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Tom Doncourt & Mattias Olsson’s Cathedral – Tom Doncourt & Mattias Olsson’s Cathedral

Tom Doncourt & Mattias Olsson's Cathedral (Roth Händle Recordings, 11.12.20)(35:57, CD, digital, Roth Händle Recordings , 2020)
Mattias Olsson ist ein guter, alter und hochgeschätzter Bekannter auf diesen Seiten. Der ungemein produktive Musiker, Tontechniker und Produzent ist verbunden mit so überaus wohlklingenden Namen wie z.B. Änglagård, The Devil’s Staircase, Döskalle, Il Tempio delle Clessidre, In These Murky Waters, Isobar, Kaukasus, dem sehr empfehlenswerten „Mellodrama“-Film, Molesome, Nanook Of The North, Necromonkey, Pineforest Crunch, Pixie Ninja, Malcolm Smith, Vak, VLY, Weserbergland, White Willow, The Winter Tree und vermutlich noch einigen musikalischen Kostbarkeiten mehr.

Das uns hier beschäftigende „Cathedral“-Projekt hat zutiefst traurige, aber auch spannende Hintergründe. Traurig, weil Olssons musikalischer Partner auf diesem Album, der Museums-Präparator, Musiker und Experte für Mellotrons und Chamberlins sowie generell seltene bis obskure Instrumente Tom Doncourt vergangenes Jahr an einer in seinem erstgenannten Beruf erworbenen Lungenkrankheit verstarb. Fesselnd, weil sich das Projekt auf Cathedral zurück bezieht, die eine interessante Historie hatten und einen eigenständigen Sound vorweisen konnten, in dem dennoch Elemente von King Crimson, Greenslade, Genesis oder Gentle Giant recht gut erkennbar sind.

An einem Album, das den Geist ihrer ehemaligen Bands Cathedral bzw. Änglagård beschwören sollte, hatten Doncourt und Olsson, wie letzterer im Booklet erzählt, bereits ein Jahr lang mit Unterbrechungen immer wieder gearbeitet. Teils gemeinsam in Doncourts „Tower Mews“ Studio in Long Island, wenn Olsson in den USA weilte, teils in Olssons berühmt-berüchtigtem „Roth Händle“-Studio in Sollentuna bei Stockholm, teils aber auch einzeln bzw. in Tele-Zusammenarbeit. Als Doncourt im März 2019 starb, waren erst zwei der Songs „zu 95%“ fertig. Das Album zu beenden, war laut Olsson

… a strange and eerie process as the music was created by the tow of us during a long, intuitive and wild conversation. And now that dialogue has gone silent… but whenever I have felt lost or needed help or guidance I have always turned back to the music we created together… Everything I need to know is in there and you listen to it Tom’s voice is as loud and clear as ever. Make it weird, funny, loud and honest. Don’t clean it up. Leave ink smudges, out tune Mellotrons and the odd offbeat torn hit.

Und so geschah es auch. „Cathedral“ ist also nicht nur ein hörenswertes Progressive-Rock-Statement, sondern auch der Grabstein (oder wie es im Booklet heißt „a sonic polaroid“) für einen Freund und für eine Freundschaft.

Wohl auch deswegen ist „funniness“ nicht die hier dominant beim Hörer hervorgerufene Stimmung, jedenfalls nicht beim Rezensenten. Tatsächlich musste die CD auf einer nächtlichen Autofahrt mal ganz schnell aus dem Player weichen, weil sie zu aufwühlend und nachgerade verzweifelt wirkte (don’t get me wrong, mit dem phantastischen Sound hatte das nichts zu tun).

Das ‚Poppy Seeds Intro‘ führt mit chorischem Summgesang getragen und eher feierlich-melancholisch als tieftraurig in diesen musikalischen Kosmos ein, was sich auf ‚Poppy Seeds‘ auf filmmusikalische Weise intensiviert. ‚Chamber‘ fährt nach mächtigen Mellotron-Kaskaden einen Beat aus Bass und Drums auf, wie man ihn auch beim Peter Gabriel der ‚I don’t remember‘-Phase erleben konnte. Er wechselt sich aber mit flauschigen Harfen-Parts ab, um dann auf ‚# 1‘ wie ein beängstigend-schönes King Crimson-Riff wiederzukehren (glaube an dieser Stelle musste der Soundtrack der Autofahrt ganz schnell wechseln).

‚Tower Mews‘ mit seinen süß aufsteigenden Mellotron- und perlenden Piano-Parts hätte sich auch als ein abschließendes Stück auf Tony Banks „A Curious Feeling“ nicht schlecht gemacht. Rückkehr ins ‚Today‘ mit Vocal Samples und attraktiven Bläser- und Marimba-Sounds. Bis auf besagte Mellotron-Chöre und Samples sowie das nun beginnende Magnum Opus ‚Poppies In A Field‘ ist diese Musik instrumental, wobei das dem Autor überhaupt erst aufgefallen ist, als hier Gesang auftauchte. Sprich – vorher würde überhaupt nichts vermisst. Vermutlich, weil viele der melodischen Keyboard-Passagen so ausgesprochen „gesanglich“ sind. ‚Poppies …‘ kann man als Jam von Yes (Gesang und Bass) mit Genesis (Keyboards und Drums) erleben – es ist jedenfalls sehr erlebenswert. Mit dem von erneut feierliche Trauer verbreitenden Orgel eingeleitetem ‚The Last Bridge Organ‘ klingt ein ungemein intensives (in manchen Stimmungen zu intensives) und persönliches Album aus.
Bewertung: 12/15 Punkten

Line-up:
Tom Doncourt – Mellotron 400, Chamberlin M1, Moog 15 modular, Hammond Organ, Grand Piano, Yamaha CS-30, Ondéa, Bird Organ, Wurlitzer Electric piano, Clavioline, Hammond Solovox

Mattias Olsson – Drums, tuned , untuned and detuned percussion, Electric guitars, Baritone guitars, Wurlitzer electric piano, turntables, Speak & read, Vako Orchestron, Optigan, Gizmotron, Chamberlin Rhythmmate,

Gäste:

Hampus Nordgren-Hemlin – Electric Bass, Additional electric and acoustic guitars, Fender VI, Jenco and Schiedmayer Celestes, Vako Orchestron, Hohner Bass 2, Hohner Guitaret, Omnichord

Jerry Jones – electric sitar

Akaba – Vocals

Stina Hellberg Agback – Harp on ‚Poppies‘

Hanna Ekström – Violin and Viola on ‚Poppies‘

Anna Dager – Cello on Poppies

Mixed by Stefan Fandén and Mattias Olsson

Mastered by Thomas “Plec” Johansson

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Album Cover by Henning Lindahl

Abbildungen: Mattias Olsson, mit freundlicher Genehmigung

Where the magic works - Roth Haendle Studios Solentuna