Die Tour-Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen t, Teil 4

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Teil 4: Wer fährt?

T ist eine one man show, aus der live ein Quintett wird. Daraus ergibt sich die Frage, wie originalgetreu und wie frei die Musiker auf der Bühne agieren sollen. Damit daraus möglichst wenig Chaos und trial and error entsteht, erfordert die Vorbereitung ziemlich viel Akribie. Welche Breaks sind zentral und müssen reproduziert werden? Welche Soli sind für die Gitarren wie frei? Welche Sounds der Keyboards müssen genau so bleiben, weil sie den Charakter des Songs ausmachen, und welche können angepasst werden, um weniger komplexe Aufbauten und Umschaltungen zu ermöglichen – und welche müssen vielleicht sogar verändert werden, damit die Songs auf der Bühne eigenständig stehen können bzw. der veränderten Hörsituation gerecht werden können? Wo grooved der Bass wie?

Solche Fragen gilt es als der, der den Bus fährt (ja, Bands sind nur selten wirklich demokratisch, und wenn nur einer auf dem Plakat steht, nochmal weniger), im Vorfeld möglichst zu beantworten. Es mag sein, dass man nachher nochmal drüber spricht, wie gut die ursprünglichen Antworten waren, aber eine erste Probe braucht genau hierin einen Anker.

Klingt plausibel? Jo. Gucken wir aber mal ins Detail, stellen wir fest, was für ein Sack an Arbeit damit auf die eigenen Schultern kommt. Ich will es kurz machen: Damit t live funktioniert, mussten allein für diese Dimension der Zusammenarbeit folgende Dinge allen vier Musikern (also in vier Versionen!) zur Verfügung stehen:

Leadsheets und Videos


Leadsheets sind sowas wie rudimentäre Notenblätter, auf denen in Akkordsymbolen oder rhythmischer Notation und einigen Kommentaren für das jeweilige Instrument der Ablauf und der Inhalt des Stücks ablesbar wird. Das ist für Liedermacherzeugs leicht: Über „How many roads must a man…“ steht drüber: „G… C… G“. Und schon hat der Gitarrist alles, was er zum Schrammeln braucht, wenn er den Rhythmus im Ohr hat, der Sänger hat den Text, der Basser die Grundtöne. Jetzt noch ein Lagerfeuer vor die Füße und ein paar Polypen in die Nase: Konzert läuft. Alles Weitere liefert halt der Augenblick und die Interaktion mit dem Publikum.
So einfach hätte das sein können, und auch ganze Tanzmusikbands brauchen nicht mehr für einen sechsstündigen Auftritt. Hätte mir mal jemand beim dritten Akkord gesagt, dass es jetzt reicht, wäre für t vieles einfacher geblieben. Ach ja, und bei Prog steht da nicht „G, C, G“ sondern „6/8 ej79/c# (git: Dj9) – 13/8 Gj7/a“. Ein Königreich für eine Wanderklampfe.

Hintergrund-Serie auf BetreutesProggen.de: Die Tour-Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen t - wie man als Prog Act eine Tour organisiert

Das bedeutet, dass das Zeug selbst für Musiker, die nicht nur auf Feld-, Wald- und Wiesenniveau zu arbeiten durchaus gewohnt sind, nicht selbsterklärend ist. Nicht falsch verstehen: Ich sage immer wieder, dass ich echt kein guter Instrumentalist bin, oft unter Kopfnicken meiner viel musikalischeren Familie hinter meinem Rücken (ja, ich sehe das, Leute!), aber erklären muss man auch leichte Lines, damit sie gespielt werden können.

Das Mittel unserer Wahl waren Handyvideos! Geklaut habe ich diese Idee von Martin Hofmann von Echoes, mit dem ich so im Vorfeld des eclipsed-Festivals die Gitarrentöne für ‘Cinema Show’ sortieren konnte. Also bekam Jens alle Bassläufe, von denen ich dachte, dass sie bleiben müssten, mit Fingersatz zugeschickt. Dominik blickte mir von oben immer da virtuell auf die Finger, wo Noten alleine nicht mehr ausreichen, um klar zu machen, wie zur Hölle diverse Knoten in den Fingern vermieden wurden (wer will, probiere doch mal ‘The Irrelevant Lovesong’ auf dem Klavier, besonders den Mittelteil. Das geht nur, wenn man genau so mies in Fingersatz ist wie ich.) Dom ist völlig überqualifiziert, und wäre er ein Handwerker, müsste er für diesen Part wissen, dass er den Schraubenschlüssel als Hammer nutzen muss, damit er damit den Hohlraumdübel durch das Bild hindurch in die Wand schubst und dabei nur Mittelfinger und Daumen nutzen sollte.

Guide Tracks

Jans Arbeitsplatz

Wenn man weiß, was man spielen soll, muss man es trotzdem noch üben, bis man es sicher beherrscht. Dazu braucht man ein Umfeld, das dieses Üben unter möglichst authentischen Begebenheiten fördert. Für t liegen zum Beispiel Schwierigkeiten darin, die vielen Taktwechsel souverän und tight hinzukriegen. Gerade das kann man aber nur dann üben, wenn man sein Spiel genau identifizieren kann. Damit die Musiker das konnten, mussten spezielle Tracks her, die einerseits ein Metronom beinhalteten und andererseits eine Antizipation dessen, was die anderen spielen würden. So sind bei manchen Stücken etwa gewisse Gitarreneinwürfe wichtige Orientierungshilfen für den Bass – ich musste also einerseits dafür sorgen, dass Jan oder ich diese Parts auf jeden Fall pointiert ins Live-Set übertragen würden, indem ich deren Wichtigkeit auf dem Sheet des Gitarristen unterstreiche, und andererseits den Bassisten darauf hinweisen, wie er sich am besten orientiert.

