Die Tour-Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen t, Teil 1

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Wie man als Prog Act eine Tour organisiert

Thomas Thielen alias "t"t, eigentlich Thomas Thielen, ist im Progressive Rock nicht mehr ganz unbekannt, obwohl er 18 Jahre lang eigentlich nur im Keller gesessen hat. Seit seinem ersten Album (Naive, 2000) hat er unablässig behauptet, es sei ihm unmöglich seine Musik live darzubieten, ohne sich nervlich und finanziell völlig zu ruinieren. Jetzt geht er doch auf Tour – und überlegt, ob er vielleicht doch 18 Jahre lang recht gehabt haben könnte. Betreutes Proggen konnte ihn überreden, dies öffentlich zu tun.

Prolog: Aus Eins mach Fünf

Es begann eigentlich ganz harmlos. Yenz Strutz von Crystal Palace rief an. Ob ich nicht Lust hätte, sie bei ein oder zwei Auftritten am Klavier zu unterstützen. Nichts Wildes. Ein paar Stücke. Er wisse ja, dass ich viel zu tun habe. Natürlich sagte ich zu. Ein paar Auftritte? Tolle Abwechslung. Ich hatte gerade beim eclipsed-Festival in Aschaffenburg den Stage Manager, Konzertkoordinator, Song-Planer, Bandleader, Anreisebucher und – leider dann nur noch nebenbei – auch noch “Allstar” und Sänger gegeben. Das Resultat war vorhersehbar: Gestresst, völlig übermüdet, mit zerlegter Stimme und krampfigen Händen ergab sich eine grandiose Party – und, naja, irgendwie war da auch noch Musik. Ich sang und spielte nicht schlecht, und ich hatte großen Spaß. Aber musikalisch war das halt nicht Champions League, sondern eher ein Auswärtsspiel in der 1. Runde des DFB-Pokals mit einer neu zusammenstellten Mannschaft. Unbefriedigend, auch wenn wir mit einem 1:0 weiterkamen.

»Man bleibe einfach mal 18 Jahre lang dabei, dass man nicht live spielen könne – und schon hat man Nachfrage kreiert«

Aber das hier… ha! Das würde anders laufen. Klavier, Stimme – kein Problem. Soundcheck? Passiert anderen. Probentermine? Kein Problem. Volle Kontrolle, volle Konzentration auf das Wesentliche, kein improvisiert auf charmant eingefärbtes Not-Röcheln am Abend. Nur Musik eben: 2 hands, 1 voice, 0 samples. Und vorher ein enigmatischer Künstler mit Tee am Fenster im Backstagebereich. Zu pubertär als Pose? Mir doch egal! Und dann erwähnte ich nur mal so nebenbei, dass die neueste Technik t auch als Band mal live produzierbar machen würde. Böser Fehler! Auf einmal waren Locations gebucht und Events in Reichweite und Festivals fragten an – und was es sonst so gibt, das meiste davon mit vielen Anglizismen drin. Verdammt, ich hatte das nur mal so gesagt, und da waren eigentlich gerade mal fünf Leute dabei. Merke: Man bleibe einfach mal 18 Jahre lang dabei, dass man nicht live spielen könne – und schon hat man Nachfrage kreiert. Das Problem ist nur: Man hat einfach keine Ahnung mehr, wie das geht.

Dieser Blog wird aus meiner subjektiven Sicht in loser Folge den erforderlichen Weg nachzeichnen, um eine kleine Tour zu spielen. Am besten so, dass der Auftritt einigermaßen funktioniert. Also vom Vorsatz bis zum Augenblick des ersten Tons auf der Bühne: wie kriege ich eigentlich eine Band zusammen (falls nicht bereits vorhanden)? Welche Technik braucht man so? Wie vermarkte ich den Auftritt? Was ist mit Verträgen? Wer bucht welche Unterkunft und welchen Transport? Wie bereitet man Proben vor und wie laufen die ab? Und natürlich, für Kant-Kenner, die vier Fragen der Livemusikphilosophie: Welche Bar? Wer bestellt? Wer fährt? Und, besonders übel: Wer zahlt?

t ist seit ungefähr einem Jahrtausend ein reines Ego-Shooting. Also mussten andere Köpfe und Hände her, die möglichst schnell den kruden Kram, den ich im Tonstudio zusammenstöpseln konnte, live reproduzieren könnten. Das klingt fluffiger als es ist: Denn t-Zeug ist in manchen Passagen nicht so einfach, wechseln sich krumme Takte doch mit anderen krummen Takten ab und merkwürdige Riffs mit langen, sparsamen Noten. Ich brauchte also Musiker, die gleichermaßen technisch brilliant sind und andererseits viel Gefühl in ihr Spiel legen können. Das ist alles leichter gesagt als getan: Ich selbst hatte im Tonstudio ja immer 100 und mehr Takes zur Verfügung, bis eine Stelle richtig saß. Live hat man nur einen.

