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Lothar Jahn – Dreams of 75

(48:57, 09:36, CD, Vinyl, Eigenproduktion, 2022)
Was ist denn das für eine seltsame Idee? Eine Doppel-CD, deren zweiter Teil gerade mal aus knapp zehn Minuten besteht, die man auch locker noch auf CD1 hätte unterbringen können?! Bringt man dies in Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte, mag es dann aber doch Sinn machen, denn die Mini-Mini-CD spiegelt den Beginn der Geschichte von „Dreams of 75“ wider. Hier wird nämlich Jahns erste Veröffentlichung, eine Single aus dem Jahr 1977 mit dem Titel „February 1975“, reproduziert. Zur Aufnahme eines kompletten Albums war es aber (zunächst) nicht gekommen.

Das im Inneren des Digipaks abgedruckte Instrumentarium lässt zwangsläufig sofort an einen gewissen Herrn Oldfield denken, denn hier wird vom Protagonisten einiges aufgeboten (in alphabetischer Reihenfolge):

Accordion / Acoustic Guitar / Bass Guitar / Bodhran / Chimes / Cister / Crwth (was man für einen Schreibfehler halten könnte, ist in Wirklichkeit dies) / Dobro / Dommel / Double Speed Guitar / Double Speed Harp / Dulcimer / E-Drum / Electric Guitar / Electric Piano / Frame Drum / Fiddle / Glockenspiel / Grand Piano / Geyerleier / Hammond Organ / Harmonica / Jukebox / Lyra / Marimbaphone / Mandoline / Melodica / Moorish Lute / One-String Lute / Percussion / Noises and Voices / Reed Organ / Reversed Voices and Instruments / Sampled Bagpipes and Bourdons / Sampled Mellotron / Spanish Guitar / Synthesizers / Telephone Bell / Tubular Bells / 12-string Guitar / Vibraphone / Xylophone.

Dies alles beinahe im Alleingang eingespielt, lediglich auf „Dreams of 75“ unterstützt von:

Sophie Kröger – oboe
Dagmar Jahn – flutes / recorders
Olaf Casalich (Ougenweide) – percussion

sowie auf “February 1975” durch
Mechthild Jahn – backing vocals
Annette Heidrich – soprano recorder

Also eine “Tubular Bells” Kopie? Es wäre ja nicht das erste Mal, dass sich ein Musiker an ein Projekt wagt, das eindeutig die Handschrift von Mike Oldfield trägt, man denke an Hartmut Zinns „Heiles Land“ oder aktuell diverse Werke von Robert Reed. Nun, es wird hier keineswegs ein Bezug zum Altmeister geleugnet – im Gegenteil, manche Verweise sind mehr als deutlich, gerade in Bezug auf „Tubular Bells“ (oder auch „Ommadawn“). Man beachte unter anderem eine durchaus witzige Anspielung auf „Dreams of 75“. Es gibt einige Passagen, die den Oldfield-Fan sicherlich begeistern werden, doch ebenso diverse Abschnitte, wo etwas völlig anderes geboten wird.

Das Album ist in Part 1 und Part 2 unterteilt, wobei der erste Teil aus den Titeln ‚Fosgladh‘, ‚Tongues and Eyes‘, ‚Vernal Start‘, ‚Late Last Night‘, ‚Come On and Hold Me‘ sowie ‚Meadhan‘ besteht, während die Songs des zweiten Teils ‚Hold On and Come‘, ‚Early This Morn‘, ‚Vernal End‘, ‚Lips and Ears‘ sowie ‚Deireannach‘ besteht. Dabei bedeuten die drei gälischen Titel ‚Overture‘, ‚Interlude‘ und ‚Finale‘. Die Namensgebungen für die restlichen Songs in den beiden Parts sind sicherlich nicht zufällig gewählt.

Zur Musik: es geht gleich recht vielversprechend los mit dem instrumentalen ‚Fosgladh‘, bei dem die akustische Gitarre ein wenig an den Beginn von ‚Roundabout‘ erinnert. Nach dem Sympho-proggigen Intro folgt ein Ohrwurmartiges Instrumental, in dem die akustische Gitarre die Hauptmelodie vorgibt. Diese folkig orientierte Nummer mit dem Titel ‚Tongues and Eyes‘ erinnert ein wenig an „Ommadawn“, was sicherlich kein Zufall ist. Auf dem darauffolgenden ‚Vernal Start‘ ist eine Blockflöte tonangebend. Man merkt, der Folk Anteil ist nicht unerheblich. Wie bereits erwähnt, es befinden sich einige Abschnitte auf dem Album, bei dem die Zielgruppe eindeutig die Oldfield-Fanbasis sein dürfte. Doch das ist nur eine Facette, es gibt Stücke, die dem typischen Krautrock zugeordnet werden können, oder direkte Bezüge zur Musik der 70er Folk-Rock Band Ougenweide. Als Anspieltipp sei ‚Lips and Ears‘ erwähnt, das einen besonderen augenzwinkernden Verweis auf Oldfield bietet und zudem eine besondere Jazz-Club Atmosphäre ins Spiel bringt. Darauf folgt das feine Outro ‚Deireannach‘, auf dem eine wunderschöne Oboe zu hören ist. Auf dem Album sind zwar Orgel, Klavier, Synthesizer (nur selten) und auch mal Mellotron-Samples zu hören, aber im Wesentlichen wird die Musik von Dr. Lothar Jahn von Saiteninstrumenten geprägt, wobei gerade auch zusätzliche Einsätze von Blasinstrumenten recht gelungen sind. Ein durchaus eigenwilliges Album, das sich auch einen zusätzlichen Sympathie-Bonuspunkt verdient hat.
Bewertung: 10/15 Punkten

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Abbildungen: Lothar Jahn