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Marillion – With Friends At St. David’s (Re-Release)

Ear Music/Edel, 28.05.21)(131:32, 2-DVD, BluRay, CD, Vinyl, earMusic/Edel, 2021)
Ursprünglich hatte das Marillion
-Management ja auf Facebook angekündigt, es gäbe „no plans“, das Livekonzert aus der St.David’s Hall in der walisischen Hauptstadt Cardiff über Retail-Kanäle zu veröffentlichen. Nun steht das gute Stück ab sofort aber doch ganz konventionell, wie in den letzten Jahren bei Marillion üblich in den Regalen – via earMusic und des Vertriebs von Edel. Man könnte hier spekulieren, dass die Kosten für ein solch aufwändiges Projekt wie den vorliegenden Film ja auch wieder irgendwie aufgefangen werden müssen, und die „dank“ Brexit stark gestiegenen Portokosten und die anfallenden Zollgebühren haben, wie man in Fankreisen vernehmen konnte, viele Nicht-ganz-so-harte Fans diesmal durchaus zum Nachdenken gebracht. Schließlich gibt es ja sowieso nicht gerade wenig Livematerial der Band. Kollege Kristian hat ja an anderer Stelle bereits die CD-Fassung besprochen, weshalb hier nun hauptsächlich auf die Unterschiede zur Video-Fassung eingegangen werden soll und die Punkte, in denen sich die persönliche Einschätzung der Rezensenten nicht so wirklich deckt.

Nach „marillion.cl“, „All One Tonight – Live At The Royal Albert Hall“ und dem im Studio aufgenommenen „With Friends From The Orchestra“, handelt es sich hierbei nun schon um das vierte Produkt aus der Reihe „Marillion mit Orchester-Musikern“. Dem Titel entsprechend stehen die Songs und Arrangements der erwähnten Studiosession im Vordergrund. Beim ersten Versuch beim Marillion-Weekend 2017 klangen die Streicher noch ziemlich klischeefrei und waren eine logische Fortführung der ELO-/Beatles-Einflüsse des dort in voller Länge aufgeführten „marillion.com“-Albums. Zwei Jahre später war davon nicht mehr viel zu spüren. Das Fusionieren von Prog- und Orchester-Sounds funktioniert manchmal ja ganz großartig, wie seinerzeit bei Yes und ihrer „Yessymphonic“-Tour oder Devin Townsends „Empath“-Album, also dann, wenn „over the top“ die Ansage des Tages ist. Bei den episch-rockigeren Songs wie ‚Gaza‘ und ‚Ocean Cloud‘ funktioniert der Pomp-Ansatz im Hollywood-Stil ganz wunderbar, auch wenn die Streicher leider soundtechnisch hauptsächlich auf Kosten von Steve Rotherys Rhythmusgitarre gehen. Auch das unvermeidliche ‚This Strange Engine‘ erweist sich als unkaputtbar – vornehmlich werden hier Mark Kellys Keyboardparts verstärkt.

Schwierig wird’s aber bei den – für dieses Set hauptsächlich ausgewählten – schon ursprünglich pathos-geladeneren Songs wie ‚Estonia‘, ‚The Hollow Man‘ und ‚Fantastic Place‘. Wo im Original Zurückhaltung und Raum Trumpf waren, findet man sich diesmal eher zwischen Barclay James Harvest und den dunkelsten Momenten von Chris DeBurgh wieder. Wenn jegliche Subtilität mit süßlichen Jane-Austen-Soundtrack-Fiedeln erstickt wird, fühlt sich das schon in der Urfassung unerträglich sentimental-schmalzige ‚The Sky Above The Rain‘ im „Night Of The Proms“-Soundbad natürlich pudelwohl. Dass die Sache nicht absäuft, liegt hauptsächlich an der spürbaren Spielfreude aller Beteiligten und natürlich Goldkehlchen Steve Hogarth selbst, der sich angesichts der Gäste von seiner besten Seite zeigt und das „Dylanisieren“ der Gesangslinien erfreulicherweise fast komplett unterlässt.

Rein optisch ist „With Friends At St. David’s“ natürlich ebenfalls allererste Sahne. Regie führte einmal mehr Tim Sidwell von Toward Infinity, und der ist nicht nur ein langjähriger Begleiter der Band, der im Team der Boom Boom Boys bereits am 2003 aufgenommenen „Marbles On The Road“-Projekt beteiligt war. Sidwell ist mittlerweile eine absolute Koryphäe im Bereich Konzertfilm, der auch für u.a. Thunder, The Orb, Magnum, Alice Cooper und Bring Me The Horizon ebenso exzellente Arbeit abgeliefert hat und weiß genau, wie man das Geschehen auf der Bühne in nicht zu hektische, aber trotzdem dynamische und jederzeit unterhaltsame Bilder packt. Gerade die vielen Großaufnahmen von Steve Hogarth und dessen Mienenspiel sind immer wieder eine Freude, die man beim Konzertbesuch aus zehn Meter Entfernung so gar nicht erfahren kann.

Auch Bonusmaterial gibt es, allerdings hauptsächlich auf der BluRay. Die DVD-Käufer müssen sich mit dem Videoclip zu ‚Estonia‘ und einer noch zusätzlich von einem Chor unterstützten Version von ‚Man Of A 1000 Faces‘ (völlig over the top und gerade deshalb echt unterhaltsam) begnügen. Die BluRay bietet noch eine 35minütige Doku über die Tour, drei Bonus-Live-Songs (ca. 20 min), sowie einen HiRes-Surround-Mix des „With Friends From The Orchestra“-Albums und somit eindeutig den größeren Mehrwert.
Bewertung: 11/15 Punkte

Surftipps zu Marillion:
Rezension “All One Tonight – Live At The Royal Albert Hall”
Rezension “Marbles In The Park (Blu-ray/DVD)”
Rezension “F.E.A.R. (Fuck Everyone And Run)”
Konzertbericht: 25.07.17, Frankfurt am Main, Batschkapp
Konzertbericht: 16.07.17, Sankt Goarshausen, Freilichtbühne Loreley (XII Night of the Prog Festival)
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Abbildungen: earMusic, Edel und Marillion