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Robert Reed – Cursus 123 430

(56:02, CD/DVD, Tigermoth/Just For Kicks, 2020)
Ganz nach dem Motto „Jetzt geht der Kerl auch noch gegen die Lilien los!“ richtet sich das neue Soloalbum von Robert Reed nicht am Leben und Wirken von Mike Oldfield aus, sondern orientiert sich am Œuvre von Jean Michel Jarre, abgeschmeckt mit ein wenig Vangelis und Tangerine Dream in deren Soundtrack-Ära. Kurz gesagt, „Cursus 123 430“ ist eine schön sphärische und erfreulich altmodische Elektronik-Scheibe, die für die Fans von „Equinoxe“, „Magnetic Fields“, „Oxygene“ „Pergamon“ und „Thief“ vermutlich ähnlich anregend wirken dürfte wie „Sanctuary“ auf Oldfieldianer.

Klar, sonderlich originell klingt das nicht, aber Reed ist fraglos ein Meisterfälscher, der auch im Elektro-Genre genau weiß, was er macht. Die Melodien klingen alle vertraut, ohne dass man ihm irgendwo tatsächlichen Diebstahl vorwerfen könnte, und vor allem: höchst eingängig und energisch. Das schaffen die Originale heute nur noch selten – die überraschend frischen Froese-losen Tangerine Dream vielleicht einmal ausgenommen. Weshalb Reeds Tribut-Arbeiten eben auch durchaus ihre Berechtigung haben. Die 56 Minuten vergehen jedenfalls wie im Flug, ohne dass man irgendwas skippen möchte oder mit dem Gähnen kämpft. „Give the people what they want“, und das beeinhaltet eben keine New-Age-Platitüden oder Ibiza-Stampfer – allerdings auch keine lärmigen Industrial-Elemente oder gar atonale Experimente. Harmonisch und melodiös geht der Meister hier zu Werke – was auch nicht anders zu erwarten war. Dass in ‚The Man Of Sight And Feathers‘ auch die berüchtigten „long thin metallic hanging tubes“ zum Einsatz kommen, dürfte bei vielen Reed-Fans ein zusätzliches Grinsen hervorrufen, ähnlich wie das kurze „Sanctuary“-Zitat, das der aufmerksame Hörer entdecken kann/wird.

„Cursus 123 430“ ist ein waschechtes Konzeptalbum, zu dem Reed– und Oldfield-Alumni Les Penning diverse (seltene) Spoken-Word-Passagen beigetragen hat. Da so ein Konzept bei instrumentalen Arbeiten immer recht schwer nachzuvollziehen ist, gibt es auch ein Comic zum Album, welches hierbei Abhilfe schaffen soll. Da uns Selbiges aber nicht zur Rezension vorlag, enthalten wir uns großzügigerweise einer Meinung. Wie hingegen bei Reed üblich liegt dem Album eine DVD mit Surround-Mix bei (DTS und Dolby 5.1) und Interview bei. Zwei Piano-Only-Performances von ‚Man Of Sight And Feathers‘ und ‚Witness‘ runden die Dreingabe ab, so dass man auch in der Standard-Fassung bereits ein sehr wertiges und rundes Produkt erhält.

Für Alte-Schule-Elektroniker ein schönes nostalgisches Vergnügen, das von Reed wie gewohnt mit viel Liebe zum Detail aufbereitet wurde und ziemlich exakt dem entspricht, was man speziell von Jarre gerne mal wieder in dieser Qualität hören würde. Wie gesagt, originell ist das zugegebenermaßen kein Stück weit, und ob „man das braucht“, sei wie bei fast aller Kunst dem Einzelnen überlassen. Ungeachtet dessen präsentiert Robert Reed mit „Cursus 123 430“ ein ziemlich feines Album, das sich tief vor der Hochphase der analogen elektronischen Musik verbeugt.

Bewertung: 11/15 Punkten (WE 12, SG 11, JM 11)

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