Neuschwanstein – Interview zum neuen Album „Fine Art“

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Thomas Neuroth (Foto: Künstler)

Ȇberraschendes Comeback Рoder: Wie kommt man von Prog auf Matthias Reim

Es gibt in letzter Zeit einige Bands, die nach vielen, vielen Jahren Sendepause urplötzlich mit einem neuen Album auf der Matte stehen. So nun auch Neuschwanstein. Grund genug, mal bei Gründungsmitglied Thomas Neuroth nachzufragen, wie es zum Entstehen des aktuellen Albums gekommen ist.

Ich hatte längere Zeit nicht komponiert und war noch unschlüssig, was neue Musik betraf. Der Anruf des ehemaligen Flötisten kam gerade zur rechten Zeit. Wenn es auch ein trauriger Anlass war – der ehemalige Manager war gestorben – so führte dieser Anruf doch zum ersten Anlauf für „Fine Art“. Es wurde schnell klar, dass Neuschwanstein wieder wachgeküsst wird. Das habe ich getan und gleich die erste Musik geschrieben. Es folgten sechs abenteuerliche und chaotische Jahre, die damit endeten, dass Neuschwanstein sich nochmals neu formierte. Der zweite Anlauf mit der endgültigen Besetzung dauerte noch einmal zwei Jahre. Das hätte sicher auch alles schneller gehen können, aber: Was man nicht gleichzeitig tun kann, tut man eben nacheinander.

Wann entstand die Idee für „Fine Art“? Ist versucht worden, ehemalige Neuschwanstein-Musiker zu überreden, an diesem Projekt teilzunehmen?

Die Konzeption für „Fine Art“, einen Reigen von musikalischen Geschichten, war mir schon früh klar. Ein Album ohne Zwänge, mit Liebe zum Detail. Opulent. Mit Musik, die Geschichten erzählt, Emotionen weckt, Bilder vor dem geistigen Auge des Zuhörers erzeugt. Das sollte es werden. Ehemalige Bandmitglieder wurden nicht angesprochen. Beim ersten Anlauf war der Flötist noch mit dabei.

Wie lange hat es gedauert, das aktuelle Album fertigzustellen – vom Beginn der ersten Kompositionen bis hin zur Veröffentlichung?

Lange. Sehr, sehr lange. Wenn man den ersten Anlauf mit einbezieht, dann hat die Produktion von der ersten Note bis zur Veröffentlichung mehr als acht Jahre gedauert.

Wie kamen die weiteren Musiker zur aktuellen Neuschwanstein-Besetzung?

Über die Suche und Auswahl der Musiker schließt sich der Kreis. Nach dem Split der Band habe ich mit Michael, Freds Nachfolger, weitergemacht. Rainer Kind hat damals getrommelt. Als klar war, dass wir Deutschrock machen, habe ich Neuschwanstein schlafen gelegt. Die „Kiessling Band“ wurde aus der Taufe gehoben, und Robby Musenbichler hat die Gitarrenparts auf der „KB“-CD eingespielt. Für den zweiten, diesmal professionellen Anlauf für „Fine Art“ kamen nur diese beiden in Frage. Natürlich gab es Terminprobleme. Zumindest für „Fine Art“ war es dann aber ein Glücksfall, dass Matthias Reim seine Tour absagen und verschieben musste wegen Krankheit. Rainer, der für Reim getrommelt hätte, konnte sich so ganz „Fine Art“ widmen. Gary, Sabine und Gudula kenne ich schon länger als hochprofessionelle Solo- und Orchestermusiker und wollte schon immer mal mit ihnen arbeiten.

Gibt es Pläne, auch mal live aufzutreten?

Klaro. Es wäre das allerschärfste Ding, die CD auf die Bühne zu bringen. Mit großem Orchester und einer schönen Show in probater Kulisse. Dazu aus purer Sentimentalität ein paar alte Nummern. Es wäre nun deutlich zu kostspielig, ein Orchester zusammenzustellen oder zu mieten. Denn wenn Neuschwanstein antritt, dann nur üppig. Es wird sich zeigen, ob die Zusammenarbeit mit einem bestehenden Orchester möglich ist (Rundfunk, Theater o.ä). und sieben Terminkalender es zulassen. Bis dahin ist Neuschwanstein auch keine echte Band. Also nix mit Wochenende im Proberaum oder Ähnliches, sondern eine reine Studioveranstaltung mit Profis, die einen obergeilen Job gemacht haben. Sie gemeinsam auf der Bühne rocken zu sehen, wäre mir eine große Freude. Außerdem würden sich alle einmal kennenlernen.

Angesichts der Tatsache, dass von der „Battlement“-Besetzung auf dem aktuellen Album nur du noch dabei bist, war trotzdem von Beginn an klar, dass „Fine Art“ unter dem Namen Neuschwanstein veröffentlicht wird?

