the_maximalist (Art Against Agony) über The Forgotten Story, Tourpläne und diesen gewissen „Twang“

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Art Against Agony

Anlässlich der Veröffentlichung ihrer neuen EP „The Forgotten Story“ hatten wir das Vergnügen, uns mit dem neuen Bandmitglied des in Stuttgart beheimateten „internationalen Kunstkollektivs“ Art Against Agony zu unterhalten.

Zur englischsprachigen Originalversion des Interviews bei den Kollegen von the Prog Space geht’s hier!

Hallo, bitte stelle dich und deine Rolle in Art Against Agony doch einmal kurz vor.

the_maximalist

the_maximalist

Mein Charakter in Art Against Agony heißt the_maximalist, das ist tatsächlich ein Wort, nicht ausgedacht. Es gibt so etwas das Maximalismus heißt, es ist das genaue Gegenteil von Minimalismus. Maximalismus ist wirklich ein musikalischer Begriff. Es beschreibt mehr oder weniger, was man in Jazz und Prog so macht. Es bedeutet das, was getan werden kann innerhalb einem bestimmten Zeitfenster oder auch einer bestimmten Reihe von Akkord-Progressionen, zu maximieren. the_maximalist wird die Mridangam spielen (ein indisches Perkussionsinstrument/Red.).

Niemals in der Geschichte von Art Against Agony wird man meinen richtigen Namen hören, es wird immer the_maximalist sein. Das heißt, meine Identität wird geheim bleiben. Manche werden es sicher erraten können, aber die Identität wird nicht als solche bekannt gemacht, was sowieso ein Teil der Art Against Agony Philosophie ist. Es ist einer der Gründe warum wir mit Masken spielen. Ehrlich gesagt ist es der zweite Grund, warum wir in Art Against Agony Masken tragen. Der erste Grund ist, dass wir wirklich sehr hässlich aussehen und es einfach sehr viel besser aussieht, wenn wir Masken aufhaben. Das ist der eigentlich erste Grund und der zweite Grund ist der Aspekt, die Identität des Musikers von der Musik selbst loszulösen. Es dem Publikum zu erlauben, die Musik zu erfahren, unabhängig von den Vorurteilen, die man gegenüber der Person, die die Musik spielt, haben könnte.

Wenn du eine Person siehst, kannst du dich nicht vom ersten äußeren Eindruck freimachen. Seine Hautfarbe, seine Herkunft, eventuell seine Religion und wie er sich gibt. Die Maske hilft dabei, all diese Aspekte auszublenden und ermöglicht es dem Publikum, die Musik so tief wie möglich zu erfahren und zu erleben. Es geht nicht darum, wer spielt, was gespielt wird ist die Hauptsache.

Auf eurer Website steht, dass Art Against Agony sowohl eine Band als auch ein internationales Künstlerkollektiv ist. Kannst du uns das ein bisschen näher erläutern?

Klar. Art Against Agony im Ganzen ist ein Forum für künstlerische Repräsentation, für künstlerische Ausdrucksweisen. Die Musik ist nun mal der Kernfokus und der größte Aspekt dieses Projektes, aber es gibt durchaus auch noch andere Aspekte. Wir haben einen Fotografen, wir haben Leute die verschiedenste Kunstformen ausüben in unserem Projekt und wir sind auch ein bisschen in Europa verteilt. International ist vielleicht etwas hoch gegriffen, aber wir verwenden es, weil uns nichts besseres einfällt. Es gibt einen Italiener, wir haben Leute aus Russland, Deutsche und jetzt gibt es natürlich auch noch einen Inder.

Ich bin der einzige Asiate in der Gruppe und, wie ich gesagt habe, gibt es auch noch andere Aspekte als die Musik, aber die Musik ist schon der Hauptaspekt. the_sorcerer, der Lead Gitarre bei Art Against Agony, dem Musikprojekt, spielt, ist derjenige, der das ganze angefangen hat. Er ist der Gründer, er ist das Herz, der Kopf und die Seele des gesamten Projekts. Er ist ein Star, der seine Musik sehr ernst nimmt.

Eure neue EP heißt „The Forgotten Story“. Hat das etwas mit dem ersten Album „Three Short Stories“ zu tun?

„Three Short Stories“ wurde vor ein paar Jahren veröffentlicht und Art Against Agony spielen einige Konzerte jedes Jahr, sie haben ausgiebig in Russland getourt und es gibt Pläne, dieses Jahr wieder dort zu touren, vielleicht im Spätsommer. Da gibt es noch nichts konkretes, aber es zeichnet sich so langsam ab. Und weil diese Songs von „Three Short Stories“ so oft live gespielt wurden, weil es Prog ist und alle Musiker auch sehr gut improvisieren können, spielen sie die Songs inzwischen anders, sie haben sich verändert mit der Zeit. Sie haben sich sogar sehr verändert. Vor allem manche Teile in manchen Songs. Diese Songs also, die sich als am formbarsten herausstellten mit der Zeit, die am meisten gewachsen sind während sie wieder und wieder an verschiedenen Orten gespielt wurden, wurden ausgewählt und noch einmal aufgenommen, so wie sie inzwischen gespielt werden.

