Roine Stolt, Kaipa DaCapo, u.a. zur aktuellen Tour

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»Zurück zu den Ursprüngen«

Roine Stolt hat in den letzten Monaten abseits der aktuell inaktiven Flower Kings durch verschiedene Aktivitäten auf sich aufmerksam gemacht, die auch hier zur Sprache kommen sollen. Doch vor allem soll es um die von ihm wieder ins Leben gerufenen Kaipa gehen, die sich Kaipa DaCapo nennen und mit ihrem neuen Album Dårskapens Monotoni ein kräftiges Ausrufezeichen gesetzt haben. In Kürze darf man das auch live erleben, Grund genug also, mal bei Roine nachzufragen.

Kaipa veröffentlichten in den Siebzigern drei Symphonic-Prog Klassiker. Danach wechselte man den Stil drastisch und verschwand schließlich in den 80ern. Ende der 90er gab es Reunion-Pläne, aber dies scheiterte. Warum hat es damals nicht geklappt und wie kam es so viele Jahre später dann doch dazu?

Ich denke, es war damals einfach nicht die richtige Zeit dafür. Tatsache ist, dass bereits in den frühen 90ern darüber gesprochen wurde, wieder Kaipa-Musik zu spielen und neue Songs aufzunehmen, Hans Lundin jedoch glaubte, dass eine Reunion mit Ingemar und Tomas nicht funktionieren würde. Wir bräuchten virtuosere Musiker. Nach einer Weile merkte ich, dass der wahre Kaipa-Sound irgendwie nicht mehr vorhanden war, auch wenn Morgan, Jonas und Patrick exzellente Musiker sind. Das alles führte mich dazu, wieder mit Tomas und Ingemar zu spielen und zusammen mit Michael (Stolt) und Max (Lorentz) Kaipa DaCapo zu gründen. Wir wollten einen organischeren Sound – ganz anders als diese fixierten Sequenzer-Aufnahmen. Wir spielen einfach nur Musik auf eine natürliche Art, ohne Uhr oder Metronom.

Hattest Du ursprünglich versucht, die komplette Originalbesetzung zusammen zu bringen einschließlich Hans Lundin, oder war von Anfang an klar, dass Lundin mit seiner eigenen Kaipa-Version weiter macht?

Ja, wie gesagt hatten wir um 1990 ein paar Aufnahmen in Tomas‘ Studio versucht, aber das ist nie veröffentlicht worden. Für Hans Lundin hatten die Aufnahmen nicht den nötigen Standard, also wurde es zurück gestellt. Einige wurden später übrigens zu Flower-Kings-Songs.

Ihr habt jetzt Max Lorentz als Keyboarder, der einen perfekt passenden „vintage“ Keyboardsound beisteuert. Für mich ein neuer Name – hat er vorher bereits in anderen Prog-Bands gespielt?

Das nicht, aber Max ist ein sehr bekannter Musiker in Schweden, er hat in den letzten 25 Jahren mit Künstlern wie Sanne Salomonsen, Mats Ronader, Michael Rickford, Kim Larsen, Rolf Wikstrom, Tyla Gang etc. gespielt und Alben aufgenommen – so etwa vor 15 Jahren hatte er sogar eine eigene TV Show.

Ihr habt erst live gespielt und später ein Album aufgenommen. War es so geplant, erst mal durch Konzerte zu testen, ob die Zusammenarbeit funktioniert, und dann neue Musik zu komponieren?

Eigentlich sollten es nur ein paar Konzerte sein, rein aus Spaß. Aber wir blieben dran und es machte in der Tat viel Freude. Ich schlug dann vor, neues aktuelles Material zu schreiben. Dass es das Beste wäre, mit neuer Musik zu zeigen, dass die Band 2016 noch lebt.

 Ihr habt 2015 auf dem Loreley-Festival gespielt – wie waren Eure Erfahrungen?