Ja, ganz klar. Neuschwansteins „Fine Art“ ist gleichzeitig musikalisches Resümée und musikalischer Neuanfang. Auch hier schließt sich der Kreis. Neuschwanstein war meine erste Band und schon immer mein Kind. Ich habe diesem Kind den Namen gegeben, und diesen Namen soll auch meine letzte Band tragen. Das heißt nicht, dass ich demnächst abtreten will. Aber es wird sicher keine Band anderen Namens mehr geben.

Neuschwanstein hat mit „Battlement“ seinerzeit einen Klassiker geschaffen. Welche Größenordnung muss man sich vorstellen, was den Verkauf von Platten bzw. CDs betrifft?

In die Zweitverwertung(neuer Mix+CD) von „Battlement“ war ich nicht involviert. Vom Erscheinen des Demotapes „Alice im Wunderland“, dem ersten ernsthaften musikalischen Gehversuch der Band, zum größten Teil von mir komponiert, habe ich nur zufällig erfahren und mir im Versandhandel ein Exemplar besorgen müssen. Ich kann es auch nicht an Tantiemen festmachen, denn wie viele CDs und LPs auch immer verkauft wurden – bis zu mir hat es jedenfalls keine Tantieme, keine Mark, kein Euro geschafft. Auch über die in Europa vorgeschriebenen und üblichen Meldungen der Presswerke an die Verwertungsgesellschaften wie z.B. die Gema lässt es sich nicht aufschlüsseln. Unser damaliger Manager, der am liebsten mündliche Absprachen getroffen, sie mit Handschlag besiegelt und mit Bargeld bezahlt hatte, hat womöglich sein Wissen darum mit ins Grab genommen. Die Jungs von Musea werden es bestimmt wissen. Mich interessiert es nicht mehr.

Wie ist damals die Zusammenarbeit mit Musea entstanden? Besteht immer noch Kontakt?

Ich glaube, der Gitarrist oder unser Manager hatten den Draht. Sicher bin ich nicht. Zu den Franzosen besteht kein Kontakt mehr.


Seid ihr damals mit „Battlement“ live aufgetreten?

Ja, natürlich. Hauptsächlich im Großraum SaarLorLux. In allen möglichen Örtlichkeiten. Ich erinnere mich gut an ein Open Air in der Burgruine von Sierck-les-Bains. Sensationell die Atmosphäre, der Blick von der Bühne über das Publikum auf die Windungen der Mosel. Sensationell auch der Erfolg beim Publikum, sensationell aber vor allem das Gefluche der Roadies. Auf die Burg führte nur der alte, originale Monster-Kopfsteinpflasterweg. Nix für Sackkarren, nix für Flightcases, nix für irgendwas mit Rollen. Für LKW gab es keine Auffahrt und alles musste von Hand und zu Fuß über
fast 40 Höhenmeter ca. 300 Meter weit getragen werden. Es waren 29 Grad, das Trockeneis für die Nebelmaschine, am Morgen per Express aus Ludwigshafen angekarrt, bereits in desolatem Zustand. Nach dem siebten Mal Gehen haben unsere Roadies gemeutert. Wir haben dann die Kräftigeren der ersten ankommenden Zuschauer gebeten, etwas mit nach oben zur Bühne zu nehmen und selbst Hand angelegt, so ging es dann.

Das war eine Nummer. An sowas erinnert man sich gerne. Wir haben aber auch häufig Support gemacht für alle möglichen Acts. Lucifers Friend, Wolf Maahn, Novalis, was es damals halt so gab. Immer gab es Zoff zwischen unseren Roadies und denen der anderen Bands wegen verschwundener Gaffa-Rollen. Nach den Konzerten sind wir oft im „Hades“ gelandet, einer Kneipe in Saarbrücken, die bis drei Uhr morgens offen hatte und Spaghetti anbot. Rustikales Kellerambiente, verqualmter Rauhputz, Chianti-Flaschen als Kerzenhalter, Steinfußboden. Zu der Zeit hatte unser Schlagzeuger immer seinen Hund mit, einen Pudel namens Toxi. Toxi war umgänglich, pflegeleicht und musste mal. Sein Herrchen hatte den ganzen Abend getrommelt und dann versäumt Gassi zu gehen.Toxi war gut erzogen und wusste: Holz- oder Teppichboden ist tabu. Und so führten alleine seine Materialeigenschaften dazu, dass den Steinfußboden alsbald, bei vollem Haus und zur besten Uhrzeit, ein dampfender und duftender Haufen zierte. Das ist auch eine Nummer, an die man sich gerne erinnert. Da war richtig Tumult.

