Disillusion, Scraper, 06.02.20, Köln, Yard Club

Disillusion haben mit ihrem ersten Album nach 13 Jahren ordentlich Staub aufgewirbelt. Zum einen, weil einige Fans gar nicht mehr damit gerechnet hatten, überhaupt nochmal was von den Prog-Deathern aus Leipzig zu hören, zum anderen, weil “The Liberation” im Vergleich zum bisherigen, qualitativ überragenden Output noch eins drauf setzen konnte. Sowohl der brachiale, schnelle Prog-Death-Metal des Debüt-Albums, als auch die auf dem zweiten Album “Gloria” spürbaren experimentellen Einflüsse haben deutliche Spuren auf “The Liberation” hinterlassen.

Umso interessanter war es also, diese auf Tonträger beeindruckende Band auf ihre Livequalitäten zu prüfen. Eine Delegation von pflichtbewussten Betreuern machte sich dafür auf in den Yard Club nach Köln. Ein netter kleiner Club, der sich mit der ebenfalls recht bekannten Kantine in einem Gebäude befindet. Verkehrstechnisch gut gelegen, mit eigenem Parkplatz, moderaten Getränkepreisen und freundlichem Personal.

Als die Türen des Clubs sich öffneten, war die Anzahl der Besucher noch sehr überschaubar. Man konnte ohne Gedränge und sehr zügig einige Bierchen ordern, oder sich entspannt das Merchandise ansehen. Die Shirts waren allesamt sehenswert, außerdem wurden natürlich auch CDs und Vinyl angeboten. Langsam aber sicher füllte sich die kleine Halle dann doch noch, bis man an dem Punkt angelangt war, sich einen guten Platz suchen zu müssen. Letztendlich war das Konzert durchaus gut besucht, aber man musste nicht gleich auf Tuchfühlung mit den Gleichgesinnten zu gehen. So etwas ist bei Proggern ja auch eher weniger beliebt.

Scraper

Vorbands sind immer so eine Sache. Oft stören sie, meistens passen sie gar nicht zur Hauptband und wirklich gut sind sie auch nicht. Manchmal jedoch sind sie eine Überraschung. So wie Scraper, eine überaus sympathische Thrash-Metal-Band aus Marl, die mit zwei Gitarren, einem mächtig wummernden Bass, einem Sänger mit kräftiger Stimme und einem schwer arbeitenden Schlagzeuger das Publikum überraschend schnell auf ihre Seite ziehen konnte. Die für Thrash Metal doch recht langen Songs hatten die ein oder andere unerwartete Wendung in Petto und kamen mit ordentlich Druck auf dem Kessel gut beim Publikum an, welches ja eigentlich eine Band aus dem progressiven Spektrum des Death Metal sehen wollte. Allen Vermutungen zum Trotz ernteten Scraper lautstarken Beifall. Zu Recht!
Diese Jungs sollte man, wenn man diese Musik mag, auf jeden Fall im Hinterkopf behalten und sie bei nächster Gelegenheit ansehen bzw. anhören.

Disillusion

Nach einer recht kurzen Umbaupause kamen dann Disillusion auf die Bühne. Ohne irgendwelchen Firlefanz ging es sofort los mit dem Intro ‘In Waking Hours’ und dem Opener des letzten Albums ‘Wintertide’. Auffällig war dem schreibenden Betreuer, zunächst in der ersten Reihe befindlich, der doch recht schlagzeuglastige und gitarrenarme Sound. Die folgende kleine Zwangspause, der ein kleines technische Problem mit den Zuspielungen zu Grunde lag, war also die beste Gelegenheit, die Position innerhalb des Clubs zu wechseln. Und wo geht man hin, wenn man besseren Sound haben möchte? Genau, ans Mischpult.

Sehr gut aufgelegt, auch trotz des kleinen Zwischenfalls, legte die Band mit ‘The Great Unknown’ unbeeindruckt erneut los. Sehr professionell, extrem gut eingespielt und mit viel Spaß. Allerdings wurde der Sound leider nicht besser. Das ist natürlich bei Musik, die sich durch viele kleine Details im Sound auszeichnet, besonders ärgerlich. Auch die theoretisch ja wunderbaren Gitarrensoli waren kaum hörbar. In erster Linie tat mir das für die Band leid, die sich merklich den Allerwertesten abspielte. Andy Schmidt ist ein hervorragender, sehr angenehmer und sympathischer Frontmann und war auch an diesem Abend sehr gut bei Stimme.

Mit ‘Alone I Stand In Fires’ vom Debüt “Back to Times of Splendor” und dem Titeltrack des neuen Albums ‘The Liberation’ waren die ersten Highlights aus der Setlist relativ schnell gesetzt.
Mit der ebenfalls epischen Single-Auskopplung ‘Time To Let Go’ und ‘The Black Sea’ vom Album “Gloria” folgten die nächsten Highlights und es wurde mit ‘Alea’ und dem großartigen ‘Back to Times of Splendor’ nicht wirklich schlechter. Absoluter Gewinner und Gänsehaut-Overkill an diesem Abend war allerdings das Mega-Opus ‘The Mountain’. Auf Platte schon mit das Beste was die Band je komponiert hat, sorgte die Gast-Performance von Birgit Horn, die die nahezu elektrisierenden Trompeten-Melodien in der Mitte des Songs intonierte, für ehrfürchtige Stille im Publikum.

Abgesehen von dem recht unbefriedigenden Sound, kann man von einem gelungenen Auftritt einer der zur Zeit besten deutschen Prog-Metal-Institutionen sprechen. Eine hervorragende Setlist, ohne einen einzigen Rohrkrepierer sorgte für allgemeine, gut hörbare Begeisterung. Eine extrem spielfreudige, gut gelaunte Band, leistete sich nicht eine einzige krumme Note und wirkte dabei nicht einmal steril oder kalt, sondern entspannt und locker, als würde man sowas täglich machen. Wer die Möglichkeit hat, sich Disillusion live anzusehen, sollte dies unbedingt tun!

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Die Kantine/Yard Club (Venue)

Live-Fotos: Klaus Reckert