Die Tour-Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen t, Teil 3

Teil 3: Wer bestellt?

Empty Rooms - Leerer Bundestag, Foto Bjorn Kiezmann via Die-BPE.DE

Nicht nur im Prog ist das Empty-Room-Problem bekannt.


Foto: Bjorn Kiezmann, hier das Original

Wenn man live spielen will, hat es gewisse Vorteile, wenn dabei ein Publikum anwesend ist. Das ist beim ProgRock allerdings nicht selbstverständlich, schon gar nicht, wenn man über die philosophische Dimension, dass der musikalische Prozess aus mancher Perspektive heraus erst dann sinnhaft als solcher bezeichnet werden kann, wenn der Ton auch ein Ohr erreicht hat, hinaus auch noch Ansprüche an die Zuhörerschaft formulieren will, es möge beispielsweise über wie hier hinausgehen: …

– Hatte eigentlich irgendwas mit Metal erwartet und redet die ganze Zeit mit dem Nebenmann aus Langeweile über die neue CD von Deathfukindiedieyeahboom.
– Ist die Mutter / Freundin / Affäre des Gitarristen und erträgt die Musik aus Liebe
– Wäre gern die Freundin / Affäre des Gitarristen und dito.
– Ist an diesem Tag sowieso immer in diesem Laden und hat zu wenig Antrieb und Phantasie, um aufzustehen und dem störenden Lärm zu entgehen.

 

Hintergrund-Serie auf BetreutesProggen.de: Die Tour-Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen t - wie man als Prog Act eine Tour organisiert

  1. Prolog: Aus Eins mach Fünf und Wer zahlt?
  2. Welche Bar?
  3. Wer bestellt?
  4. Wer fährt?
  5. ggf.: Wer war schuld? (Lessons Learned)

Als Musiker hat man ja gern interessierte, bestenfalls enthusiastisch zustimmende (lat. plaudere…) Anwesende, während man mit den Kollegen in der eigenen Kultur rumfummelt. Der Prog bietet da einige Potentiale, aber auch einige Hindernisse: Einerseits sind wir super in Enthusiasmus, andererseits bedeutet dieses Wir gar nicht so viel Plural. Wer diese Dialektik illustriert haben möchte, höre mal bewusst das Ende der „Alive on Planet Earth“ von den Flower Kings. Einer unglaublich druckvollen und energetisch überbordenden Version von ‘Stardust We Are’ folgt ein ebenso energetischer Applaus – von ungefähr zehn Personen, dem Klangbild nach zu urteilen…

Ebenso sind wir gar nicht mehr so richtig jung, in der Regel. Das bedeutet, dass viele von uns das monetäre Kapital für viele Konzertbesuche zwar locker hätten, es aber eher mit dem Kuschel- und Bequemlichkeitskapital der eigenen Couch zu CD-Käufen verrechnen. Die Familie meckert weniger, jedenfalls so lange man Kopfhörer benutzt, und außerdem, was für eine Woche und so. Und seit man Kinder hat, empfindet man 11 Uhr am nächsten Tag weniger Aufstehzeit als früher Nachmittag. Der Autor kennt das, und auch die typische Ausweichbewegung: Die Realität hat, wie Fry aus Futurama formulierte, eh eine viel zu miese Auflösung, also warten auf die DVD, und dann auf die remasterte. Und dann auf die von Wilson remasterte.

t live in Lutzens "Puppenstube"

A Portrait of the Artist as a Young man (31.05.13)

Als Künstler, der 19 Jahre lang nur durch Plattenproduktionen im einsamen Keller weiter auffiel, verstand ich das Problem zwar, wenn es in zahlreichen Diskussionen auftauchte, machte mir aber keine großen Gedanken darum. Jetzt musste sich das natürlich ändern, denn als ich beim Lutz spielte, war mir das mit einem gewissen Wumms bereits auf die Füße gefallen. Ich hätte mir jetzt sagen können, dass ich ungefähr so viele Zuschauer hatte, wie die FloKi-CD klingt, also ein Top Act der Szene sei, aber selbst das wäre ja noch gelogen gewesen. Also versprach ich mir, alles zu tun, damit ich die Idee mit dem Touren danach wieder 19 Jahre in die Ecke pfeffern und verstauben lassen könnte, mit gutem Gewissen, oder dass die kleine Reihe von Konzerten ein Erfolg würde. Was auch immer das im Prog heißt…

