PostHumanBigBang – Jungle Eyes

(64:34, Coloured 2LP / CD / Digital, Czar of Crickets / Soulfood, 2020)
Der größte Knaller seit dem Urknall ist bekanntermaßen Zaphod Beeblebrox. In der schweizerischen Hauptstadt Bern könnte dies nun angefochten werden. Ebendort ist die Heimat der artistischen Metalband PostHumanBigBang. Die im Jahr 2009 von Mastermind Remo Häberli und seinem Bruder Patrick Häberli gegründete Formation hat sich dem selbstbetitelten Album von 2012 und der Single ‘Cumbria’ aus dem Jahr 2013 zunächst rar gemacht. Umso schöner ist, dass die Band im Zeichen des nachmenschlichen Urknalls im neuen Jahrzehnt mit einer neuen Veröffentlichung auf dem Radar des Post Metal, Progressive Metal und auch Experimental Metal wieder auftaucht. Mit “Jungle Eyes” haben die Schweizer ein Comeback zu verzeichnen, das in jederlei Hinsicht monumental ist.

Beginnen wir mit dem gewaltigen Umfang. Über eine Stunde Musik erstreckt sich über die elf Lieder, deren Länge zwischen zwei und acht Minuten variiert. Plattenliebhaber wissen, dass die über Czar of Crickets/Soulfood vertriebene Vinyl-Fassung folglich als Doppel-LP in einem schönen Gatefold Cover kommt und sich schon rein optim im Regal hervorragend machen wird.

Aber nicht nur mit blanken Zahlen, sondern auch auf musikalischer Ebene können PostHumanBigBang in großem Stile überzeugen. Die Arrangements von Remo Häberli bestechen durch großartige Varianz und grenzüberschreitende Vielfalt. Groovender Metal fließt in klassische Elemente, mehrstimmiger Gesang wechselt sich mit tiefen Growls ab, virtuose Rhythmik leitet über in metallene Hochgeschwindigkeitsattacken und orientalische Skalen bauen sich in Progressive Metal ein, als hätten sie nie woanders gelebt.

Das größte Hitpotential bergen wahrscheinlich die Stücke ‘Cycles’ und ‘Jungle Eyes’ in sich. Der Eröffnungstrack ‘Cycles’ entführt die Zuhörenden in eine nahöstliche, urbane Landschaft, bevor auf brachialen Metallschwingen die Realität des späten Kapitalismus beschrieben wird, in der sich Menschen wie Räder eines Uhrwerks im Kreis bewegen. Mit ähnlich frustrierter Miene singt Remo Häberli über ernüchternde Déjà-Vus und die unheilvolle Ahnung, alles könne sich im Kreise drehen. Der Titeltrack erinnert insbesondere durch seinen Anfang in gewissem Maße an die folkloristischen Ausflüge von Sepultura wie ‘Roots’ oder ‘Ratamahatta’. Anstatt prügelndem Thrash Metal servieren PostHumanBigBang dann allerdings schwermetallen groovenden Prog.

Monumental und stark sind zu guter Letzt auch die Inhalte auf “Jungle Eyes”. Bandkopf Remo setzt mit dem neuen Album autobiographisch am Ende einer überwundenen Persönlichkeitskrise an. Dass das Ende der Talfahrt nicht an einem Gipfel endet, wird den Hörenden jedoch schnell bewusst. Und so verfolgt “Jungle Eyes” Schritt für Schritt den beschwerlichen Weg zurück zu den eigenen Kräften mit all seinen Aufschwüngen, Zerwürfnissen, Hoffnungsmomenten und Tiefpunkten. Getrieben von virtuosem, abwechslungreichem und brachialem Post- / Progressive Metal versagt sich diese Geschichte immer wieder das Aufgeben und gelangt vor dem instrumentalen Outro ‘Off’ zu neuer Resilienz.

Teapot of the Week

“Teapot of the Week” auf Betreutes Proggen in der KW12/2020

Mit “Jungle Eyes” haben PostHumanBigBang ein Album erschaffen, auf dem alles genau da ist, wo es hingehört. Jeder Übergang von melodischer auf brachiale Klangwelt, jede Diskrepanz zwischen klassischer und moderner Musik und jeder Fingerzeig virtuoser Musikalität sitzt wie angegossen. Von symphonischem Metal über anspruchsvollen Prog Rock bis hin zum gewaltigen Groove Metal haben PostHumanBigBang eine umwerfende Abrissbirne erzeugt.
Bewertung: 15/15 Punkten (RG 15, KR 13)

Line Up:
Remo Häberli: Gesang, Lead & Rhythmus Gitarren, Bass, Synthesizer, Percussion, Keyboard, Programmierung
Patrick Häberli: Gesang
Lukas Bleuer: Lead Gitarre
Isballe Ryser: Bass
Mike Liechti: Schlagzeug

Surftipps zu PostHumanBigBang:
Facebook
Twitter
Instagram
Bandcamp
YouTube
Spotify

Abbildungen: Posthumanbigbang / Czar of Crickets