»Wir dürfen nicht in die “Dream Theater”-Falle tappen!«

Die Drei von der t-Stelle: Tom, Dom, Tom

Ich will hier nicht mit Besetzungswehen nerven, nur so viel vielleicht: Dominik Hüttermann an den Keys war gesetzt, weil er sowas ist wie mein Co-Produzent seit 20 Jahren. „Dom, ist das gut so?“ begleitet jedes Stück t (manchmal: immer und immer wieder, wie Dom wohl hinzuseufzen dürfte). Jan Steiger ergab sich als Co-Gitarrist logisch, weil ich wusste, dass er das Feeling mitbrachte und die Technik aus dem Ärmel schütteln würde. Überhaupt: Das Feeling. Thomas Nussbaum (dr) brachte es bei der ersten Probe mit ihm auf den Punkt: „Wir dürfen nicht in die “Dream Theater”-Falle tappen!“ Mal abgesehen davon, dass ich ab da wusste, wer trommeln sollte, ist das ein weiser Satz: Live würde es wichtig sein, der Musik zu vertrauen und nicht der eigenen Spieltechnik. Robert Smith hatte der Legende nach Matthieu Hartley gefeuert, weil der damalige Cure-Keyboarder sich live einfach nicht auf die zwei Töne beschränken konnte, die er zu spielen hatte. Wer Bootlegs aus dieser Zeit kennt, weiß: Gerade im Raum zwischen diesen beiden Tönen, der nicht mit acht bis zehn Dreiklängen von ebenso vielen Instrumenten gefüllt ist, atmen die frühen The Cure. Bei den leiseren Momenten meiner Musik ist das nicht anders: Diese Disziplin auch vor Publikum zu halten, das würde eine gewisse Herausforderung werden – jeder Musiker würde hinter der Musik zurücktreten wollen müssen (sic!), sich vor ihr verbeugen und sie höflich und zurückhaltend begleiten, um dann dort, wo sein Platz ist, eben die Töne zu spielen, die sie, die Musik, ihm zuteilen würde. Das mag arg ätherisch klingen: Aber wer mal bewusst zugehört hat, was gute Live-Alben auszeichnet, wird dieses Prinzip überall wiedererkennen. Ein Piano-Solo? Dann tupft der Bassist nur und legt gefälligst nicht zu viel schon vorab fest. Der Sänger singt über innere Leere? Yngwie, geh mal Kaffee holen (Anm. d. Schlussred.: t, warste wirklich mal auf ‘nem Malmsteen-Gig?)!

Am Bass war Yenz Strutz von Crystal Palace Feuer und Flamme und wollte unbedingt teilnehmen – und ich war Feuer und Flamme, dass er Feuer und Flamme war. Perfect match, denn der Kerl kann auch noch richtig gut spielen… Also: Die Band war damit komplett. Und ich glücklich. Jetzt konnte es also losgehen! Von wegen: Es konnte leider erst losgehen mit dem Planen des Losgehens.

Teil 1: Wer zahlt?

Ich. So einfach ist das bei einem Soloprojekt, wenn man Musiker anheuert.

Nicht so einfach ist der Überblick, WAS man eigentlich alles wird zahlen müssen. Da gibt es Fahrten zu Proben (bei uns: pro Musiker ca. 500km Wegstrecke, also pro Probe ca. 4 x 500 x 0,30ct = 600€), die irgendwie bewältigt werden müssen. Wenn das so weit ist, muss man auch übernachten können (4 Personen, 1 Nacht, B&B, ca. 120€). Es gibt Mieten für Proberäume (20€ /Tag). Es gibt Frühstück (x5, 20€ bei Edeka), Mittagessen (x5, 40€ im Schnellimbiss), Abendessen (x5, dito). Es gibt Getränkekisten.

Technik, die begeistert: Von der Gitarre geht ein Kabel in einen kleinen Sender, der via WLAN ohne nennenswerte Verzögerung in einen Empfänger im “Rack” funkt. von dort geht der Gitarrenton digital weiter in einen Gitarrenamp? Nein: In eine digitale Simulation aller möglichen Gitarrenamps: Der Gitarrist kann für jeden Sound jeden beliebigen Amp mit jedem beliebigen Effektpedalarsenal und jeder beliebigen Lautsprecherbox kombinieren. Danach kommt der Ton in Stereo in einen Splitter: Der verdoppelt das Signal und schickt es einmal in die In-Ear-Monitore (aka “Kopfhörer”) des Gitarristen, und zwar via, genau, Funkanlage und Sender, WLAN und so.

Es gibt das Problem des Equipments. In einem späteren Teil will ich die Wonnen
der Technikplanung genauer beleuchten, aber auch das muss ja erst a) vorhanden sein, b) funktionieren und c) am richtigen Ort zur Verfügung stehen. Dazu kommen Anpassungen aneinander: Wer zahlt, z.B., das In-Ear-System (298€) für den einen, der noch keins hat, wenn sich die Band qua 4 von 5 für dieses System entschieden hat, das für die Bühnenbeschallung nicht mehr auf Monitore zu den Füßen der Musiker, sondern auf Kopfhörer in den Ohren setzt? Wie ist das eigentlich mit den notwendigen Digitalkabeln vom Audiointerface des Rechners des Keyboarders zum Preamp des Keyboard-Mischpults (188€)? Ach so, und natürlich muss auch ein Splitter (159€) her, der das Signal verdoppelt: zum Behringer X32 (699€) für den Bühnensoundmix und zum „FOH“ (Front of House), also zum Mischpult der Halle für den Sound des Publikums (schon da, 0€. Puh.) Ach so: Verbindungskabel! (59€ x 16).