Those were the days

Live in Lutz Diehls Eisenwerkschänke zu Schwelm (2013)

Werbung also. Ich hatte durch meine Arbeit mit Journalisten, die ich in Aussagenlogik und Dialektik unterrichtete, so dass sie Populismus erkennen und kontern können sollten, einige Kontakte geknüpft. Einer gab mir dann noch eine Liste mit Musikredaktionen, ein anderer sprach bei seinen Freunden einiger Tageszeitungen vor, wieder ein anderer kannte wen, der wen beim Radio kannte… und dann waren da noch meine eigenen alten Freunde, die es alle irgendwie weiter gebracht haben als ich, und oft sogar in den Medien. Ich dachte, ich gehe mal mit Euch durch, was die mir so geraten haben.

1) NENN’ ES NICHT PROG!
Das erste, das ich lernte, war: Voldemort heißt jetzt Prog. Der, dessen Namen man nicht nennen darf, schickt sonst sofort Dementoren zu den Gesprächspartnern, so dass diese mir gar nicht mehr weiter zuhören können. Tatsächlich hatte ich das schon erlebt. Ganz Hannover und ganz Berlin hatten erst Lust auf Konzerte, als ich meine Musik als „intelligent-melancholischen Pop für Erwachsene“ verkaufte. Das zieht sich ja auch ein bisschen durch die Szene, analog zu dem, was man von Outskirtern der Ballungsräume hört: Der Prog beginnt immer erst im nächsten Dorf.

2) CONTENT MATTERS
Tatsächlich deckt sich auch das mit dem, was ich erfahren habe. Bis in die tatsächlich Veröffentlichung schafft man es am leichtesten, wenn man es so anstellt, wie dieser Text hier gerade: Man biete (hust) interessante Narrative, durch die für das Medium der Promo-Charakter zu einem Mehrwert statt zu einer Leserbelastung wird („Diese ständige Werbung auf Betreutes Proggen wird auch immer nerviger!“). Tatsächlich wurden auch die großen, Prog-fernen Medien auf t aufmerksam, als ich begann, ihnen Geschichten und Perspektiven anzubieten. Zugesagt haben einige Redakteure, bei denen ich das nie für möglich gehalten hätte: SWR, BR, RBB, NDR… FAZ, SZ und ein guter Rutsch an regionalen Zeitungen. Ob das von der expliziten Zusage bis in den Druck geht, oder ob der Druck dann tatsächlich die erhoffte Wirkung hat? Warten wir mal ab, aber für mich war es schon krass zu erfahren, was für einen Unterschied diese Herangehensweise schon jetzt gemacht hat.

3) SCHEISSE, IST DAS VIEL ARBEIT
Darf man auf BP scheiße sagen? Eigentlich hätte ich gerne auch noch drei Ausrufezeichen hinzugefügt, aber wer Pratchett kennt, weiß, dass das zu viel Ich-Botschaft beinhaltet. Der beste Tipp war, sich für ein paar Euro einen Agenten zu besorgen. Nicht damit der das für mich macht, was man „Klinken putzen“ nennt: Das hätte ich wirtschaftlich nicht sinnvoll darstellen können. Nein, weil der mir die Klinken zeigen darf, sobald ich sein Klient bin! In der Folge erhielt ich Nummern und Email-Adressen von 437 (!) Redaktionen, die lokal oder thematisch für mich interessant sein könnten. Und, glaubt es oder nicht, ich habe sie alle angerufen bzw. werde das in zeitlich sinnvollem Vorlauf noch tun. Dringender Rat des Profis: Jede Nachricht ohne persönliche Verankerung läuft große Gefahr, instant im Papierkorb zu landen. Wer also auch nur ein bisschen schnacken kann: Here you go. Tatsächlich führten die Telefonate zu weitaus mehr Ergebnissen als die ebenfalls persönlich formulierten E-Mails. Nennt mich altmodisch, aber ich finde das irgendwie beruhigend. Ob sich das lohnt? Siehe oben. Keine Ahnung, reden wir nachher drüber. Aber so würde das wohl ein Profi machen, wenn sicher auch noch deutlich besser in der Ausführung als ich als Anfänger.

