Kayo Dot – Blasphemy: A Prophecy

(44:41, CD, LP, Prophecy, 2019)
Nach seinem Ausflug in ruhigere Solo-Gefilde („Madonnawhore“, „They Are The Shield“), kehrt Toby Driver, Chef der amerikanischen Underground-Lieblinge Kayo Dot, endlich zu seiner Stammband zurück. Und als wollte er den Beginn einer neuen Ära einläuten, erscheint das neue Album „Blasphemy: A Prophecy“ unter der Schirmherrschaft des Metal- und Alternative-Labels Prophecy.

Seit ihrer Gründung aus den Überresten von maudlin of the Well genießen Kayo Dot den Ruf, äußerst unbeständig und kompromisslos zu sein. „Choirs Of The Eye“ ritt Anfang der 2000er auf der Postrock-Welle mit, stach aber schon damals aus der Masse heraus. Kammermusik, Ambient und Neoklassik standen eng neben brutalem Lärm und infernalischem Gekreische.

Seitdem hat sich viel getan: Toby Driver schreibt inzwischen für eine deutlich geschrumpfte Band, und spätestens seit „Coffins on Io“ hat er sich von jedweder Art von Metal verabschiedet. Für einige Fans war dieser Ausflug in New-Wave und 80ies-Synthie-Rock trotz aller Offenheit für die Stilwendungen der Band etwas zu viel des Guten.

Das letzte Studioalbum „Plastic House On Base Of Sky“ (kurz PHOBOS) ging noch einen Schritt weiter und war als Hommage zum japanischen Anime-Komponisten Susumu Hirasawa angelegt: technoid, unterkühlt, als spielten Cyborgs Instrumente in siebendimensionalen Räumen. Fans warten seitdem gespannt auf das nächste Kapitel. Wird es eine Fortsetzung – oder eine Antithese?

Grundlage von „Blasphemy“ ist ein Roman von Jason Byron, Freund von Toby Driver, ehemaliger Sänger von maudlin of the Well und seit jeher verantwortlich für fast sämtliche Kayo-Dot-Lyrics. Im Groben wird die Geschichte einer fantastischen Welt erzählt, in der Schiffe auf Wolkenmeeren fahren und geheimnisvolle Mystiker durch die Lande streifen, den Final-Fantasy-Videospielen nicht unähnlich. Drei Protagonisten suchen dabei nach einem Schatz, einem Mädchen, das den Namen „Blasphemy“ trägt. Dem macht sie am Ende auch alle Ehre und bringt die Abenteurer einen nach dem anderen auf grausame Weise um.

Handelt es sich hier aber nun um die oben genannte Fortsetzung beziehungsweise Antithese? Weder noch. Musikalisch ist das Album ein Rundumschlag, ein Amalgam von Kayo-Dot-typischen Motiven und Charakterzügen: Der exaltierte Gesang, der Rückgriff auf schwebende, an Postrock erinnernde Passagen in ‘Ocean Cumulonimbus’, verschachteltes Schlagzeugspiel, weite Synthesizerflächen, der Einsatz verschiedener Effekte und Instrumente (Trompeten und Vocal-Harmonizer), der Kontrast zu kurzen, aber heftigen Ausbrüchen, bei denen man sich an alte maudlin-of-the-Well-Stücke erinnert fühlt. So stellt beispielsweise ‘Vanishing Act in Blinding Gray’ einen besonderen Höhepunkt dar, erinnert er doch am ehesten an die Großtaten „Leaving Your Body Map“ und „Bath“.

Mehr noch aber als beispielsweise auf „Coffins on Io“ und „Plastic House“ verschwimmen und zerfließen die Songs, verlieren ihre klaren Strukturen und Grenzen, wie die Uhren und Köpfe in Dalís Gemälden. Entrückt, ätherisch und surreal, Musik aus einem Traum, die es unmöglich macht, sich auf ein Instrument oder eine Stimme zu konzentrieren. Toby Driver gibt kaum griffige Anhaltspunkte in seinen Kompositionen, da ist kaum ein durchgehender, knackiger Groove, kaum eine Melodie mit hohem Wiedererkennungswert. Alles hier entzieht sich dem Hörer, verflüchtigt sich, anstatt deutlich vor Augen und Ohren zu treten. Genau diese Unnahbarkeit macht jedoch für Viele den Reiz der Band aus.

Kayo Dot können mit „Blasphemy“ ihre hartgesottenen Fans zweifellos zufriedenstellen. Das Album ist vor allem dank der ungewöhnlichen Fantasy-Story ein spannendes Gesamtpaket geworden. Dennoch spielen „Choirs Of The Eye“ oder „Coyote“ in einer anderen Liga. Deren Unmittelbarkeit und Intensität nämlich sucht man auf “Blasphemy” vergeblich. Angesichts der Entwicklung der Band klingt es fast paradox, aber das neue Werk macht einen deutlich verkopfteren Eindruck als seine Vorgänger. Und das, obwohl die Metal- und Noise-Eskapaden einer unüberhörbaren Melodiösität gewichen sind. Jeder mag für sich entscheiden, ob das Plus- oder Minuspunkte bringt.
Bewertung: 11/15 Punkten (BF 11, KR 12)

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