musikalischen Schaffens sein. Hier fließen Einflüsse der Weltmusik in Form einer indischen Sitar ein. George Harrison, der ein Faible für indische Musik hatte, entdeckte das Instrument. Dieses gibt dem Song einen starken weltmusikalischen Charakter. Zwar schaffte es Harrison im Laufe seiner Karriere nicht, trotz Unterricht beim berühmten Ravi Shankar, das Instrument professionell zu beherrschen, aber es fand zumindest als Klangfarbenlieferant noch auf späteren Alben sowie auf seinen Solo Platten regelmäßig seinen Einsatz (‘Tomorrow Never Knows’, ‘Love To You’, ‘Within Without You’).

 

 

Schatzkiste-Beatles“Revolver” 1966

Mit “Revolver” entfernten sich die Beatles wohl erstmals deutlich von der herkömmlichen Pop-Musik und legten ihren Fokus auf die studiotechnische Ausarbeitung und gezielten Entkopplung vom Mainstream. Nicht das ganze Album, aber ein Teil der Titel und vorwiegend der Sound machte eine Kehrtwendung. Neben dem erneut ge-Sitar-ten und schrägen ‘Love To You’ dürfte wohl allen voran der bahnbrechende Song ‘Tomorrow Never Knows’ sein. Hier experimentierten die Beatles mit sogenannten Loops. Zur damaligen Zeit ein Novum. Sie ließen die durchs ganze Studio dilettantisch verlegten Tonbänder einfach in einer Schleife laufen. Schlagzeug und Bass liefen dann immer wieder auf „repeat“.
Die Sounds überlagerten bzw. doppelten sich durch die geloopten Tonspuren und durch die Verwendung von verschiedensten Effekten. Auch spielte man die Bänder zum Teil rückwärts ab, wie beispielweise das Gitarrensolo von McCartney. Das Ergebnis ist letztendlich ein verrückter und stark psychedelischer Touch. ‘Tomorrow Never Knows’ ist somit einer der ersten Blaupausen für den gerade aufkommenden Psychedelic Rock und somit auch irgendwie erster Wink mit dem Prog-Rock Zaunpfahl. Textlich beruht der Song übrigens auf ein tibetisches Totenbuch (Bardo Thödröl). Dieses war auch in der Szene ein Begriff, wenn es um die Bewusstseinserweiterung mit LSD ging.

 

 

Schatzkiste-Beatles‘Strawberry Fields Forever’ (Single)

“Sgt. Peppers Lonely Heart Club Band” 1967

Mit der veröffentlichten Stand-Alone-Single ‘Strawberry Fields Forever’ zeigen die Beatles eine nahezu komplett veränderte Band. Psychedelische Klänge und ein mehr als stranges Video zeugen von wagemutiger Kreativität. Auch die Erscheinung der Engländer war komplett neu. Das erste Mal machte die Band vollends das, was sie selber wollte. Man ließ sich nichts mehr vom Management diktieren und führte die Herangehensweise von Revolver fort. Nun aber auch mit allem Drumherum. Kleidung, Auftreten, Artwork und Visualisierungen ergo Musikvideo. Man wagte etwas, ohne auf die Popularität oder eine gewisse Angepasstheit zu achten.
Dieser Mut war wegweisend und sprengt die Grenzen der streng nach Genre beschrifteten Plattenregalen. Das frisch aufgekommene Genre Psych-Rock florierte und man schwimmte im Sog der Bewegung mit. Psychodelic Rock hat den Hang zur Extrovertiertheit und erlaubt eine freie Entfaltung jeglicher Gedankenspinnereien. Daraus entstanden dann die wildesten Ideen. Bunt, verdreht und definitiv unter Verwendung bewusstseinserweiternder Substanzen. Hätte ich die Möglichkeit einer Zeitreise, dann bitte nach London ins Jahr 1967.

