´t´, Crystal Palace, 22.03.19, Oberhausen, Zentrum Altenberg

0

Der Vorhang ruft!

Dem „Befehl“ zum pünktlichen Erscheinen vom Künstler (´t´ alias Thomas Thielen) persönlich per sozialen Netzwerken erteilt, ist der Verfasser brav gefolgt, um bereits gegen 18:40 Uhr am Zentrum Altenberg in Oberhausen aufzuschlagen. Es sollte ja schließlich um Punkt 19:30 Uhr losgehen. Immerhin wollten zwei gleichberechtigte Bands ihr Bühnenprogramm bis zum Zapfenstreich durchbringen. Die Lokation war noch verschlossen und so langsam sammelte sich das typische Prog-Volk locker plaudernd vor dem Gebäude.

[Achtung: Spoilerwarnung -Setlist wird im Text erwähnt]

Gegen 19 Uhr ging es dann hinein in den bekannten Saal des Zentrum Altenberg, der die optimale Größe für diese Art Konzerte darstellt. Innen warteten dann bereits ein gut sortierter und auch direkt frequentierter Merchstand (schließlich war die neue Scheibe von ´t´, “Solipsystemology”, just am selben Tag erschienen), sowie Steh-Tische aus Europaletten inkl. Barhockern lose über den Raum verteilt.

Zwei in weiße Staubschutzoveralls gehüllte und wie Pantomimen maskierte Personen bewegten sich performanceartig durch den Raum und verteilten Textschnipsel an das wartende Publikum. Ob es sich um Textfragmente von ´t´ selber gehandelt hat, kann nur gemutmaßt werden, es ist aber stark davon auszugehen. Außerdem gab es ein kostenloses Gin-Tasting, was dem ein oder anderen die (kurze) Wartezeit noch geschmackvoller gemacht haben dürfte!

Tatsächlich ging es dann pünktlich um 19:30 Uhr los, die ersten Klänge aus dem Rechner perlten kristallklar in angenehmer Lautstärke aus den Boxen. Die Band von ´t´ betrat unter höflichem Applaus des nun mit schätzungsweise 200 bis 250 Menschen ganz ordentlich gefüllten Auditoriums die Bühne. Thomas selbst wurde erst mit leichter Verzögerung sichtbar, was angesichts des eigentlichen One-Man-Show-Status´ dieses Projektes auch durchaus angemessen schien.

Da der Verfasser dieser Zeilen kein ausgewiesener Kenner der Musik von ´t´ ist und er sich erst ab “Fragmentropy” mit der Materie beschäftigt, war ihm das erste Stück (‘The Aftermath Of Silence’ vom vierten Album “Psychoanorexia”) auch nicht bekannt. Es wurde aber direkt deutlich, dass da eine Truppe von absoluten Könnern auf der Bühne steht, die die komplexen Songstrukturen sehr pointiert für eine Liveshow zu präsentieren wussten. ts Stimme und sein Gitarrenspiel sind natürlich hervorzuheben. Der offenbar klassisch ausgebildete Sänger hat vom ersten Ton an überzeugt und mit seiner sehr emotionalen Art zu Singen sofort die ersten Wonnemomente ausgelöst. Die Range seiner Stimme von tiefen bis hohen Tönen ist einfach außergewöhnlich. Von Platte kannte man das ja bereits, das aber auch live ohne hörbare Brüche so rüberbringen zu können, ist große Kunst!

Das erste Stück ging unmittelbar in das zweite (‘Shades Of Silver’ vom fünften Album “Fragmentropy”) über und der geschilderte Ersteindruck setzte sich weiter fort, ja verstärkte sich sogar noch.

Danach die ersten Begrüßungsworte eines sichtlich bewegten ´t´, der eine gewisse, durchaus aber sympathische Anspannung nicht verbergen konnte, das aber wohl auch gar nicht wollte.

