Burg Herzberg Festival – 25.-28.07.019, Breitenbach am Herzberg/Hessen

Stardust We Are

Es gibt keinen Grund mehr, Mitte August 2019 nach Upstate New York zu pilgern, Woodstock 50 ist abgesagt. Man hatte sich bei der benötigten Fläche verkalkuliert, Genehmigungen wurden nicht erteilt, Sponsoren und Headliner sagten daraufhin ab. Wenn man ipi Hinterkopf hat, dass derselbe Veranstalter sich schon für das Revival-Festival 1999 verantwortlich zeigte, bei dem Teile des Geländes vom Publikum abgefackelt wurden, ist es vielleicht ja auch besser so.

Im Gegensatz dazu wird deutlich, was alles seit Jahren richtig läuft bei der Veranstalter-Crew um das jährlich Ende Juli in der windigen Rhön stattfindende Burg Herzberg Festival. Wenn dieses Hippie Meeting dann auch noch vom Glück gesegnet ist wie die 2019er-Ausgabe – da geht einem doch das Herz auf! Denn die Wettergottheiten waren freundlich gestimmt, das Line-up vielfältig (ein paar allseits anerkannten Headliner und Überraschungs-Acts wie diese hier aus Berlin: Footprint Project) und die Stimmung rundweg friedfertig.

Nun bringt es ein 11.000-Seelen Event mit mehreren Bühnen mit sich, dass die Chronistin hier nur einen kleinen Ausschnitt des Ganzen erleben kann. Sicher gibt es Menschen auf dem Gelände, deren Wege sich nie mit den meinen kreuzen. Die völlig andere Prioritäten setzen, andere Interessen verfolgen, die aber alle ihre Daseinsberechtigung haben. Das ist eine sehr angenehme Vielfalt, denn so bleibt genügend Raum für alle.
Bei mir bleibt an Festivaltag 1 notgedrungen manch großer Name der Hauptbühne außen vor. Ein paar Hundert Meter weiter auf die Freak Stage rückt aus Plauen die übernächtigte Band Polis mit Original-Instrumentarium aus dem 70ern an. Ja, mit Hammond-Orgel und Leslie-Kabinett, (mit Gruß an die Bandscheiben). In Retro Sound-Gewand webt die Band ihre klugen Texte und sorgt damit für die erste positive Überraschung des Festivals (s.o.).

Später am Abend an gleicher Stelle verzaubert uns der französische Ausnahme-Bassist und Wacken-Veteran Shob. Er hat eine 4-Köpfige Band im Schlepptau, mit der er groovt, slappt, funkt, rockt und düster jazzt, was das Zeug hält. Eine Ehre, ihn auf dem Festival gehabt zu haben!

Zum letzten Live-Act des Tages schaffe ich es für Long Distance Calling dann doch noch vor die Hauptbühne. Weit nach Mitternacht gibt es von vom Münsteraner Instrumental-Quartett herrlich ausufernde metallisch-progressive Kompositionen auf die Ohren.

Hitze bestimmt das Wetter in den ersten beiden Tagen, Deutschland ächzt unter Temperaturrekorden. Irgendwo in Deutschland wird die Temperaturmarke von 41 Grad Celsius geknackt. Wo genau, keine Ahnung, man hält sich wohltuend fern von den üblichen aufgeregten Alltagsnachrichten. Die hügelige Landschaft Osthessens wird immerhin von einem leichten Lüftchen umweht. Abhilfe verschaffen auch die Festival-Crew und zahllose Kinder am Wegesrand, indem sie Wasser sprühen. Überhaupt, Wasser: Kurzerhand wird Wasser verbilligt ausgeschenkt, sehr löbliche Aktion!

Das Pulsar Trio in der Besetzung Piano, Schlagzeug, Sitar spielte vor zwei Jahren ein zauberhaftes Konzert vor triefend nassem Herzberg-Publikum, nun werden wir und die sympathische Band verwöhnt von Sonne satt.

Krautrock-Legende Jane gibt sich ein Stelldichein bei brütender Hitze:

Neben Jane macht später am Abend des 2. Tages das UFO noch ein letztes Mal Station im Rahmen ihrer Jubiläums-Abschiedstour. 50 Jahre haben ihre ältesten Heavy Rock Hymnen schon auf dem Buckel.