Im gleichen Jahr bereicherten die Beatles die neue Psychedelic Rock und Hippie Bewegung mit einem Album. Mit “Sgt.Peppers Lonely Heart Club Band” veröffentlichten sie ein mehr als spannendes, abwechslungsreiches und überaus kreatives Album; mal wieder in vollster Perfektion. Es hat auch die Begabung, dass es wie ein Konzeptalbum wirkt. Zwar ist es nicht als Konzeptalbum gedacht, aber verblüffenderweise passt der Gesamtkontext doch ganz gut zusammen. Die Rezeption des Albums besteht aus einer “gefakten” Live-Performance einer imaginären Band samt Publikumsjubel im Titelsong. Solche durchaus kreativen und weit gedachten Konzepte wurden bekanntermaßen Hauptbestandteil späterer Progressive Rock Alben. “Sgt.Peppers” ist voll mit kunterbunter Ausstaffierung durch hinduistische Einflüsse, orientalische Klänge und Sounds, die sich so leicht keiner Schublade zuordnen lassen. Die Instrumente klingen im Mix wunderbar unkonventionell. Wenn man hier etwas versucht hat, dann die Abnabelung vom Establishment der Musikbranche. Hauptsache anders – in Wort, Note und Sound. Und das ist heute noch spürbar.
 Da die Beatles sich mittlerweile vollends von Live-Auftritten abwendeten, steckten sie ihre ganze Energie in die Albumproduktion. So wurde hier ein immenser Aufwand betrieben. Man bedenke, dass wir hier noch in den 60er-Jahren stecken. So lud man für “Sgt.Peppers” ein 40-köpfiges Orchester ein. Ein Mellotron darf hier seine Tonbandspulen spielen lassen und dem Werk seinen früh-progressiven Klang-Charakter schenken.

Selten war ein Album so gut durchhörbar. Es ist kompakt und wirkt wie aus einem Guss. Es macht gute Laune, unterhält immer wieder aufs Neue und kann noch nach unzähligen Umdrehungen auf dem Plattenteller mit seinem direkten und scharf kontrastreichen Sound begeistern. Trotz der angestrengten und aufwendigen Produktion wirkt hier nichts überproduziert. Man kauft der Band ihren damaligen Spirit definitiv ab. Das dieses Album die Rockmusik für immer veränderte, dürfte daher leicht nachvollziehbar sein. Auch wenn Frank Zappa mit “Freak Out” und die Beach Boys mit “Pet Sounds” als Inspiration dienten, schafften es die Beatles wie kein anderer Eingängigkeit und Musikalität mit der ansonsten ausufernden Psychedelik zu kombinieren.
‘A Day in the Life’ ist der wohl proggigste Song der Fab-Four. Der Song bietet rhythmische und melodische Wandeln und dürfte das Vorzeigewerk auf “Sgt.Peppers Lonely Heart Club Band” sein. Dazu gesellt sich “For the Benifit for Mr.Kytes’ oder ‘Lucy in the Sky with Diamonds’. Es dürften wohl einige zustimmen, wenn man behauptet, dass diese Songs auch nach unzähligen Hören nichts an ihrer Wirkung verloren haben und nie den Grad der Nervigkeit erreichten.
Sicher dürfte mit diesem Album auch der Samen von Bands wie King Crimson (“In the Court of the Crimson King”) und Yes gesät worden sein. So inspirierten sich ihre Frühwerke soundtechnisch und textlich in Details an den Stil der Beatles. (Robert Fripp about the Beatles). Das “Sgt.Peppers Lonely Heart Club Band” generell schon häufig als Proto-Prog-Werk genannt wird, sei an dieser Stelle nochmals erwähnt.