Die Zuschauer wurden an dem Abend Zeuge eines Parforce-Ritts durch ausgewählte Stücke aus dem Gesamtwerk von ´t´, bei dem er nicht, wie sonst eigentlich bei den meisten Acts üblich, den Fokus auf sein aktuelles Machwerk legte. So folgten nun ‘The Irrelevant Lovesong’ von “Psychoanorexia” und ‘Forget Me Now’ vom zweiten Album “Voices”.

Mit einer witzig-augenzwinkernden Ansage zum nächsten Stück (“Die Band die unser Stück geklaut hat, feiert gerade eine dreitägige Riesenparty mit tausenden Leuten in Holland”), wagte sich ´t´ und seine Truppe tatsächlich an einen der Übersongs Marillions aus der Hogarth-Ära heran: ‘Neverland’. Hier konnte ´t´ einmal mehr seine stimmliche Variabilität (ohne dabei H zu kopieren) und das gefühlvolle Gitarrenspiel demonstrieren.

Bei aller Konzentration auf den Protagonisten muss man aber festhalten, dass alle Musiker sich gemeinsam als echte Live-Band präsentieren konnten. Es wirkte so, als würden sie bereits Jahre zusammen auf der Bühne stehen.

Nach dem vom Publikum mit großem Applaus bedachtem Neverland ging es dann mit dem letzten Stück des Sets, ‘About Us’ (vom ersten Album ‘Naive’) ganz zurück in die Vergangenheit der mittlerweile 18 Jahre umfassenden Solokarriere von ´t´. Als Zugabe folgte dann noch ein sehr emotionales ‘Curtain Call’ (von “Voices”), welches der Künstler als sein absolutes Lieblingsstück ankündigte (was wohl der Grund dafür ist, dass er die von BetreutesProggen präsentierte Tour so genannt hat) und womit dieses fulminante Konzert dann unter großen Beifallsbekundungen nach etwas über 1,5 Stunden zu Ende ging.

Der Klang im Raum war durchgängig gut bis sehr gut. Nur die programmierten Soundschnipsel waren manchmal etwas zu laut und überlagerten teilweise die Liveinstrumente, lieferten aber zuweilen schöne Stereoeffekte und eine ganz eigene Atmosphäre.

Der Bassmann Yenz Strutz ist ja normalerweise Frontmann und einzig verbliebenes Gründungsmitglied von den später aufspielenden Crystal Palace, hat sich aber hier ganz in den Dienst der ´t´-Band gestellt und man merkte ihm dennoch den Spaß und Enthusiasmus an der Musik, deutlich an. Schlagzeuger Thomas Nußbaum lieferte sehr solide den zuweilen komplexen Rhythmus-Part ab. Keyboarder Dominik Hüttermann brachte gekonnt und äußerlich völlig entspannt den Keyboardsoundteppich und das ein- oder andere, sehr versierte Solo dar. Auch Jan Steiger, der als zweiter Gitarrist neben ´t´ fungierte, machte einen super Job. Einige sehr schöne Soli flossen aus seinen Händen und seinem Instrument.

Nach einer kurzen Umbaupause ging es nun mit Crystal Palace weiter. Die sympathische vierköpfige Truppe aus Berlin betrat zu den programmierten Sounds des Titelstücks des vor gut einem Jahr erschienenen Albums “Scattered Shards” die Bühne und der zweite Teil des Abends begann. Die Band ließ von Beginn an keinen Zweifel daran, dass es nun etwas rockiger und härter zugehen würde.

Anscheinend ordentlich warmgespielt mit t und ohne jegliche Ermüdungserscheinungen, war Yenz nun vollständig in seinem Element und überzeugte (mit frischer Oberbekleidung) als Frontmann, Sänger und Bassist. Dieser Truppe, die in wechselnden Besetzungen auf eine über 28–jährige Geschichte zurückblickt, merkte man sofort eine große Verbundenheit untereinander an. Die Stücke zeichnen sich durch wunderbare Steigerungen und Wechsel von melodisch ruhigen und dann wieder härteren Passagen aus. Erinnerungen an die großartigen Alben “Deadwing” und “Fear Of A Blank Planet” von Porcupine Tree wurden wach und begeisterten das Publikum.