Gerade zur Nachmittagszeit tigere ich gerne von Bühne zu Bühne und lasse mich überraschen: Z.B. von Shishko Disco (vom Namen nicht abschrecken lassen, immer das Kleingedruckte lesen 😉 ), einem losen Musikerverbund aus dem Nahen Osten um Gitarrist Moshe und Sängerin Joy, bei denen Bukaharas Geiger Avi Schneider mitrockt.

Oder von der Mulitinstrumentalistin & Sängerin Nneka aus Nigeria mit ihren so positiven Botschaften.

Die von Liebhabern selbst organisierte Bühne namens „Höllenschuppen“ ist die Spielwiese für spacige Klänge und ausufernde Jams. Zu entdecken gibt es dort immer spannende Live-Darbietungen, besonders zu sehr vorgerückter Nachtstunde, wenn anderswo in Freak City schon Programm_Ende ist oder Musik aus der Konserve aufgelegt wird.



Aber auch nachmitternächtliches Schlendern über das Areal hat seinen Reiz. Mit etwas Glück sitzt am Wegesrand Jeff Silvertrust aus Chicago mit seiner Band, bestehend aus Jeff Silvertrust am Schlagzeug, Jeff Silvertrust an der Trompete und Jeff Silvertrust am Gesang.

Einen ähnlichen Gag könnte ich jetzt zu Jens Fischer Rodrian am wie immer hübsch dekorierten Pizza Tank schreiben, aber das erspare ich euch.

Der Abend des dritten Tages gehört Riverside, nach 15 Jahren noch immer erfrischend und junggeblieben (was sie in ihren Ansagen auch durchscheinen lassen).

Die Karawane um die Münchner Band Embryo freut sich riesig über ihre 90 Minuten Spielzeit. „Sonst fühlen wir uns kastriert“, sagt Zeremonienmeisterin, Vibraphon- und Santur-Spielerin Marja Burchard und bereitet dem Publikum mit ihrer Band eine traumwandlerische musikalische Reise durch nah- und fernöstliche Rhythmen. Diese verlieren sich aber nicht, sondern kommen knackig auf den Punkt, die Neu-Justierung der Band mit fünf Jahrzehnten Tradition ist definitiv geglückt.

Freakshow Artrock Festival-Veranstalter Charly Heidenreich holt in diesem Jahr drei Lyoner Weird-Jazz Formationen auf die Freak Stage, die personell eigentlich zwei sind. Die extraterrestrische Wucht der Band PinioL am Abend des finalen Festivaltages setzt sich eben zusammen aus den beiden Bands PoiL und Ni, die beide am Tag zuvor spielen. Ja, das heißt dann auch: zwei Schlagzeuger, zwei Bassisten, zwei Gitarristen und mittig Keyboarder Antoine Arnera. Gegen solchen Wahnsinn im positivsten Sinne hatte bei mir dann Legende Graham Nash dann doch keine Chance, obwohl seine Geschichten und Musik es sicher Wert gewesen wären.


Nun, nach dem Fest ist vor dem Fest, so hoffe ich doch sehr. Riesiges Dankeschön an alle, die ein solch harmonisches Ereignis möglich gemacht haben! An Charly und Flo vom Freakshow Artrock Festival-Stand, die supersympatischen und lustigen Leute der arf-Society am Stand nebenan, an alle Wassersprüher auf dem Gelände, die lokale Firma, die die Dixie-Clos jeden Morgen zuverlässig tippitoppi reinigte, die 11.000 Freaks, die die abgesperrten Naturreservate tatsächlich ein Wochenende lang unberührt ließen und das Gelände verlassen haben, wie sie gekommen waren. Getreu dem Motto:
„take nothing but pictures, leave nothing but footsteps“



PS – Übrigens: Der einzige Headliner, der Woodstock 50 nicht von sich aus absagte, war kurioserweise die Band namens „The Zombies“. Andererseits, ich höre, sie seien noch immer eine überzeugende und hörenswerte Live Band. Vielleicht etwas für ein zukünftiges Herzberg Festival?