 

 

Schatzkiste-Beatles

“The Magical Mystery Tour” 1967

In erster Linie ist “The Magical Mystery Tour” der Soundtrack zum gleichnamigen Film. Dieser kann gerne der skurrilen Ecke zugeordnet werden. Ein eher anstrengender Streifen und sicher kein Meisterwerk. Aber musikalisch passt er zu der Zeit und führt mit ‘I Am The Walrus’, ‘Flying’, ‘Blue Jay Way’ und dem Titeltrack das Feeling von “Sgt.Peppers” fort. Schaut euch den Film an, und ihr werdet überrascht und vielleicht auch entsetzt sein. Ob das audiovisuelle Erlebnis mit der ein oder anderen verbotenen Substanz gesteigert wird, kann aus mangelnder Erfahrung nicht beantwortet werden. Gänzlich nüchtern wirkt der Film jedenfalls sehr “eigen”. Die Musik dafür umso besser. “The Magical Mystery Tour” wird gerne übersehen, wenn man durch den Backkatalog streift.

 

 

Schatzkiste-Beatles“The Beatles (White Album)” 1968

Ja es ist schon fast erstaunlich, dass der Psych-Zug der Beatles schon ein Jahr später abgefahren ist. Obwohl das Genre gerade erst seinen Höhepunkt erreicht hat. Das zeigt sich nicht nur in den wieder der Normalität angepassten Klamotten der fünf, sondern vorwiegend auch in ihrem neuen Werk.
Mit dem Doppelalbum “The Beatles”, dem weißen Album, spielten die Liverpooler sich vom stetig wachsenden Erfolg frei. Stilistisch findet ein Cut zu der psychedelischen Phase dar. Eine vom Erfolg überdrüssigen und zeitweise zerissenen Band kreierte aus einem vollen Sack von Songs ein enorm abwechslungsreiches Album. Zusammenhängend ist hier nichts. Denn jeder der vier steuerte seine Songs bei und es entstand ein Flickenteppich von Album. Und so klingt es auch. Durch das relativ weite kreative Spektrum wirkt es frisch und hat fast einen improvisierten Charakter. Ein großes Paket voll von allem, was in den Köpfen der Jungs so vor sich ging. Textlich wurden die Beatles nun auch politisch und besangen Bürgerrechtsbewegungen, Kriege und Unruhen.
Mit ‘Happiness is a Warm Gun’ und den avantgardistischen Klanggebilde ‘Revolution 9’ steuerten sie auch hier wieder etwas der progressiven Schublade bei. Ersterer bietet sogar mehrere Taktwechsel. Und das auf weniger als 3 Minuten! Das ‘Helter Skelter’ schon in Richtung Heavy Metal deutet, sei jetzt mal außen vor gelassen, denn darum gehts hier nicht.

 

 

Schatzkiste-Beatles“Yellow Submarine” 1968/69

“Yellow Submarine” war erneut ein Soundtrack, diesmal zum gleichnamigen Zeichentrickfilm. Neben den unsereins abschreckenden und schon tödlich nervigen Titelsong verbirgt sich hier der schwer übersehene Titel ‘Only a Northern Song’, der mit seinem jazzrockigen Trompeteneinsatz starken Zappa– und King-Crimson-Duft versprüht. Die B-Seite enthält übrigens ausschließlich die instrumentale Filmmusik von Produzent George Martin.

 

 