Nach dem Auftaktstück ging es in der Albumreihenfolge mit ‘Inside Your Dreams’, ‘The Logic Of Fear’, ‘Craving’, ‘Collateral’ und ‘S.I.C.I.’ weiter. Der Fokus der Band lag also offenbar auf dem aktuellen Album, welches hier nahezu vollständig aus einem Guss präsentiert wurde.

Optisch am auffälligsten war das kopflose, aber dafür umso breitere Arbeitsgerät des Gitarristen Nils Conrad. Acht Saiten hat das Teil und sein Besitzer wusste es äußerst gekonnt zu bedienen. Mal metallisch hart, mal aber auch wie eine Akustische klingend, wurde dieses Monster von Gitarre in Szene gesetzt. In Kombination mit den entsprechenden Effektgeräten, konnte Conrad die gesamte Bandbreite aus diesem Instrument zaubern, ohne ein einziges Mal an diesem Abend zu einer anderen Gitarre wechseln zu müssen. Keyboarder Frank Köhler wartete nicht nur mit einem tollen T-Shirt (Coma im Schriftzug von Puma) auf, sondern zeichnete sich für die atmosphärisch dichten Soundteppiche und variablen Keyboardpassagen verantwortlich. Ähnlich wie schon bei Dominik Hüttermann wirkte Köhler wie der Fels in der Brandung der auf- und ab wogenden Musik.

Schlagzeuger Tom Ronney überzeugte als großartiger rhythmischer Rückhalt der Truppe und betätigte sich zudem ab- und an als Backgroundsänger.

Nach dem Zelebrieren der Stücke des aktuellen Albums ging es dann weiter mit dem harten ‘All Of This’ vom Vorgängeralbum “Dawn Of Eternity”, gefolgt vom im fast schon rammsteinigen Duktus gehaltenen ‘Sleepless’ vom 2013 erschienenen Album “The System Of Events”. Darauf folgten mit ‘Confess Your Crime’ und ‘Sky Without Stars’ zwei weitere Highlights von “Dawn Of Eternity”.

Als Zugabe beschließt ein weiteres Stück von “The System Of Events”, ‘Beautiful Nightmare’ (Erinnerungen an Riverside wurden wach), den etwas über anderthalbstündigen und mit großem Applaus bedachten Auftritt der Truppe.

Den Sound der Band als druckvoll zu bezeichnen wäre eine klare Untertreibung. Der Mann am Mischpult hat auch hier ganze Arbeit geleistet. Jedes Instrument und die Singstimme von Strutz war klar und differenziert auszumachen. Die Lautstärke war angenehm laut und für diesen Saal genau richtig ausgepegelt.

Zum krönenden Abschluss betreten beide Bands des Abends noch einmal gemeinsam die Bühne und entlassen mit einer sehr fröhlichen, fast schon ausgelassenen Version des Bowie-Klassikers ‘Heroes’ die Zuhörerschaft glücklich und zufrieden in die Oberhausener Nacht…

Surftipps zu t:

Homepage
Facebook
Instagram
Twitter
Die Tour-Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen ´t´
Album Review “Solipsystemology”
Tourvorbereitungsbericht (Jan Steiger)

Surftipps zu Crystal Palace:
Homepage
Telegram
Youtube
Facebook
Soundcloud

Text und Fotos: Markus Scharpey

image_pdfArtikel als PDF herunterladenimage_printArtikel drucken
Teilen.

Über den Autor

Schappy

Echter 68´er! Passionierter Konzertgänger, nicht nur Prog... Möchtegern-Bassist

Antworten

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

´t´, Crystal Palace, 22.03.19, Oberhausen, Zentrum Altenbe…

von Schappy Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
0