Audiac – So Waltz

(47:15, CD, Klangbad, 2017)
So stolpert man ganz unverhofft durch die eigene Vergangenheit: Mehr als 23 (!) Years Later lauscht man auf einmal Musikern, für die man zusammen mit anderen Verrückten im Jahre 1995 ein Konzert unter dem hochtrabenden Namen “2. Stuttgarter Prog Event” mit ausschließlich deutschen Bands veranstaltete.

Zusammen mit Violet District (der Vorgängerband von RPWL) und Tin Drum (keinesfalls zu verwechseln mit der Formation um David Bowie), traten damals The Perotic Theatre in der legendären Röhre auf. Ein musikalisch sehr interessanter, stilistisch vielschichtiger Abend, selbst wenn gehörig Wehmut bliebt, da die Röhre 2012 leider aufgrund des Projekts Stuttgart 21 geschlossen werden musste – wohl endgültig.

Zwei der Musiker von The Perotic Theatre, namentlich Alexander Wiemer van Veen und Niklas David, gründeten ein paar Jahre später die Formation Audiac, veröffentlichten unter diesem Namen im Jahre 2003 das Debüt “Thank You For Not Discussing The Outside World“. Dem folgt lächerliche 14 Jahre später das hier mit etwas Verspätung vorgestellte “So Waltz”. Dies nahm man im Studio der Krautrock Pioniere Faust auf, fand in dessen Gründungsmitglied Hans-Joachim Irmler wie schon beim Debüt den passenden Produzenten und folgerichtig erscheinen die Album auf deren Label Klangbad.

Im Internet wird dieses Album u.a. als Dance & Electronic kategorisiert, was jedoch sehr gewagt bis komplett irreführend ist. Sicherlich ist es einfacher und durchaus nachvollziehbarer, griffige Umschreibungen zu wählen, als die Leute mit Worten wie Avantgarde, Experimentalmusik oder Kunst Pop zu erschrecken. Das komplexe musikalische Innenleben von Audiac ist von zerbrechlichen, intimen, sparsamen Arrangements geprägt, die meist nur mit kargen Tasten und distanzierter Stimme auskommen. Selbst wenn hier künstlerische Anspruch eindeutig vor Kommerzialität steht, beeindruckt die Intensität und das Gespür für fesselnde Ausdrucksformen, sowie ergreifende Melodien.

So werden bei ‘Gospels Unreal’ Mellotron-Kaskaden als Gestaltungsform gewählt, wandelt ‘Not Bound To Anything” im ätherischen Pop, irgendwo zwischen Trip Hop Ansätzen und feinfühliger Electronic. Gelegentlich verfremdeter Gesang, gut gewählte Samples / Soundscapes und bisweilen recht kaputte Sounds sorgen an anderer Stelle für ein Aufhorchen. Genauso überzeugen die sparsam eingesetzten analogen Keyboardklänge und die zuweilen cineastische, minimalistische Atmosphäre. Dies ist anspruchsvolle, schwermütige Musik zur blauen Stunde nach einer unheilvollen Nacht. Doch selbst wenn Audiac ihre eigenen Konventionen wählen, so hat “So Waltz” eben jenen Suchfaktor, der ein erneutes Anhören unabdingbar macht.

Das Album ist in unterschiedlichen Formaten (CD, Vinyl, Digital) erhältlich. Der Aufbruch ins Ungewisse benötigt Zeit zum Reifen. Gut investierte Zeit.
Bewertung: 11/15 Punkten (KR 11, KS 11)

Audiac (Foto: Künstler)

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