Ja, das hat Spaß gemacht – aber rückblickend betrachtet hätten wir natürlich warten sollen, das war noch zu früh. Die Band klingt jetzt viel besser! Und wir werden immer besser. Ich habe schon oft auf der Loreley gespielt, zweimal mit den Flower Kings, je einmal mit Agents of Mercy sowie Transatlantic. Somit war Kaipa DaCapo sogar das fünfte Mal! Das ist immer ein schönes Festival. Andere Bands und Leute aus dem Geschäft zu treffen – allein das ist toll. Das ist ein großartiges Festival für den Prog.

Als ihr damit begonnen habt, neues Material für Kaipa daCapo zu schreiben – gab es da die Absicht, genau die Atmosphäre der frühen 70er-Alben wieder zu erzeugen? Oder wolltet Ihr einfach nur schauen, wo das Ganze hinführt?

Ersteres, zumindest hatte ich es so im Sinn. Es sollte etwas Besonderes sein, anders als Steven Wilson, Ayreon, Big Big Train, Dream Theater oder Neal Morse. Es sollte mehr die alte Schule sein, also live im Studio eingespielt, auch mit allen möglichen Schwachstellen – und einer „menschlichen Note“, wie halt alte Bowie, wie Yes- oder Beatles-Alben.

Für mich ist Michael eine exzellente Wahl als Lead-Sänger. Habt ihr als Quartett begonnen oder war Michael von Anfang an dabei?

Wir sollten auf einem Festival in Schweden spielen, aber wir waren nur Schlagzeug, Bass und Gitarre und ich sagte “Wir brauchen einen Lead-Sänger”. Michael schien eine gute Wahl zu sein, er spielt Gitarre, Bass und Tasteninstrumente – eine Art Schweizer Armeetaschenmesser als Musiker.

Wie in den 70ern wird wieder auf Schwedisch gesungen. Wurde lange darüber diskutiert oder war das von vorneherein klar? Auf der einen Seite würde man vielleicht Interessenten verlieren, wenn nicht in Englisch gesungen wird, andererseits wirkt es so möglicherweise authentischer? Wurde über diese Standpunkte diskutiert? Oder sollte einfach die Geschichte der alten Kaipa weiter geführt werden – und zwar in Muttersprache?

Ich habe das vorgeschlagen. Ich dachte, dass zu viele Bands gleich klingen, zu viele in Englisch singen. Ich habe selbst in vielen solcher Bands gespielt. Ich dachte, dass der schwedische Gesang uns von den anderen Bands unterscheidet. Wir wollen bewusst etwas anders sein.

Was bedeutet eigentlich der Titel des neuen Albums und wovon handeln die Texte?

Der Titel bedeutet in etwa „Der ewige Wahnsinn“ oder „Wiederkehrender Irrsinn“, so etwas in der Art. Ein passender Titel, wenn man sich die heutige Zeit anschaut. Immer noch überall diese Habgier, überall Kriege, Hungersnöte und Ausbeutung der armen Länder. Die Verblödung der Bevölkerung und die Zerstreuung durch dämliche TV Shows. Schau dir doch aktuell nur mal die USA an – das ist erschreckend übel. Ein großer Teil der Texte handelt davon.

Ihr seid im Februar auf Tournee und spielt auch in Deutschland. Habt ihr in den Siebzigern mit Kaipa jemals in Deutschland gespielt?

Nein, nur das Loreley Festival. Davon abgesehen haben wir nie in Deutschland gespielt. Dies wird also sehr interessant für uns. Wir hoffen, dass wir noch viele Fans der alten Siebziger-Alben haben!

Gibt es Pläne, mit Kaipa daCapo weiter zu machen und ein zweites Album zu produzieren?

Ich denke, mindestens noch ein weiteres Album. Danach, wer weiß. Solange es noch Spaß macht, uns die Hörerschaft noch interessant findet und CDs kauft, sehe ich keinen Grund aufzuhören. Also ja, das könnte eine länger andauernde Geschichte werden – bis wir zu alt sind, haha.

Abgesehen von Kaipa DaCapo, was darf der Musikfan von Dir 2017 erwarten? Irgendwelche anderen Projekte (solo oder mit anderen Bands)? Ich erinnere mich, dass es Pläne für eine Zusammenarbeit mit Iona gab oder ein weiteres Projekt mit dem ehemaligen Tull-Drummer Doane Perry – gibt es da etwas Neues?