All das floss dann ein ins Recording von Übe-Tracks ein: Jeder Musiker erhielt speziell für ihn produzierte Musik, auf der seine eigenen Töne fehlten; zu denen er also mitspielen konnte, ohne dass sein Spiel mit dem, was meine CD schon beinhaltete, verschwimmen würde. Diese Tracks waren zunehmend spartanischer, je länger die Zeit voranschritt, damit auf der Bühne auch bei miesem Monitoring noch Orientierung gegeben sein würde.
Tatsächlich bewährte sich dieses Vorgehen. Bei Proben konnten wir Details behandeln und das Zusammenspiel betonen, mussten aber nicht noch die Stücke selbst lernen.

Monitoring

Thomas Nußbaum und Dominik Hüttermann. Schöne Männer kann nichts entstellen, nicht mal Mickey Mouse.

Apropos Monitoring! Auf der Bühne wird mit InEar gearbeitet werden, also hat jeder Musiker einen Ohrstöpsel drin, der ihm ein etwas präziseres Bild der Musik bietet als die meisten am Boden abgelegten Brüllwürfel. Dazu wird jedes Signal von Gitarre, Drums usw. elektronisch verdoppelt und geht einerseits nach vorne, zum so genannten „Front of House“ (FOH), also dem, was das Publikum hören wird. Andererseits haben wir ein digitales Mischpult hinter der Bühne, in das das verdoppelte Signal fließt.

Aus diesem Monitor gehen nun fünf verschiedene Wege hinaus – für fünf Musiker. Jeder von uns kann sich damit via WLAN per App seinen eigenen Monitormix machen. Das eröffnet große Vorteile: Wenn früher der Gitarrist, vor seinen drei 400w-Türmen stehend, brüllte, die Gitarre sei zu leise auf dem Monitor, hatten die Sänger für das Wahrnehmen der Intonation schlechte Karten. Heute brüllt keiner mehr, er öffnet sein Smartphone und verändert selbst seinen eigenen Ohrstöpsel-Sound. Der Sänger kann sich selbst weiter hören, auf seinen Kopfhörern, und der Gitarrist kann sich selbst so laut drehen, wie Gitarristen nun mal denken, dass Gitarren sein müssten. Und dieses Mal lächeln sowohl der Toningenieur als auch der Keyboarder gutmütig, denn das hat mit Ihnen eigentlich nichts zu tun.

So ein Ohrstöpsel klingt dann oft auch nicht so, wie man es dem Hörer gern zumuten würde, sondern eben so, dass der jeweilige Instrumentalist sich gut hört. In meinem Mix z.B. sind die Gitarren und die Vocals sehr pointiert, Jan links außen, ich rechts, Stimme in der Mitte. Das Metronom überstrahlt alles, dafür sind die Drums sehr leise, damit sie die Feinheiten der Vokalarbeiten nicht übertünchen

Spoiler Alert! Erstens hört man hier ein Stück, das in der Auswahl fürs Live-Set ist. Und zweitens sagen manche, es würden Dinge entzaubert, die magisch bleiben sollten. Entscheidet selbst, ob ihr in den Maschinenraum gucken oder später vor der Bühne nur das Brummm-Brummm selbst genießen wollt.

Wenn ihr also jetzt denkt „Boah, klingt das übel“, dann ist das nicht falsch. Die Keys zum Beispiel sind ja auch ohne jeden Druck! Ja. Denn darum geht es auf dem eigenen Ohr nur am Rande: sich selbst so gut hören, dass man weiß, wie man sich in den Zusammenhang fügen kann, das ist der Sinn. Vorne klingt es ganz anders, und bei Jens zum Beispiel dürften Drums und Bass bedeutend lauter sein.
Ich könnte weiter und weiter gehen. Etwa, dass ich mit den Füßen nicht nur Gitarrensounds mit zehn Schaltern und zwei Pedalen beackere und wie Dom seine 53 verschiedenen Keyboardklänge ansteuert… wie ich über ein kleines Gerät (sprich: Jeräit) am Mikrofonständer die Echos auf Stimme über Bluetooth steuere und die ein paar Effekte der Lightshow per WLAN… ihr seht halt: Mann, ist das viel Kram.

Hier wird die Diva beim Singen live auf der Bühne schon mal vorgeschminkt. Daneben auf dem iPad die Steuerung des Monitorsounds.

Und das ist es immer. Jeder auf Tour hat immer das vorher geleistet! (Naja, so ähnlich. Nicht alle sind ganz so bekloppt perfektionistische Kontrollfreaks.) Wenn ihr also in die Halle kommt, achtet mal drauf, was da so alles im Hintergrund abgehen muss, damit es rockt, wie es rockt. Das ist bei großen Shows halt noch ein bisschen komplizierter, aber da sind es in der Regel auch mehrere Arbeitsbereiche, die interagieren. Im Prog ist da das Finanzierungsproblem eher, sagen wir, Arbeitsplatz-begrenzend.
Umso schöner, wenn ihr dann auch kommt. Macht doch mal, gern auch bei t – aber am besten überall. Würde mich freuen.

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Konzertbericht (2013)
t-Interview (2013)
t-Interview (2006)
t-Interview (2002)

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  1. Pingback: t - Solipsystemology

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Die Tour-Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen t, Teil 4

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