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Kanaan – Double Sun

(39:35, LP/CD/Digital, El Paraiso Records, 2020)
Fleißig Fleißig, denn “Double Sun” ist bereits das dritte Werk der aus Oslo stammenden Instrumental-Psychedelic-Rock-Formation Kanaan binnen zweieinhalb Jahren. Während ihr Debütalbum “Windborne” schon im Winter 2018 erschienen ist, wurde sein Nachfolger “Odense Sessions” – eine Kooperation mit dem Causa Sui-Gitarristen Jonas Munk – erst kürzlich, im Februar diesen Jahres veröffentlicht.

Wie schon die beiden Vorgängerscheiben, ist auch das Aktuelle ein Album geworden, bei dem der Improvisationscharakter im Mittelpunkt steht. Allerdings ist “Double Sun” klanglich weit von klassischen Jam-Sessions entfent. Es handelt sich vielmehr um Impromptus, welche eng mit vielschichtigen Klanglandschaften verwoben sind. Stilistitisch nutzen die Skandinavier hierfür nicht nur die Mittel des Psychedelic Rock, sondern sie verbinden diese geschickt mit Einflüssen aus Space Rock, Post Rock, Krautrock und Jazz.

Double Sun schäumt nur so vor Expermentierfreude, was für die Zuhörer zur Folge hat, dass sie kaum abschätzen können, wohin die musikalischen Reisen der einzelnen Lieder führen werden.

Los geht das Klangerlebnis mit dem knapp dreiminütigen Opener ‘Worlds Together’. Es ist ein unaufgeregter Auftakt, welcher den Hörer in floydig-psychedelische Sphären entführt und übergangslos ins anschließende Mammutstück ‘Mountain’ geleitet, wo dieser durch treibendes Bass- und Schlagzeugspiel auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeholt wird. ‘Mountain’ braucht einige Zeit, um seine Schönheit zu entfalten, da das Gitarrenspiel über weite Strecken lediglich aus immer wieder wenig variierenden Akkordfolgen besteht. Je weiter der Song jedoch fortschreitet, desto mehr entfaltet sich sein Jam-Charakter. In der zweiten Hälfte wird die Rhythmusfraktion ruhiger und variantenreicher, während der Song immer weiter von Synthesizersounds durchzogen wird und so an Leichtigkeit gwinnt. Das Stück gipfelt in psychedelischen Gitarren-Soundscapes, aus denen sich am Ende eine schöne Melodie herauskristallisiert. Als das Lied zu Ende geht, fühle ich mich tatsächlich so, als hätte ich nach beschwerlichem Aufstieg den Gipfel eines Berges erreicht, von dem aus sich mir durch Wolken die Schönheit der Natur offenbart.

 

 

 

‘Öresund’ ist nicht nur der Name der Meerenge zwischen dem schwedischen Mälmö und der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, sondern auch jener der ersten Single von “Double Sun”. Und genau wie die Meeresstraße eine Verbindung zwischen Kattegat und Ostsee bildet, so schlägt ‘Öresund’ eine Brücke zwischem jazzigen Psychedelic und groovigem Post Rock.

 

 

 

Das nachfolgende ‘Worlds Apart’ klingt mehr nach Jam-Session als der Rest der Platte zusammen und weckt bei mir Assoziationen mit Birth Control, ist aber eigentlich nichts anderes als eine rohe, dreckige-verrotzte Version von ‘Worlds Together’. ‘Worlds Apart’ ist ein vielschichtiges Stück, bei dem die verschiedenen Instrumente in ganz unterschiedlicher Lautstärke aufgenommen wurden. Es empfehlen sich Kopfhörer, um die gesamte Farbpalette des Liedes perfekt wahrnehmen und genießen zu können. Sehr cool und energiegeladen!

Beim abschließenden ‘Double Sun’ handelt es sich, wie sollte es bei diesem Namen auch anders sein, um ein Stück bestehend aus zwei Teilen. Nicht nur strukturell sondern auch musikalisch steht das Doppelpack von allen Liedern dem Progressive Rock am nächsten, doch auch hier sind die markanten Einflüsse deutscher Krautrockbands wie Neu! nicht von der Hand zu weisen.
‘Pt.1’ startet sehr spacig, verträumt und unaufgeregt. Das Stück kommt erst nach ca. dreieinhalb Minuten richtig in die Gänge, als eine tiefgestimmte verzerrte Gitarre einsetzt und die relaxte Stimmung abrupt verändert. ‘Pt. 2’ schließt wiederum übergangslos an den ersten Teil an und führt den Hörer in eine Welt zwischen Post und Krautrock. Eine einfache Gitarrenlinie wird über einen Zeitraum von mehr als acht Minuten immer wieder wiederholt und durch die Unterstützung der anderen Instrumente sowie Synthesizer-Effektn immer weiter verdichtet. Im Laufe des Spannungsaufbaus wird der Song immer nervöser, immer groovender und immer tanzbarer. Es ist ein Crescendo aller erster Güte an dessen Ende allerdings kein alles erfüllender Orgasmus steht, sondern dem kurz vor dem Höhepunkt die Luft ausgeht. Nichtsdestotrotz ist es ein runder Schlusspunkt, sowohl für das Lied als auch für das Album.

 

 

 

Summa summarum ist “Double Sun” – vor allem in Zeiten von abgeagten Konzerten und Corona – die perfekte Platte für alle Liebhaber kleiner hippiesker Sommerfestivals. Denn obwohl es sich bei dem neuesten Werk des norwegischen Trios um eine Studioaufnahme handelt, versprüht es aufgrund des hohen Improvisationscharakters den Charme eines Live-Auftrittes in gleißendem Sonnenschein.

Also:
Raus in den Sonnenschein, Kopfhörer auf und genießen!
Bewertung: 11/15 Punkten (FF 11, KR 11)

Tracks:
1. Worlds Together (2:48)
2. Mountain (12:20)
3. Öresund (8:00)
4. Worlds Apart (3:02)
5. Double Sun Pt. 1 (5:23)
6. Double Sun Pt. 2 (8:02)

Besetzung:

© Jenny Berger Myhre

Ask Vatn Strøm (E- und Akustikgitarre)
Ingvald André Vassbø (Schlagzeug, Percussion und Orgel)
Eskild Myrvoll (Bass, Synthesizer, E- und Akustikgitarre)

Gastmusiker:
Bjørn Klakegg (Leadgitarre bei “Double Sun Pt. 1 & 2”)

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Kanaan zur Verfügung gestellt.