Später ist mit Alice im Wunderland ja noch Musik veröffentlich worden, die noch vor „Battlement“ komponiert wurde. Zerbrach die damalige Formation direkt nach „Battlement“, oder ist zur damaligen Zeit noch weiteres Material entstanden, das nie erschienen ist?

Ja, es gab gut ein Dutzend anderer Titel, sowohl mit Frederic Joos als auch mit seinem Nachfolger Michael Kiessling. Nach dem Erscheinen der LP „Battlement“ hat sich die Band ja nicht direkt aufgelöst, sondern auf der Basis der LP recht erfolgreich live gespielt. Später dann, nach dem Ausstieg von Fred, mussten schon ein paar neue Titel her. Die waren stilistisch deutlich anders, mussten anders sein, da Michaels Gesangsstil sich sehr von dem Freds unterschied. Die werden aber sicher nicht auch noch veröffentlicht (lacht).

Gibt es noch Kontakte zu den damaligen Musikern? Weißt du, wer noch als Musiker aktiv ist?

Kontakte gibt es so gut wie keine mehr. Soweit ich weiß, hat Roger ein Jimi-Hendrix-Projekt am Laufen. Die restlichen Jungs sind alle in ihren Jobs aufgegangen und musikalisch schon lange nicht mehr aktiv.

Gab es jemals zwischendurch Neuschwanstein-Reunionpläne?

Oh, ja. 1994, anlässlich des Erscheinens der CD. Wie das immer so ist, wenn man sich nach langer Zeit wiedersieht, von alten Zeiten erzählt und viel Alkohol trinkt. Nun waren wir ’94 allerdings endgültig in alle Winde zerstreut und die unterschiedlichen Lebensläufe seit der Trennung der Band waren deutlich. Ein professionelles Ergebnis wäre nicht erreicht worden. Eigentlich war auch allen klar, dass es nichts wiederzuvereinen gab, also haben wir es gelassen.

Wer spricht den lustigen Text auf „Die Geschichte vom kleinen Hähnchen“ und wie kam es, dass ein solcher Ausreißer auf der CD landete?

Bei diesem Titel wollte ich einen Gegenpol zur Ernsthaftigkeit und den fetten Besetzungen der übrigen Musiken setzen. Da bot sich die Flöte an, für die ich schon immer gerne komponiert habe. Auch die Betitelung sollte, wenn man sie laut liest, länger sein als die eigentliche Musik. Was daraus geworden ist, man kann hören. Als der Text dann gelesen werden sollte, kam nur einer in Frage: Harry Rowohlt. Leider, leider sollte das nicht sein. Der große Harry Rowohlt verstarb noch während unserer Korrespondenz. Den Text habe ich dann selber gelesen. Sicher nicht so unnachahmlich, wie Harry Rowohlt das getan hätte. Aber zufriedenstellend.

Was sind deine musikalischen Vorbilder und welche hört man deiner Meinung nach in deiner Musik möglicherweise auch heraus?

Als musikalisches Vorbild verstehe ich in erster Linie jemanden, von dem man viel lernen kann. Dessen Technik, Stil und handwerkliche Kniffe für einen jungen Musiker oft eine himmlische Offenbarung sein können. Und dann gibt es ja auch noch die kleineren Vorbilder. Es ist ja nicht nur ein einziger Künstler, ein Pianist, ein Gitarrist, den man richtig gut findet. Sind die musikalischen Vorbilder in jungen Jahren und als Anfänger also noch hoch verehrt, so werden sie mit den Jahren irgendwann zu geschätzten Kollegen. Man hat viel gelernt von ihnen, nutzt ab und an ihre Kniffe, hört sie immer noch gerne und voller Hochachtung.

Das eigene Schaffen, der eigene Stil und die eigenen handwerklichen Kniffe haben allerdings den deutlich höheren Stellenwert. Ein Vorbild war für mich auch immer mit seinem Instrument verbunden. Wenn Du mich also fragen würdest, wer war in jüngeren Jahren Vorbild fürs Klavier, dann würde ich sagen Gulda, bei der Hammond Emerson oder Smith, bei den Drums käme ich auf Philips oder Bertram Engel, bei den Gitarristen auf Lukather und Gilbert, und so weiter. Was Orchester angeht ist Brahms immer noch das große Vorbild. Ich werde mich aber zeitlebens hüten, ihn einen „geschätzten Kollegen“ zu nennen. Stilistisch und in Sachen Bandsound gibt es kein Vorbild. Was ich da mache, macht ja so keiner: Diese enge Verbindung von Orchesterstimmen mit Bandinstrumenten. Das geht weit über jedwede Form der üblichen Begleitung anderer Instrumente hinaus. Band und Orchester spielen ja zusammen, sind ineinander verwoben und miteinander verschmelzend.