Das ist der Ausgangspunkt der CD namens „The Forgotten Story“. Du hattest recht, es hat etwas mit dem „Three Short Stories“ Album zu tun, das ein paar wunderschöne Songs hat. Es war übrigens auch das Album, mit dem ich mich damals Hals über Kopf in Art Against Agony verliebte. Diese EP nun trägt viel dazu bei, zu zeigen wie sich die Band tatsächlich entwickelt über die letzten dreieinhalb Jahre hinweg, wie sich ihr musikalisches Denken verändert hat. Es ist ein gutes Album für jemanden, der die „Three Short Stories“ schon kennt, aber auch um beide gleichzeitig zu entdecken und die Unterschiede zu finden.

Das bringt uns zur Musik selbst. Wie würdest du die Musik von Art Against Agony jemandem beschreiben, der noch nie etwas von euch gehört hat?

Ich gehöre noch nicht wirklich lange zu dieser Szene, vielleicht zehn Jahre, während Leute wie du bestimmt schon bis zu 20 Jahre dabei sind. Das bedeutet, dass ich in meinem Leben noch nicht so viele verschieden Prog Bands gehört habe wie andere. Wie dem auch sein, das Erste was mir in den Sinn kam, als ich Art Against Agony zum ersten Mal gehört habe war: das klingt wie der kleine Bruder von Animals Against (Herr Freud, ick hör dir trapsen/Red.) Leaders. Das war der erste Gedanke, den ich hatte. Es ist nicht unbedingt ein Einfluß für Art Against Agony, aber der Stil hat sich zu etwas sehr ähnlichem hin entwickelt. Aber es ist nicht nur das. Es ist sicher einiges an Animals Against (schon wieder…/Red.) Leaders und vielleicht auch Meshuggah vorhanden, so wie der Djent Sound integriert ist zum Beispiel, aber es geht auch ein bisschen darüber hinaus.

Es gibt einige jazzige Songs zu entdecken, zu genießen. Gut, proggiger Jazz. Es gibt ein paar Techno Songs, natürlich auch mit einer deutlichen Prog Schlagseite. Es gibt ein paar balladeske Songs, obwohl es keine Lyrics gibt, es ist eine ausschließlich instrumentale Band, jedenfalls Songs, die die sehr gut in einen Balladen-Kontext passen könnten. Und wiederum verproggt. Es gibt also eine ziemlich große Bandbreite. Die Chancen stehen gut, dass du etwas in Art Against Agony findest, das dir gefällt und du wirst es in verschiedenen Songs wieder finden. Für Neulinge also: Art Against Agony ist viel Djent, sehr proggiger Jazz, sehr proggiges Allerlei. Sie nehmen ihre Wurzeln von Überall her und machen etwas sehr progressives daraus. Aber die Haupteinflüsse sind definitiv Metal und Jazz.

Da du ja auf „The Forgotten Story“ noch nicht zu hören bist, gibt es schon konkrete Pläne für ein weiteres Art Against Agony Album mit Mridangam?

Das wird voraussichtlich irgendwann 2018 sein. the_sorcerer hat schon mit dem Songwriting-Prozess begonnen, hat schon ein paar Stückchen hier und da angebracht und wir hatten schon sehr viele Ideen. the_sorcerer und ich, wir verbringen viel Zeit im Studio, nur um Ideen auszutauschen, um zu sehen wie die Mridangam in diese Art von Djent reinpasst. Seien wir mal ehrlich, Mridangam im Prog, das ist schon ziemlich radikal. Ein paar Leute, die ich kenne, missbilligen ja das schon, aber Mridangam im Djent ist nochmal um einiges komplizierter. Vor allem da the_malkavian, der Drummer von Art Against Agony, einfach brilliant ist und schon sehr viele Patterns abdeckt. Es ist eine große Herausforderung, eine Ebene darüber oder darunter zu finden, damit die Mridangam etwas zum Djent beitragen kann.

Wieso nicht dazwischen?

Oder auch dazwischen, klar. Entweder um etwas zu akzentuieren oder zu verstärken, oder eine weitere Perspektive zur Rhythmusgruppe zu geben. Es ist wirklich eine große Herausforderung, nicht nur aufgrund der rhythmischen Sachen, die der Drummer eh schon spielt, sondern auch wegen der Frequenzen, die die Mridangam bereithält. Es gibt da einen bestimmten „Twang“ auf der rechten Seite der Mridangam, das ist etwas, das ein Djent Rhythmus nicht gewohnt ist.