Das zweite Signal geht weiter in eine Stagebox (wie pictura zeiget), wo es wiederum verdoppelt wird. Einmal wird es in das Monitormischpult geleitet (also: Das, was die Musiker voneinander auf der Bühne hören), einmal nach vorne in das große Mischpult für den Saal. Im Monitormischpult werden so alle Tonsignale von Gitarren, Stimmen usw. zusammengemischt und wieder, über ein Rückweg-Kabel, zu jedem einzelnen Musiker geschickt. So einfach? Nein. Denn jeder einzelne Musiker kann sich über sein Smartphone selbst einen Mix zusammenstellen: Wie laut will ich mich selbst im Vergleich zu allen anderen hören? Nervt mich der Bassist? Raus mit ihm! Singt der zweite Sänger schief? Weg! All das kommt dann im Kopfhörer jedes einzelnen Musikers wieder an. Hoffentlich.

An der Stelle möchte ich einfach nur hoffen, dass meine Frau nicht mitliest. Hat jemand mitgerechnet? Ich nicht. Und bitte sagt mir auch nicht, was rauskommt, sonst überlege ich s mir vielleicht nochmal. Zudem fehlen auch noch die Updates an meinem persönlichen Setup: Da ich meine Studiosounds gern mitnehmen möchte, brauche ich ein neues, leistungsstarkes Laptop (refurbished: 600€) und einen Fußschalter (150€) und ein mobiles Audiointerface mit geringer Latenz (eBay hilft: 90€). Wenn der geneigte Leser jetzt denkt „Hobbies kosten nun mal Geld!“, dann kann ich nur zustimmen. Ich will auch gar nicht jammern! Keiner zwingt mich zu irgendwas – und „Epistrophobia“ und „Fragmentropy“ haben sich viel besser verkauft, als ich je erwartet hätte. Das Budget kann man also schon irgendwie aus den Zähnen knirschen. Aber wenn man mal drüber nachdenkt, dass es – anders als bei mir – ja auch Musiker gibt, die hiervon leben wollen, dann versteht man vielleicht ein bisschen besser, wie groß die Misere darin ist, dass Prog-Konzerte so selten Hallen füllen. Und noch besser den Enthusiasmus, der dahinterstehen muss, wenn man sie organisiert, obwohl man weiß, dass der Gewinn nicht der Rede wert sein dürfte. Augen auf bei der Berufswahl? Vielleicht – aber froh sind wir dann ja doch, dass es neben all den Ameisen auch einige Grillen gibt.

Fish hat vor kurzem in einem Post, der für viel Aufsehen sorgte, zu dieser Mini-Rechnung eines kleinen Acts wie t mal hinzugefügt, was passiert, wenn man selbst Veranstalter ist: Man muss dem Vermieter der Halle einen Mindesumsatz garantieren, und wenn der nicht erreicht wird, zahlt man halt drauf. Und auch der Nightliner zahlt sich nicht von selbst, und das dafür, dass man wochenlang im Bus leben und schlafen darf? Hat das jemand schon mal probiert? Zu mehreren? Ich kann es nicht empfehlen. Mir ist auch völlig schleierhaft, wie es lange Touren geben kann, die ohne mannigfaltige Anzeigen wegen körperlicher Gewaltanwendung auskommen.

Ich sagte es schon: Ich hoffe, nein, ich bete, dass meine Frau nicht mitliest. Man schlägt sich ganze Wochenenden auf der A1bis7 rum, verpulvert einen Haufen Geld, setzt tagein tagaus Energie und Aufmerksamkeit in die Planung – und all das, damit am Ende hoffentlich der Verlust in Grenzen bleibt? Die Grenze zwischen Enthusiasmus und Dämlichkeit ist bei uns Musikern sicher fließend. Immerhin verstehe ich die fundamentale Kritik meiner Frau an „dieser Live-Schnapsidee“ jetzt, da ich dies mal formuliert habe, deutlich besser.
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Unterm Strich ergibt sich dadurch nur eins: Geht zu Konzerten, wenn ihr die Musik mögt! Ihr könntet direkt mit diesen Live-Terminen anfangen!

Anm. d. Schlussred.: Schalten Sie gerne wieder ein, wenn es beim nächsten Mal heißt: 2. “Welche Bar?”

 

Hintergrund-Serie auf BetreutesProggen.de: Die Tour-Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen t - wie man als Prog Act eine Tour organisiert
  1. Prolog: Aus Eins mach Fünf und Wer zahlt?
  2. Welche Bar?
  3. Wer bestellt?
  4. Wer fährt?
  5. ggf.: Wer war schuld? (Lessons Learned)
 

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