Die Tour-Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen t, Teil 2

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Update: Der VVK hat begonnen!

Wie man als Prog Act eine Tour organisiert

Welche Bar?

t64: “Typische Bühne im Saallicht” width=

Die Frage nach der richtigen Location ist fundamental. Man stelle sich „How I met your mother“ ohne das McLaren’s vor. Oder New Wave ohne Manchester. Oder Woody Allen ohne New York. Ginge vielleicht, wäre aber nicht dasselbe geworden.

Bei uns ist das ein bisschen anders. Im Kapitel Wer zahlt? hatte ich es bereits angesprochen: Bars und Clubs gibt es auch für auftrittswillige Mucker nicht umsonst. Wenn man hingeht oder anruft, ist folgender Dialog eher die Ausnahme:

Bandabgesandter: „Hey, wir sind eine Band! Wir peppen deinen Laden auf!“
Wirt: „Mensch, ich habe so lange auf euch gewartet, und heute ist endlich der Tag, an dem ihr Euch meldet! Sucht euch unbedingt einen Tag aus: Wie wäre Samstag?“
Band: „Das passt uns super, denn wir sind Progger, und unter der Woche passt es für unser Publikum oft nicht so.“
Wirt: „Wieso nicht?“
Band: „Weil das keine Kundschaft vor Ort ist, sondern nur einzelne Personen, meist männlich und mittleren bis späten Alters, die 100km plus anreisen. Deswegen trinken die auch eher wenig.“
Wirt: „Ah, dann kommen die also nicht wieder, sofern ihr nicht spielt? Super, dann spielt doch öfter bei mir! Und samstags läuft eh kaum ein Geschäft in Kneipen, schon gar nicht mit Getränken. Ich garantiere euch die Übernahme der Kosten und eine Gage. Sind 4 Sterne ok fürs Hotel?“

Viel häufiger läuft das so:

Band: „Hallo! Wir sind WEDER GEMA-Schnüffler noch das Ordnungsamt oder die Steuerfahndung. Das ist die gute Nachricht!“
Wirt: „Oh, scheiße. Eine Band. Ihr wollt hier spielen? Ich hab da hinten eine Bühne, 4qm, Starkstrom liegt in der Garage um die Ecke, Mischpult ist auch da (4 Kanäle), die rechte Box hat einen Wackelkontakt, funktioniert aber oft noch. Saalmiete 400€ garantiert, ich kriege die Getränkeeinnahmen, ihr garantiert mir Mindestumsatz von 300€, Eintritt 50:50.“
Band: „Ja, aber… wir müssen doch anreisen, übernachten, essen, Technik besorgen..?“
Thekensitzer: „Sucht euch halt einen Job, ihr Zecken! Scheiß Punks! Junge Männer, lange Haare, Stromgitarre. Früher hätte man euch [insert abartige Kulturdeterminismusmaßnahme eurer Wahl].“

Dabei kann ich zumindest den obenstehenden Wirt meist richtig gut verstehen. Wer zur besten Verdienstzeit seinen Broterwerb riskiert, muss schon – sagen wir – „besonders“ drauf sein. Wir hatten die fließende Grenze zwischen Enthusiasmus und Dämlichkeit ja schon auf der anderen Seite; bei Veranstaltern ist das nicht anders, sofern sie nicht die dicken Fische an Land ziehen. Und, naja, selbst dann kommen dann Rechnungen auf den Tisch, bei denen einem die Augen wehtun – gerade in Deutschland ist die Steuer übrigens auch ein erheblicher Faktor! Nicht selten z.B. kommt es deshalb bei der Verpflichtung von Acts von der Insel zu sogenannten „englischen Kosten“, über die man am besten nicht allzu viel spricht…

Natürlich sieht die Sache aus Musikersicht manchmal schon krass aus: Veranstalter, auch großer Events, kommen manchmal mit Konditionen um die Ecke, bei denen man schon arg schlucken muss und überlegt, ob der am Telefon wirklich verstanden hat, dass man *Die Band* ist – vor allem wenn man, wie ich früher mal, auch als Top40-Coverband-Callboy (ein t für gewisse Stunden!!! Die Schlussredaktion) sein Geld auf Dorffesten verdient hat – und bei viel weniger Aufwand übrigens gar nicht mal wenig (Gilt das eigentlich jetzt als Outing?) (Freilich, nur weiter so, die Schlussred.).