4) MACH ES RICHTIG ODER GAR NICHT
Hemdsärmelig funktioniert nur bei Sssseitenbaaaaachchcher. Im Regelfall wirkt nur attraktiv, was, naja, auch attraktiv wirkt. Toll fand ich die Idee, den Pressetexten ein kleines Gimmick beizulegen, das das Wegwerfen nochmal mit einer Hürde versieht. Für t gibt es kaum Budget, also verstieg ich mich zu einem 200er-Satz Gitarrenplektren. Die passen ohne Aufwand und Aufpreis in jeden Brief, und außerdem wollte ich die schon immer haben. Für die gesamte Tour entschied ich mich für das Cover von Epistrophobia als „Icon“, so auch hier. Kostet für 200 Stück inklusive Griffnoppen 70 Euro. Verblüffend, dass man nicht selbst auf sowas kommt!
Mein Agent korrigierte übrigens unter dem selben Motto meinen Pressetext. Wo ich mir schon selbst peinlich war, legte er noch einen drauf. Details erspare ich euch mit roten Ohren, es mag genügen zu erfahren, dass ich bei Verweisen auf die Frauentauglichkeit (sic!) von Musik und Künstler beschämt und empört die Grenze zog. Ich bin nicht so ein Mädchen, und auch nicht mehr jung und so weiter.

plekTrum :)

Na gut, ein paar Stilblüten: Aus „Night of the Prog“ wurde „das seit Jahren legendäre Festival auf der Loreley“ (Hey, Win! Die Rechnung hierfür ist in der Post!), und aus Crystal Palaces Platz 17 in den AOR-Charts für das letzte Album wurde „internationaler Top20-Act“. Ja, das ist dick Nutella drauf, ich weiß. Aber erstens hat es erstaunlich gut funktioniert (lasst euch mal überraschen! Ich glaube manches erst, wenn es tatsächlich passiert ist.) und zweitens macht dick Nutella einfach riesigen Spaß. Ich meine, ich hatte schließlich 19 Jahre nur Salat.

Die Pointe: Das wurde dann ein bisschen ein Selbstläufer! Stolz verwies der Profi nach zwei Wochen auf einen Artikel, der das, quasi vorausdeutend und meine Inkompetenz überschreibend, bereits getan hatte, was zu erarbeiten er mir aufgetragen hatte: Da stand „t live – een sensatie van der bovensten Plank“ – und das 14 Tage, bevor wir zum ersten Mal mit der gesamten Live-Band auch nur geprobt hatten. Der Musiker in mir hätte angesichts des Schwierigkeitsgrades des Materials (ich hab den Kram in ca 47.636 Versuchen im Studio hingekriegt, aber schaffen wir das im First Take auch?) eine „middelste Plank“ auch schon genommen.

BetreutesProggen.de präsentiert:
BetreutesProggen.de präsentiert: t & Crystal Palace (Double Headliner)
Ich muss noch so viel lernen, damit sich ein möglichst über die (hoch geschätzten!) üblichen Verdächtigen hinaus auch noch ein paar „neue“ Leute finden, die auf „Wer bestellt?“ mit einem kräftigen „Hier!“ antworten. Und vielleicht hat der Prog insgesamt auch noch ein paar ungenutzte Möglichkeiten rumliegen? (Anmerkung der Schlussredaktion: sich ein oder mehrere gut eingeführte Medien zu suchen, die bereit sind, die Tour zu “präsentieren”, ist auch keine schlechte Idee. Wie Du es ja auch gemacht hast, d. Schlussred.) Oder ist es Verrat, dem Prog zumindest für die Medien zu entsagen? Make prog great again – oder ist das einfach dated, eine historisierende Bezeichnung für etwas, das eh vorbei ist – oder heiligt der Zweck einen Etikettenschwindel?

Ich persönlich hatte kein Problem, auf den Vorschlag des Profis („intelligent-melancholischer Pop für Erwachsene“) einzugehen. Schließlich warte ich seit Jahren drauf, dass man mich aus dem Prog wirft, weil schließlich doch irgendwer gemerkt hat, dass ich einfach Pop schreibe und mich dabei in den Strukturen verlaufe. Aber wie seht ihr das? Wäre auf Kommentare durchaus gespannt.

Live-Fotos: Lutz Diehl, Progrockfoto.de