In den vergangenen Jahren hat es sehr viele Gespräche gegeben, Dave Bainbridge/Iona, sicherlich Doane Perry, John Wetton und David Cross (King Crimson), George Wadenius (Blood Sweat & Tears), Dave O’List und natürlich Steve Hackett. Alle äußerst nette und talentierte Musiker. Es gibt einfach nicht genug Zeit, all diese Wege zu erforschen.

Zwei Namen müssen natürlich hervorgehoben werden: Wie kam es dazu, dass du mit Steve Hackett auf Tour warst, und wie kam das Anderson-Stolt-Album zu Stande?

Ich kenne Steve seit etwa 2009. Ich wurde gefragt, ob ich auf seinen Alben und bei einer Show in der Royal Albert Hall mitmachen würde. Dann sang mein Freund Nad Sylvan bei Steve vor. Als dann Nick Beggs mit Steven Wilson unterwegs war, brauchte Steve einen Bassisten, und Nad erzählte ihm, dass ich auch Bass spiele, und dass ich gut sei, und so spielte ich mit Steve 85 Konzerte!! Eine gewaltige Erfahrung, diese alten Genesis-Lieder zu spielen und Songs vom “Voyage of The Acolyte”-Album – wie ich das geliebt habe!

Jon Anderson lernte ich 2011 kennen, als wir auf einer Kreuzfahrt in der Karibik eine Show mit Yes-Songs zusammen spielten. Sogar „Topographic Oceans“-Titel standen auf dem Programm! Vorher hatte ich ihm schon mal Demoaufnahmen geschickt, aber wir waren nie wirklich in Kontakt bis dahin. Es war toll, die alten Yes-Sachen zu spielen. Ich denke, es gab ihm ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen, dass ich dies spielen konnte und die Art der Architektur der Yes-Musik verstand. Unser Plattenboss Thomas Waber schlug eine Zusammenarbeit vor und Jon stimmte noch am gleichen Tag zu. Wir hatten einen Lauf, als Jon mir nur Stunden später ein paar Demos schickte. Es war ein Riesenspaß und ich habe viel gelernt. Er ist ein einzigartiger Musiker, er ist sehr freundlich, höchst professionell und jetzt ein guter Freund. Und wir planen bereits ein neues Album.

Und natürlich die Flower Kings! Ist die Band auf Eis gelegt oder sind die FloKis Geschichte?

Im Moment ist diesbezüglich nichts geplant – aber sag niemals nie. Allerdings sind die Chancen für die nächsten fünf Jahre sehr gering. Aber es gibt ein sehr interessantes Projekt für 2017 – wir arbeiten bereits hart am Songwriting und stellen gerade eine Art All-Star-Band zusammen.

Die neueste Nachricht: Max Lorentz wird auf der anstehenden Tour nicht dabei sein. Was ist passiert und wer wird ihn ersetzen?

Ja, es hat einen bösen Unfall gegeben. Er spielte mit einer Art Punk-Band namens Bitch Boys, nur aus Spaß. Aber da gab es einen verrückten Kerl, der ihn auf der Bühne verletzt hat. Dabei hat Max sich den Fuß gebrochen! Es wird noch eine Weile dauern, bis er es auskuriert hat. Stattdessen wird Lalle Larsson (Karmakanic) für ihn einspringen. Und Progrock-Fans wissen, dass Lalle ein fabelhafter Keyboarder ist und eine Macht sein kann – also wird alles gut. Es wird anders sein, aber toll. Lalle wird noch mal eine ganz neue Dimension einbringen.

Noch irgendwelche zusätzlichen Kommentare?

Nein, nicht wirklich. Ich denke, wir haben alles abgedeckt – wirklich gut. Vielen Dank!

Kaipa DaCapo sind ab 07.02. in Deutschland unterwegs (siehe auch oben) und es bleibt zu hoffen, dass der geneigte Fan sich diese seltene Gelegenheit nicht entgehen lässt. Hingehen!

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Kaipa Interview (2003, Progressive Newsletter)

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Roine Stolt, Kaipa DaCapo, u.a. zur aktuellen Tour

von Juergen Meurer Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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