Also: Keine Gage, keine Fahrtkosten, keine Unterkunft, und Merch nur über den Veranstalter? Nicht komplett ungewöhnlich. Ich will hier aber – ganz ehrlich – auf niemanden schimpfen, im Gegenteil: Es ist ganz und gar nicht selbstverständlich, dass es all diese Möglichkeiten überhaupt gibt, Minderheitenmusik zu machen! Und irgendwem im Prog zu unterstellen, er wolle durch Ausbeutung reich werden? Im Prog? Ehrlich? Wo man die krudesten Ideen und schlimmsten Gags fahren muss, um überhaupt Einnahmen zu generieren? ( Your cup of t?)

Nein, es gibt gute Gründe dafür, dass die Bedingungen sind, wie sie sind: Ein Gig fällt ja auch für Veranstalter nicht vom Himmel! Aber das sind am Ende des Tages die Begebenheiten, in die man als Live-Act reingeworfen wird. Und mit denen muss man, ebenso wie der Veranstalter mit seinen, nun klarkommen: Will ich Prinzipien treu bleiben und diesen „Ihr spielt für lau!“-Gedanken nicht bestätigen? Klar, geht. Aber dann spielen halt andere. Und selbst wenn man Solidarität unter den Bands hinbekäme: Wäre denn der Veranstalter etwa ein willkürlicher, erpresserischer Feind, gegen den wir uns wehren müssten? Der ist in aller Regel nur so ein armer Prog-Idealist, der aus ähnlichen Gründen wie der Musiker nicht anders kann, als ausgerechnet in diesem verknitterten Genre mit Musik zu hantieren.

»ich selbst wäre zu diesem Risiko bei diesem Aufwand sicher nicht bereit«

Man arrangiert sich also. Vor allem mit dem Gedanken, dass Gagen vor allem anderen Leuten passieren. Und das ist, wenn man erst einmal aufgehört hat, überall den Skandal der scheinbaren Geringschätzung geistiger und kultureller Arbeit zu wittern, auch nicht ganz so schlimm, wenn man ein bisschen in die Materie eintaucht: Bei der Recherche (jaja!) für diesen Teil des Blogs hatte ich Gelegenheit, mit einigen Veranstaltern zu sprechen und ein paar Zahlen auf Rechnungen usw. zu sehen. Alter! Das erweitert die Perspektive gewaltig – ich selbst wäre zu diesem Risiko bei diesem Aufwand sicher nicht bereit.

Bei Alben ist es übrigens ähnlich: Es scheint meinen Freunden z.B. oft nicht plausibel, dass z.B. immer wieder vom Label selbst ausgelobt wird, wie (Zitat-Anfang) „saugut“ (Zitat-Ende) sich die t-Alben verkaufen, und mir andererseits die Yacht und der italienische Sportwagen vorm Haus, vermeintlich ja dann obligatorisch, immer noch fehlen. Die Bezeichnung „Prog-Ikone“ t (so auf dem Gear-Mag Amazona letztens zu lesen, übrigens unter lautem Gelächter meiner Familie) ist halt ungefähr äquivalent zu „Polit-Prominenz von Schafsdorf-Nord“.

Es macht diese merkwürdige Diskrepanz dann irgendwie beruhigend, dass es der Garage meines Labelbosses ähnlich durchwachsen geht wie meiner. Und dass die Veranstalter auch nicht aus der Karibik mit mir telefonieren. Wir werden also live spielen, auch wenn wir in Vorleistung gehen, selbst PA und Saal mieten oder ohne Gage auskommen müssen. Warum? Ist doch klar: Die Alternative wäre, nicht zu spielen. Noch Fragen?

Ein t-Shirt. Der Künstler ist stolz, den Witz auf dem Shirt selbst vermieden zu haben.

Und weil ich weiß, dass ihr, werte Leser und Hörer mit den Einhörnern oder den verschwurbelten Band-Schriftzügen auf dem XXL-TShirt das kruderweise einleuchtend findet, mag ich den Prog ja so. Die Szene scheint oft schillernd (lies: narzisstisch) oder idiosynkratisch (lies: bekloppt) daher zu kommen, und BHs fliegen – mangels weiblichen Publikums – auch nur beklagenswert vereinzelt auf die Bühne. Unser größter Progpopstar trägt zwar barfußlaufend Brille und singt mit dem Temperament eines verwirrten Vulkaniers (meinst Du grad wirklich den, von dem ich glaube, dass Du ihn meinst? Die Schlussred.), und er schreibt selbst als intendierten Chart-Hit noch musikalische Manierismen im Geiste eines schon verwesten 19th-century-Gothic-Schriftstellers, der den Termin mit seinem Chiropraktiker verpennt hat…

Aber.

