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Alexis Marshall – House Of Lull . House Of When

Alexis Marshall – House Of Lull . House Of When (Sargent House, 23.07.21)(42:22, Vinyl, CD, Digital, Sargent House, 2021)
Eine Kastastrophe ist über die Welt hereingebrochen. Die Städte liegen in Trümmern und an der Straßenecke steht ein Prediger und verkündet das nahende Jüngste Gericht.
Wie ein Wanderprediger in einer Welt, kurz vor der Apokalypse, der sich voller Leidenschaft und Wahnsinn in Ekstase redet. So in etwas klingt Alexis Marshall auf seinem Solo-Debüt „House Of Lull . House Of When“. Passend dazu ist die Musik des Albums. Obwohl man davon eigentlich gar nicht reden kann. Stattdessen herrscht Chaos, so weit man schaut, denn Schrott und Werkzeuge sind die vorherrschenden Klangquellen, die den so destruktiven wie dystopischen Gesamteindruck des Albums vervollständigen. Herkömmliche Instrumente wie beispielsweise ein Piano kommen „House Of Lull . House Of When“ nur vereinzelt vor, doch dienen sie eher als Klangquelle, anstatt dass mit ihnen Melodien erschaffen würden. Ganz so, als hätte die Menschheit vergessen, was Musik eigentlich ausmacht.

Kaum zu glauben, aber vergleicht man „House Of Lull . House Of When“ mit „You Won’t Get What You Want“, dem letzten Studioalbum von Marshalls Stammband Daughters, so muss man letzterem im direkten Vergleich fast schon Melodiosität und Zugänglichkeit bescheinigen. Auch wenn Daughters auf ihrem letzten Album das Wort Sperrigkeit fast schon neu definiert hatten.

Denn Marshall geht auf seinem Solo-Album noch einen Schritt weiter als die Daughters, so dass in bester Neubauten-Tradition der der Klang-Kunst gehuldigt wird. Musik im herkömmlichen Sinne hat dabei das Nachsehen:

Da ist das Geräusch rasselnder Ketten in ‚Religion As Leader‘ oder sich auf Blech drehende Münzen während ‚No Truth In The Body‘ oder eine Schublade voller Vorhängeschlösser, die während ‚It Just Doesn’t Feel Good Anymore‘ wild gerüttelt werden – all dies trägt zu einem protoindustriellen Klappern und Grollen bei.

There’s the sound of chains rattling on ‚Religion As Leader‘ or coins spinning on sheet metal throughout ‚No Truth In The Body‘ or a drawer full of padlocks being violently shook on ‚It Just Doesn’t Feel Good Anymore‘ — all contributing to a proto-industrial rattle-and-rumble.

Und so folgte Marshall letztendlich dem Konzept, dass alles musikalisch sein kan: das Knirschen eines alten gehärteten Pinsels, das Quietschen eines verstopften Lüftungsschlitzes, das Kratzen von Schleifpapier auf Holz.

Es ist ein Unterfangen, das im Ergebnis unheimlich verstörend und abstoßend wirkt, doch gleichzeitig eine hypnotisierende Faszination verströmt. Es ist große Kunst, die gerade aus der Abwesenheit von Schönheit ihre Daseinsberechtigung bezieht. Ein Album, das man nur hassen oder lieben kann.

Bewertung: 12/15 Punkte

Tracklist:
1. ‚Drink from the Oceans . Nothing Can Harm You‘ (7:01)
2. ‚Hounds in the Abyss‘ (6:02)
3. ‚It Just Doesn’t Feel Good Anymore‘ (4:04)
4. ‚Youth as Religion .‘ (5:21)
5. ‚Religion as Leader‘ (4:04)
6. ‚No Truth in the Body‘ (4:42)
7. ‚Open Mouth‘ (3:45)
8. ‚They Can Lie There Forever‘ (3:07)
9. ‚Night Coming‘ (4:16)

Besetzung:
Alexis S.F. Marshall (Stimme, Geräusche, Perkussion, Dulcimer)
Kristin Hayter (Stimme, Piano, Synth, Geräusche)
Evan Patterson (Gitarre)
Jon Syverson (Schlagzeug)

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