Herauszufinden, wo genau und wie genau man das nutzen kann ist ein sehr zeitaufwendiger Prozess. Nicht nur für die Band als Ganzes, wie sollen die wissen, wie man einen neuen Sound einbetten kann, der noch nie zuvor benutzt wurde. Sie haben ja noch nicht mal eine Referenz im Metal oder Progressive Metal, die die Mridangam verwendet. Für sie ist es also genauso wie für mich eine technische Herausforderung, denn mit Prog und Djent zu spielen hat dazu geführt, dass ich einige Sachen in meiner Technik verändert habe. Ich musste die Art wie ich bestimmte Schläge einsetze verändern, um die richtigen Frequenzen zu produzieren.

Ich würde vielleicht nicht soweit gehen, zu sagen ich hätte einen neuen Schlag erfunden, aber ich habe drei existierende Standardschläge auf der Mridangam kombiniert, um einen anderen Sound herzustellen. Wenn es nach klassischen Mridangam-Standards geht, ist der Schlag, den ich verwende ein falscher Schlag, weil er so gar nicht existiert, aber ich benutze ihn so, weil er mir den Sound gibt, den ich gebrauchen kann. Deshalb habe ich ein paar Veränderungen vorgenommen wie ich mein Instrument behandel. Ich sitze auch nicht wenn ich spiele. Es ist eigentlich ein Instrument, das du auf dem Boden sitzend spielst, das auf deinen Beinen liegt, aber das mache ich nicht. Ich will headbangen wenn ich spiele, also benutze ich einen Schultergurt und stehe. Das hat auch dazu geführt, dass ich die Position meiner rechten Hand angepasst habe, die ist sehr anders wenn ich sitzen würde. Die Mridangam schwingt auch ein wenig nach links und rechts wenn ich stehe, spiele und headbange. Also musste ich die Positionen meiner Hände anpassen und auch meine Muskeln… Nach 30 Jahren Mridangam spielen sind die Muskeln an eine bestimmte Handhaltung gewöhnt. Jetzt sind alle diese Winkel komplett anders. Die Belastungen sind anders. Die Intensität und Kraft mit der ich auf der linken Seite trommeln muss ist sehr anders als es bei klassischer (indischer/Red.) Musik gemacht wird. Für mich ist es also auch physisch eine große Anpassung die ich machen muss, die ich weiter und weiter lerne immer wenn ich spiele…

Du hast diesen bestimmten „Twang“ erwähnt auf einer Seite der Mridangam, der nicht bekannt ist im Djent. Da musste ich an die Band Mute the Saint denken, die ein sehr anderes klassisch-indisches Instrument in ihren Djent einbauen, eine Sitar. Wenn ich mich recht entsinne, hat auch die Sitar einen bestimmten „Twang“…

Ich mag Mute the Saint. Ich finde sie sogar sehr toll und es gibt tatsächlich sehr viele neue Bands in Indien, die klassisch-indische Instrumente in Metal einbauen, wenn nicht sogar in Prog. Die klingen wirklich gut, sie verwenden auch indische Sprachen, es gibt Bands die auf heiligen Schriften basieren. Richtige Metal Bands, die ihre Inspiration aus diesen Schriften ziehen und Songs über sie und die Mythologien schreiben zum Beispiel. Die sind alle wirklich sehr gut, aber um deine Frage bezüglich der Sitar zu beantworten: der Unterschied ist, dass die Sitar selbst en tonales Instrument ist, wie eine Gitarre.

Wenn da also ein „Twang“ ist, geht der über viele Noten. Der „Twang“ ist also ein häufiges Merkmal, aber es zeigt sich über mehrere Noten. Dieser „Twang“ der Sitar ist also eine Ergänzung zur Gitarre, zur elektrischen Gitarre. Der „Twang“ der Mridangam ist eine Ergänzung zum Rhythmus. Wenn ich also nun den „Twang“ spiele muss ich darauf achten, dass er den Rhythmus nicht stört. Der „Twang“ der Mridangam hat aber auch eine bestimmte Frequenz. Wenn meine Mridangam also nun in D oder D# gestimmt ist, dann ist der „Twang“ natürlich auch in D bzw. Dis. Ich muss also dafür sorgen, dass der „Dis-Twang“ (bzw. der „D-Twang“) nicht an einer Stelle kommt wenn die Gitarre zum Beispiel ein Fis spielt. All das sind kleine Veränderungen, an die ich mich so langsam gewöhne, aber das wirklich Schwierige an dem „Twang“ ist, dass er nicht den Rhythmus beeinträchtigt, der auf den Drums gespielt wird.