Im Prog ist der Unterschied zwischen „viel Geld verdienen“ und „wenig Geld verdienen“ in Dönern ausdrückbar, ohne dass Superkräfte in Arithmetik nötig wären. Daher sind Verträge in diesem Genre zwar da, aber irgendwie eher im Hintergrund, ungefähr wie die Atemluft, Gravitation und die Verfassung: Es wäre ja doof, in einem so kleinen Kreis dagegen zu verstoßen – das spricht sich sofort rum. Ganz ehrlich? Ich weiß nicht mehr so genau, was da eigentlich drinsteht, und ich würde wetten, den mitlesenden Musikern geht das so ähnlich. Da mein Label zudem eh nur abrechnet, wenn mir einfällt, dass es Verkäufe gibt (das wäre dann so ca. 1x im Jahr, aber dann muss ich auch noch die Hürde nehmen, es so lange im Kopf zu behalten, bis ich ihn am Telefon habe), funktioniert das „Finanzmikrosystem Prog“ ungefähr so, wie Terry Pratchett es für die Scheibenwelt geschrieben hätte: It s probably quantum. Wir haben also ein Genre, das sich eigentlich ökonomisch nicht lohnt, nicht mal durch Kriminalität.

Wie kommen wir, Veranstalter, Musiker, Musikliebhaber, also weiterhin zurecht? Nur, indem wir alle öfter vom Sofa aufstehen und unsere Musik nicht zerspotifyen (Don’t ask!) lassen. Ich z.B. bin aufgrund der anstehenden Tour ganz offen enthusiastisch – wie ein vorpubertärer Teenie. Als klar war, dass ich in Aschaffenburg mit Mike Holmes spielen würde, bin ich – literally! – kreischend durchs Wohnzimmer gehüpft, und zwar so, dass sogar meine Achtjährige das uncool fand. Wir könnten also in unserem Tun selbst das finden, was wir fürs Portemonnaie nicht kriegen werden.

Die Frage nach der Bar müsste daher nämlich anders beantwortet werden, als ich das bisher versucht habe: Welche Bar? Die, in die viele von euch gern und unkompliziert kommen können. Da will ich spielen.

Und dann will ich Enthusiasmus und volle Möhre von allem. Und natürlich… sagen wir so… Für den t-Gig in Oberhausen am 22.03. habe ich von drei Freundinnen feste Zusagen, was das BH-Werfen angeht. Bitte beginnt schon mal mit der Legendenbildung! Prog-Ikone und so.
Der VVK hat begonnen!

The DOM(e) - Dominik Hüttermann

Hier das Rind (Rüsselsheim). Im Vordergrund Dominik Hüttermann, Tourkeyboarder und Nervenzusammenbruchsverhinderer bei t


Hintergrund auf BetreutesProggen.de: Die Tour-Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen t – wie man als Prog Act eine Tour organisiert

  1. Prolog: Aus Eins mach Fünf und Wer zahlt?
  2. Welche Bar?
  3. Wer bestellt?
  4. Wer fährt?
  5. Wer war schuld? (Lessons Learned)

Abbildungen: Lutz Diehl, Progrockfoto.de, t

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1 Kommentar

  1. Ein wunderbarer Artikel! Wir freuen uns schon auf die nächsten Folgen. Traurig, dass “Ich werde Rockstar” nicht mehr in’s Repetoire der Jugendlichenträume gehört & noch trauriger, dass selbst etablierte Musiker immer nur draufzahlen… Leider hört man selbst vom geneigten Publikum immer wieder “Ja wann macht ihr denn endlich ein Album?”, wenn man gerade im DIY-Verfahren einen neuen Einzeltrack aufgenommen und sich irgendwie das Geld für professionelles Mix & Mastering aus den Rippen geschnitten hat. Über Proben und Equipment wurde ja bereits geschrieben. Wir wünschen euch tausende von Zuhörern & erfolgreiche Gigs.

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Die Tour-Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen t, Teil 2

von t Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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