Schatzkiste-Beatles“Abbey Road” 1969

Die Krone des Schaffens der Beatles ist ganz klar ihr letztes Album “Abbey Road”. Dieses Album ist in allen Belangen ein Meisterwerk. Egal von welcher musikalischen Warte man es betrachtet. Vom Mainstream, vom Rock oder eventuell sogar auch vom progressiven Standpunkt aus. Obwohl die Band schon halb zerstritten war, rafften sie sich nach der eher katastrophalen Zusammenarbeit beim Dokumentarfilm “Let It Be” nochmal zusammen und machten in vollkommenen Einklang dieses Meisterwerk.
Zum Einsatz kam auf “Abbey Road” ein Moog Synthesizer der in einzelnen Songs Akzente setzen durfte. Um bei uns kellerbewohnenden Proggies zu bleiben, muss direkt erwähnt werden, dass fast die ganze B-Seite aus einem achtteiligen Longtrack besteht. ‘The Long One’ beginnt mit ‘You Never Give Me Your Money’ und endet mit ’The End’. Einige kritische Zungen würden jetzt sagen, dass wir es hier mit einer Resteverwertung von kurzen Titeln zutun haben. Wenn dem so ist, wären wir wohl wieder bei dem am Anfang dieses Artikels genannten Zufalls. Aber wer diese 16 Minuten auf sich wirken lässt, der wird erstaunt sein, wie gut die Songs dieses Oktagons miteinander harmonieren. Es ist dynamisch, hat ruhige und lebendige Momente, es steigert sich, schwillt an und lässt auch keinen Bombast missen. Vom schwelgerischen ‘Sun King’ zum gutlaunigen ‘Mean Mr. Mustard’ hin zum Rock´n Roll-igen ‘Polythene Pam’. Ein unterhaltsames Auf und Ab bis zum lieblichen Schlaflied ‘Golden Slumbers’ und einem filmreifen Finale mit ‘Carry The Weigt’ und ‘The End’. Natürlich in unterschiedlichen Tonarten. Longtracks gestückelt aus kurzen Songs fanden sich in den 70ern bekannter Weise auf vielen Prog-Alben wieder.

 

Im Endeffekt geht die Geschichte mit den Soloalben der Fabulous Four weiter. John Lennon beschreitet den Weg des Vollzeit-Hippies und Singer/Songwriters, Paul McCartney fällt erstmal in ein tiefes Loch und zieht auf eine einsame Ranch in Schottland, ehe er eine bis heute andauernde Karriere startet. Sein Debütalbum Album “McCartney” ist experimentell und unkonventionell. George Harrison dürfte mit “All Things Must Pass” eines der wichtigsten Rock Alben aller Zeiten schreiben, und Ringo? Ja, der ist halt da. Wobei das Album “Ringo” von 1973 auch nicht ganz unerwähnt bleiben sollte.
Wie beantwortet man nun die Frage? Das, was den 70er Prog Rock ausmachte, der Spirit, die Extrovertiertheit und der Bombast, die Fantasie und die Grenzenlosigkeit, all das verkörperten die Beatles. Wenn auch nur leicht und in ihrer Musik meistens eher verhalten. Die Band hat sich nie wirklich stilistisch gefestigt, um sie letztendlich einem wirklichen festen Genre zuordnen zu können. Darüber streiten, ob die Beatles eine Pioniersfunktion hatten, braucht man wahrlich nicht. Denn noch heute zieht sich der Faden aus Liverpool bei vielen Künstlern weiter. Die Beatles kamen mit Pauken und Fanfaren und überrollten die Musikindustrie. Weshalb sicher vieles in ihrem Wirken hinein interpretiert wurde. Umgekehrt bestimmt aber auch.

Vinyl-Tipp:
Wer die Beatles auf Vinyl hören möchte, der sollte nicht unbedingt zu den aktuellen Re-Issues greifen. Wer nicht sein Großmütterchen verkaufen möchte, um die Mittel für den Erwerb von Erstpressungen zu haben, der greift am besten zu den soundtechnisch sehr guten deutschen Pressungen aus den 70er- oder 80er Jahren. Diese sind auf dem Markt noch wie Sand am Meer vorhanden. Die Ausnahme stellt hier das Album “Let It Be” dar, dieses ist in der aktuellen ge-remixten Form klanglich besser als die frühen Pressungen. (Getestet wurde es vom Autor im A/B Hörvergleich bei “Rubber Soul”, “Abbey Road”, “Sgt.Peppers” und “Let it Be” zwischen den neuen Re-Issues und guterhaltenen Pressungen der 60er/70er/80er Jahren.)

Alle Abbildungen: Martin Kopp