Im Kontext klassischer indischer Musik sticht der „Twang“ selbst gar nich so heraus. Es kann jedoch akzentuiert werden, wenn jemand es so spielen möchte. Aber normalerweise ist es nur ein Teil der Phrasen die wir auf der Mridangam spielen, da sie das wichtigste Perkussionsinstrument im südindischen klassischen Musikensemble ist. Die Frage, ob der „Twang“ stört stellt sich dort gar nicht, aber im Kontext von Djent, Prog oder sogar Metal sieht das eben ganz anders aus.

Art Against Agony Logo

Genug von Twangs und ähnlichem, zurück zu Art Against Agony: vorhin hast du die Tour in Russland schon erwähnt. Auf der anderen Seite spielen Art Against Agony sehr selten hier in Deutschland, obwohl sich eure Basis ja in der Region Stuttgart befindet. Wie kam das denn zustande und gibt es Pläne, hier aktiver zu werden?

Das ist eine ganz einfache Antwort. Einfache Frage – einfache Antwort. Wir waren nicht sehr gut darin, uns zu vermarkten. Das ist uns gar nicht peinlich, das zuzugeben, da der Fokus eben auf dem Komponieren lag, darauf, die Art von Musik zu erschaffen, die die Band erschaffen wollte. Hin und wieder spielen wir in der Stuttgarter Region, aber du liegst vollkommen richtig mit deiner Beobachtung, dass wir total unbekannt in Deutschland sind. Wir sind wahrscheinlich in Russland berühmter als hier in Deutschland, was natürlich ein bisschen merkwürdig ist. Merkwürdig, aber wahr und wir werden versuchen, alles daran zu setzen, mehr Konzerte zu spielen, mehr Material zu veröffentlichen, mehr Leute zu erreichen.

Wir Leute in der Band, im Musikteil des Projekts, haben uns bis jetzt nicht wirklich um Marketing gekümmert. Wir sind auch keine Fans von extremem Marketing. Aber du hast schon recht, wir müssen versuchen, uns sichtbarer zu positionieren, um mehr Menschen zu erreichen, mehr Gigs an Land zu ziehen, mehr Ideen zu kriegen. Wenn du auf Tour bist fließen die Ideen nur so. Es ist auf jeden Fall etwas, das wir machen wollen und jetzt bin ich ja auch ein Teil von diesen Dingen, Reviews zu kriegen, Interviews zu bekommen wenn es etwas zu sagen gibt. nicht nur um des Marketings willen. Das ist genau das, was ich meine: wir würden keine Interviews geben, nur um Marketing zu betreiben, wir geben Interviews, weil es etwas neues, spezifisches zu berichten gibt. Das war unsere Herangehensweise, wir waren noch nie eine Geldmaschine, das liegt nicht im Fokus für Art Against Agony. Die meisten von uns sind junge Leute, ich bin der älteste in der Gruppe. Die anderen sind alle mindestens sechs Jahre jünger als ich. Sie bauen gerade ihr normales Berufsleben und ihre Karrieren auf.

Ihr wisst wie es ist im Prog Business, das ist keine Industrie zum Geld verdienen. Es sei denn du erreichst Dream Theater Status, aber es gibt natürlich wenige Bands in der Prog Szene die so groß sind wie Dream Theater. Wenn du für ein Publikum von 500 Leuten spielst bist du schon eine etablierte Band. Wir sind immer noch sehr, sehr weit entfernt von diesem Punkt. Wir wollen uns auf die Musik konzentrieren, aber gleichzeitig, um auf deine Frage zurückzukommen, werden wir tun was wir können, um etwas bekannter zu werden. Ohne es zu übertreiben, wir werden nicht jetzt plötzlich damit anfangen, 100 Leuten zu sagen: Bitte, liked unsere Seite… So sind wir nicht, das werden wir nicht tun.

Und somit sind diese bescheidenen Musikanten auf die Worte von Hobbyjournalisten und Betreuern wie mir angewiesen, die dann hundert Leuten sagen: Auf geht’s, gebt Art Against Agony ein Like auf Facebook, hört auf Bandcamp in ihre Musik rein und kauft sie, wenn es euch gefällt. Ich bin mir sicher, ihr werdet über bevorstehende Livedaten benachrichtigt, sobald sie angekündigt werden, wenn ihr ein Like dagelassen habt. Zum Beispiel am 25. Juni im 8Below in München, zusammen mit Deafening Opera und Mogadischu, oder am 29. Mai in Stuttgart im Max-Planck-Institut.

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Bandpic: Michael Ilg

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the_maximalist (Art Against Agony) über The Forgotten Story…

von Dario Albrecht Artikel-Lesezeit: ca. 11 min
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