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Tomahawk – Tonic Immobility

Tomahawk – Tonic Immobility (Ipecac Recordings/[PIAS], 26.03.21)(39:22, CD, Vinyl, Digital, Ipecac Recordings / [PIAS], 2021)
Was soll mam noch groß über Mike Patton sagen, das nicht schon gesagt worden wäre? Bekannt geworden als Sänger der Crossover-Legende Faith No More (wo er die Nachfolge von Courtney Love und Chuck Mosley antrat), an deren Durchbruch mit „Angel Dust“ er maßgeblich beteiligt war, fiel der Kalifornier in den letzten 20 Jahren vor allem durch seine Seitenprojekte wie Tomahawk, Mr. Bungle, Fantômas, Dead Cross, Peeping Tom und Tētēma sowie seine Soloalben auf. Dabei machte der Tausendsassa vor kaum einem Genre halt, was darin gipfelte, dass er sich im Jahre 2010 im Rahmen seines „Mondo Cane“-Albums sogar der Interpretation italienischer Schlager und Pop-Perlen der 50er und 60er Jahre widmete. Vor allem im Rahmen dieser Aufnahme stellte Patton ein weiteres Mal unter Beweis, dass er zurecht als einer der vielseitigsten und besten Sänger der Rock- und Popmusik gilt.

Doch Patton ist nicht nur Musiker, sonder vor allem auch Künstler, so dass er sich immer wieder die Freiheit nimmt, nicht nur musikalische Experimente zu wagen, sondern vor allem auch mit seinem Sangesorgan zu experimentieren. Das Ergebnis sind dann oft Stücke, die so exzentrisch klingen, dass der künstlerische Ausdruck den musikalischen Genusswert überflügelt.

Das hier vorliegende „Tonic Immobility“ ist das mittlerweile fünfte Album von Tomahawk, der 1999 gegründeten Band, die Patton zusammen mit Gitarrist Duane Denison (The Jesus Lizard), Schlagzeuger John Stanier (Helmet), und Bassist Trevor ‚Field Mouse‘ Dunn (Mr. Bungle, Fantômas) als Nebenprojekt betreibt.

Und um eines gleich vorweg zu nehmen, die neue Tomahawk ist kein Album, vor dem man sich fürchten muss. Denn „Tonic Immobility“ ist ein abwechslungsreiches Alternative Rock-Album geworden, welches fast an die Zugänglichkeit von Faith No More heranreicht. Gleichzeitig sind Tomahawk jedoch noch immer avantgarde genug, um auch dem anspruchsvollen Musikhörer zu genügen. Denn „Tonic Immobility“ ist eingängig, experimentierfreudig und episch zugleich.

„Tonic Immobility“ ist quasi eine Zusammenfassung von all dem, was wir jemals gemacht haben. Es gibt Verweise auf ältere Sachen, die über das ganze Album verteilt sind, genauso wie neues Territorium. Auf jedem unserer Alben findest man diese schnelleren, energiegeladenen, ruppigen und dissonanten Lieder. genauso findet man aber auch langsamere, atmosphärische, groove- und spannungsbasierte Momente. Es gab schon immer einen Hauch von Latin Music, wenn ich so sagen darf, in Form von durch Bossa Nova oder Flamenco beeinflusster Gitarre. All diese Dinge erscheinen auf diesem Album.

„Tonic Immobility“ is almost a summary of everything we’ve done. There are references to previous things spread throughout the album as well as new territory. On any of our albums, you’ll find those faster, high energy, abrasive, and dissonant songs. You’ll also find the slower, atmospheric, groove- and tension-based moments too. There’s always been a touch of, dare I say, Latin music in the form of Bossa Nova or flamenco-influenced guitar. All of those things appear on this record.

…so Bassist Trevor Dunn.

Dass „Tonic Immobility“ am Ende ein Album voller stilistischer Vielfalt geworden ist, braucht somit niemanden zu verwundern. Und so überzeugt die Scheibe vielmehr durch ihre Heterogenität als durch ihre Gechlossenheit.

Schon der Opener „SHHH!“ ist ein interessantes stilistisches Beast, da hier der Klang einer Surfgitarre auf die Hardcore-Strukturen der Schweden von Refused trifft, wobei das ganze in Schrei- und Flüsterform von der so charkteristischen Stimme Mike Pattons begleitet wird.

Es ist der Auftakt zu einer Platte, die immer wieder für Überraschungen gut ist. Wie beispielsweise, wenn das nervös-trashige ‚Valentine Shine‘ in mehrstimmigen, knackig-kurzen Punk Rock-Ausbrüchen eskaliert. Es ist Musik, die mitreißend ist und den Hörer trotzdem im Unklaren darüber lässt, welchen Weg die Band im nächsten Moment einschlagen wird. Diese entführt einen nämlich in in einem Moment in abgedrehte Primus-Meets-Voivod-Kulissen (‚Predators and Scavengers‘), im anderen in die Welten des Italo-Westerns (‚Doomsday Fatigue‘). Nur um uns kurz darauf bei ‚Business Casual‘ (welches über eine überwältigende Bassline von Trevor Dunnverfügt) in seelige „Angel Dust“-Zeiten zurück zu versetzen.

Zwar fallen einzelne Bandmitglieder in einzelnen Songs immer wieder besonders stark auf, wie beispielsweise Gitarrist Duane Denison mit einem starken Gitarrensolo in ‚Fatback‘, doch ist „Tonic Immobility“ vor allem eines, nämlich eine verdammt starke Teamleistung, und das über zwölf Lieder hinweg. Und so stehen zwei der stärksten Stücke auch am Ende des Albums, nämlich die sublime Ska & Reaggae Punk-Nummer ‚Recoil‘ sowie das abschließende, an The Jesus Lizzard erinnernde, ‚Dog Eat Dog‘, das nicht ohne Grund als zweite Single des Albums veröffentlicht worden ist.

Insgesamt ist Tomahawk mit „Tonic Immobility“ ein ausgewogenes Album gelungen, das sich, mit Freude und bester Laune, zwischen prägnanter Eingängigkeit und experimenteller Verspieltheit bewegt. Zwar ist es weder die neueste abgedrehte Extravaganz eines Mike Patton geworden, noch reicht es an die großen Klassiker von Faith No More heran. Doch wer aus beiden Welten das beste möchte, der ist „Tonic Immobility“ gut bedient.
Bewertung: 11/15 Punkte

Tracklist:
1. ‚SHHH!‘ (3:14)
2. ‚Valentine Shine‘ (3:01)
3. ‚Predators and Scavengers‘ (2:58)
4. ‚Doomsday Fatigue‘ (3:30)
5. ‚Business Casual‘ (3:29)
6. ‚Tattoo Zero‘ (3:19)
7. ‚Fatback‘ (3:14)
8. ‚Howlie‘ (4:08)
9. ‚Eureka‘ (2:03)
10. ‚Sidewinder‘ (3:54)
11. ‚Recoil‘ (3:27)
12. ‚Dog Eat Dog‘ (3:05)

Besetzung:
Duane Denison (Gitarre)
Mike Patton (Gesang)
John Stanier (Schlagzeug)
Trevor ‚Field Mouse‘ Dunn (Bass)

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