Raushören kann man sicher meine Stil- und Soundzitate. Das beste Beispiel ist das musikalische Thema Debussys, das ich in die Renaissance, zu Rock am Ring und anschließend durch die Hammond schicke. Man kann meine kleine Liebe zur Quarte erkennen. Debussy hat die Quarte auch sehr gemocht, Emerson ebenso. Vielleicht kann man hören, dass ich Greenslade gerne gehört habe und Renaissance, aber auch UK, Jethro Tull, ja, Wakeman auch, viel Schumann und Wagner, viel Vaughn Williams, Steve Vai und Chick Corea, Keith Jarrett, Paul Kuhn, Gino Vanelli, Jacques Loussier, Springsteen, David Foster, Springfield, Mr.Big, Minnemann, Anne Sophie Mutter und tausend andere. Wer feine Ohren hat, kann auch das Pferd und die Harley Davidson hören. Dem ersten, der mir Titel und Laufzeit für Pferd und Motorrad mailt, dem schenke ich eine LP.

Im Allgemeinen ist es für einen Hörer zur Orientierung und zum Einordnen sehr sinnvoll, Vergleiche zu bemühen. Es gibt allerdings nichts Schlimmeres für einen Musiker oder Künstler, als zu hören: Geil, was Du da machst. Das klingt ja wie xy. Das sieht ja aus wie yz. Du singst ja wie xx. Zack, sitzt die ganze Kapelle gleich mit in der Falle. Das sollte aber zu denken geben. Der damalige Bandsplit hatte auch darin seine Ursachen. Warum sollte eine Band X, die es ernst meint, eine andere Band Y kopieren, die es schon gibt? Oder, was ja noch geiler ist, fast 20 Jahre später einen neuen Mix auflegen, um dabei ganz bewusst noch mehr in die Kopie zu driften? Meine Antwort darauf: Die Ursprünge menschlichen Handelns liegen tief im Verborgenen. Wen man also auf „Fine Art“ heraushört? In erster Linie Neuschwanstein und Thomas Neuroth. Wer was anderes hören will, findet das aber sicher auch.

Inwieweit verfolgst du die progressive Rockszene und was sind deine aktuellen persönlichen Favoriten?

Hin und wieder mache ich einen Rundumschlag durch die Szene. Allerdings wirklich selten. Ich verfolge aber weniger die Szene, als vielmehr einzelne Musiker und deren Werdegänge. Während der Kompositionsphasen vermeide ich es seit vielen Jahren so weit wie möglich, anderer Leute Musik zu hören. Das lenkt einfach viel zu sehr von der eigenen Arbeit ab und beeinflusst zu sehr. In den Pausen höre ich natürlich. Mein derzeitiger Musikfavorit ist Satriani.

Was hat es mit den in der Innenseite abgedruckten Zahlen (Längen- und Breitengrade?) auf sich?

Das soll eigentlich ein Geheimnis bleiben, das sich jeder Hörer selbst entschlüsselt. Des Rätsels Lösung nur über Googles Satelliten ist ungenau. Es hilft beim Kombinieren, die Bilder den Titeln zuzuordnen – ein bisschen Google … Man kann es rauskriegen. Auch hier gilt: Der/die Erste macht das Rennen um eine kostenlose LP. Frage: Wenn Sie den Koordinaten auf dem Cover folgten, wo befänden Sie sich im Abstand von weniger als einem Meter?

Wie sind die bisherigen Reaktionen auf das neue Album?

Es überwiegt überschwängliche Begeisterung. Manche vermissen den Gesang. Ich verstehe das sehr gut, habe mir selbst lange gewünscht, es käme eine zweite „Selling England“ und ein zweites „Karn Evil9“ raus. Ich sage dazu nur: Ich hab‘ es dann eingesehen. Mancher findet sich im komplexen Opener ‚Fêtes‘ wieder, andere mögen lieber das durchgängigere „The Angel of Sodom“. Bei „Der Mond ist aufgegangen“ hat eine junge Frau geweint, weil es so schön traurig war, wie sie meinte. Die ersten CDs sind nach Japan unterwegs. Aus den USA gibt es Anfragen. Der Saarländische Rundfunk hat ein Feature gemacht, demnächst der WDR.

Was sind die weiteren Pläne in Sachen Neuschwanstein?

Zunächst einmal CDs und LPs verkaufen und die Liveschiene mit Orchester in Gang bringen. Bis dahin neue Musiken schreiben und die nächste CD machen, auf der ein großer Chor mitsingen wird. Der Musikstil ist nun klar, die Basisbesetzung auch. Insofern sollte es nicht wieder 38 Jahre dauern.


Surftipps zu Neuschwanstein:
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von Juergen Meurer Artikel-Lesezeit: ca. 10 min
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