Lucy In Blue – In Flight

(40:55, CD, Karisma Records, 2019)
Man stelle sich vor, dass im Jahr 1971 ein weitsichtiger isländischer Musikmogul namens Helgi Eyjafjallajökull die in Reykjavik beheimatete Band Lucy In Blue schockgefrostet konserviert hat, um sie im Internet-Zeitalter wieder aufzutauen. Hätten sie es damals allenfalls bis in die Außenbezirke ihrer Heimatstadt geschafft, landen sie heutzutage dank weltweitem Web mit ihrem lupenreinen Retro-Psych-Prog sogar in betreuten CD-Playern.

Also, so oder so ähnlich könnte es sich zumindest zugetragen haben…

Tatsächlich ist die blaue Luzie jedoch ein Kind unserer Zeit, das in hohem Maß von frühen Pink Floyd und den ersten beiden King Crimson-Werken beinflusst ist. Da man auch in Sachen Produktion die Regler auf 1971 rückgedreht hat, würde so mancher Hobbyarchäologe dieses musikalische Fundstück in das Pleistozän des Progrocks datieren.

Wer jetzt nicht gleich “Klon” schreien muss, der wird von “In Flight”, dem Zweitling der Isländer durchaus gut unterhalten. Vor allem der Floyd-Phase um “Meddle” hat es ihnen anscheinend angetan. In gemächlich elegischem Tempo schwebt man auf fliegenden Mellotron- und Hammond-Orgel-Teppichen in Stücken wie ‘Respire’ oder dem Titelsong ‘In Flight’ dahin. Das eine oder andere Helden-Zitat verdeutlicht, dass man hier rein gar nichts verheimlichen will. Dass Lucy In Blue allerdings nicht zur bloßen Karikatur verkommt, liegt an der Qualität ihrer Songs, die ausreichend kompositorische Substanz mitbringen um das Soundgewand der Vorbilder zu tragen. Die Isländer haben auch nicht den Fehler begangen, das Album mit Füllmaterial aufzublasen und bleiben bei rund vierzig Minuten in einem Bereich der die Aufnahmefähigkeit des Hörers nicht überfordert.

Alles in allem ein feines Scheibchen, das 1971 zwar zeitgemäßer, aber wohl kaum entstanden wäre. Im Internet-Zeitalter ist eben alles anders.
Bewertung: 11/15 Punkten (DH 11, KR 11)

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